Tagblatt Online, 03. Juli 2012 20:52:33
Beschleunigung im Schneckentempo
Die Gäubahn auf ihrem Weg nach Zürich. (Bild: NZZ)
Noch immer dauert die Fahrt von Zürich nach Stuttgart drei Stunden. Besserung ist nicht in Sicht, vielleicht aber zumindest ein direkter Anschluss an den Stuttgarter Flughafen.
Von Caspar Heer, Stuttgart
Auch diesen Montag versammelte sich wieder eine Hundertschar Demonstranten vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Zwar liegt die Volksabstimmung über den umstrittenen Tiefbahnhof mehr als ein halbes Jahr zurück. Trotz dem damals eindeutigen Ja zu «Stuttgart 21» ist die Stimmung noch immer aufgeheizt. Das könnte sich negativ auf ein Folgeprojekt auswirken: Die Anbindung der Gäubahn von Zürich–Schaffhausen an den neuen Knoten in der Landeshauptstadt.
Der Interessenverband Gäu-Neckar-Bodensee-Bahn traf sich deshalb am Montag in Stuttgart, um für den Ausbau dieser vernachlässigten Fernverbindung Dampf zu machen. Im Verband engagiert sich auch Schaffhausen dafür, dass der Fernverkehr nicht lokalen Interessen geopfert wird. Die jetzige Strecke führt direkt in den Kopfbahnhof. Für die Zukunft hat die Deutsche Bahn eine Linienführung geplant, die über den Stuttgarter Flughafen und das Messegelände auf der Fildern in den neuen Tiefbahnhof führt. Diese Strecke wäre zwar länger, aber die Reisezeiten blieben ungefähr identisch. Obschon das Baubewilligungsverfahren bereits läuft, wurde ein Bürgerbeteiligungs-Verfahren gestartet, der sogenannte «Filder-Dialog». Und so stehen plötzlich wieder sechs Streckenführungen zur Diskussion, wobei der baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann eine Variante favorisiert, die nicht über den Flughafen führt. Ins Spiel gebracht wurde zudem eine Verlegung des Gäubahn-Verkehrs über Tübingen, was die Fahrzeiten markant verlängern würde. Dagegen wehrt sich der Gäubahn-Interessenverband energisch. Am direkten Anschluss an den Flughafen dürfe nicht gerüttelt werden.
Welche Variante zum Zuge kommt, will die Deutsche Bahn nach Abschluss des Filder-Dialogs noch im Juli bekanntgeben. Für den DB-Konzernbevollmächtigten Eckart Fricke steht klar eine der Flughafenvarianten im Vordergrund, weil dies der schwach frequentierten Strecke zusätzliches Potenzial brächte. Hinzu kommt eine neue Perspektive für den Fernverkehr: Die Züge aus Zürich könnten künftig über Stuttgart nach Nürnberg weitergeführt werden. Dort bestünde ab 2017 Anschluss an die Hochgeschwindigkeitsstrecke nach Leipzig und Berlin.
Skepsis bleibt angebracht: Schon 1996 haben die Schweiz und Deutschland im Staatsvertrag von Lugano vereinbart, den Fernverkehr zwischen Zürich und Stuttgart markant zu beschleunigen. Doch geschehen ist seither wenig. Der zeitweilige Einsatz von Neigezügen wurde wegen technischer Probleme wieder eingestellt, und die Aufwertung der Strecke lässt auf sich warten. Zwar sind Streckenausbauten zwischen Bülach und Schaffhausen praktisch fertig. Doch auf deutscher Seite ist erst eine Doppelspur bei Horb verbindlich zugesagt, für alle übrigen Ausbauwünsche fehlt das Geld. Offen ist laut Fricke auch die Frage, ob die Deutsche Bahn wieder schnellere Neigezüge einsetzt oder sich von dieser störungsanfälligen Technik endgültig verabschiedet.
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