Tagblatt Online, 15. Juli 2012 08:48:09
Auf dem Schweizer Rock-Olymp
Begeisterte Gesichter am Eröffnungsabend. (Bild: Simon Tanner/NZZ)
Das Gurtenfestival gehört zu den festen Grössen im Open-Air-Sommer. Die Lage auf dem Berner Hausberg sorgt für besondere Herausforderungen, aber auch für eine besondere Stimmung.
Marcel Amrein
Ob denn der Zirkus auf den Gurten komme, fragt der Knabe die ältere Frau an seiner Hand, die wohl seine Grossmutter ist. Runde Zeltdächer, rotweiss gemustert und mit Sternen verziert, lassen sich an diesem Montagmittag zwischen den Baumkronen auf dem Ausflugsberg hoch über Bern erkennen. Doch kein Clown und kein Raubtierdompteur werden hier auftreten, sondern beachtliche Musikgrössen: Noel Gallagher, einst Aushängeschild der britischen Rockgruppe Oasis, und die amerikanische Soul- und Jazzsängerin Norah Jones sollen hier in drei Tagen die Eröffnung des 29. Gurtenfestivals markieren.
Bauen auf dem Berg
4 Kilometer Zäune, 20 Kilometer Kabel und 13 000 Quadratmeter Bodenplatten müssen bis dahin verlegt sein. Die Hauptbühne und die anderen grossen Bauten stehen zwar schon fest verankert auf den grünen Matten. Aber immer wieder kommen Transportwagen mit neuem Material auf dem Gipfel an, und emsige Hände sind bemüht, dass alles am rechten Ort zu stehen kommt.
Philippe Cornu, einer der beiden Cheforganisatoren des Festivals, hat an diesem Tag eigentlich ganz anderes zu tun, als mit einem Journalisten zu sprechen; immer wieder muss er am Telefon logistische Probleme lösen oder Taxis für verirrte Stars bestellen. Dennoch nimmt er sich Zeit und erzählt die Gurten-Geschichte, die er selber zu einem guten Teil mitgestaltet hat.
Vor über zwei Jahrzehnten hat er mit seinem Team das Festival übernommen, das infolge heilloser Defizite vier Jahre lang eingestellt gewesen war. Dessen Ursprünge reichen zurück ins Jahr 1977, als einige Folk-Pioniere nach einer schicksalshaften Vollmondwanderung erstmals Konzerte auf dem Gurten veranstalteten.
Eine Bühne, zwei Sonnenschirme, Lautsprecher: Das war im Wesentlichen die Infrastruktur zu dieser Zeit, doch für die Puristen war es schon zu viel: «Frevel! Verstärkte Musik!», riefen sie im Protest. Was würden sie wohl sagen ob all der Professionalität, all der Technik und auch ob des allgegenwärtigen Sponsorings, ohne das ein Festival heute undenkbar wäre? Open Airs sind zu Massenveranstaltungen herangewachsen, und das Gurtenfestival reiht sich mit seinen täglich 20 000 Besuchern unter die grossen der Schweiz ein.
Und doch unterscheidet es sich, es herrscht ein eigener Geist auf dem Gurten. Das mag an der gewollten Breite der Musikstile liegen, an der starken Nachwuchsförderung oder einfach an Bern. Schliesslich ist Bern die Kapitale des Schweizer Mundartrocks, und der Gurten ist untrennbar mit so klingenden Namen wie Patent Ochsner oder Züri West verbunden. Für all die Berner Mundartgötter ist der «Güsche», wie der Hausberg hier genannt wird, gleichsam zum Olymp geworden.
Gerade weil es auf einem Berg stattfindet, ragt das Festival aus der übrigen Open-Air-Landschaft heraus. Auf dem Berg stünden die Festivalteilnehmer über ihrem alltäglichen Leben und seien von diesem in gewisser Weise getrennt, erklärt Philippe Cornu. Manch einer werde fast depressiv, wenn er nach vier Tagen wieder hinabsteigen müsse. Den internationalen Stars hingegen ist die Spielstätte hoch auf dem Berg nicht immer ganz geheuer: Das könne doch unmöglich der Weg zum berühmten Gurtenfestival sein, denken sie, wenn sie vorbei an Hochlandrindern die kurvige Zufahrtsstrasse hinaufgefahren werden. Oben angekommen, sind sie dann aber fasziniert: Das unebene Gelände auf dem Gurten ist derart gestaltet, dass es vor der Hauptbühne sachte ansteigt und eine natürliche Arena entstehen lässt. Auch die hintersten Zuschauer können den Künstler auf der Bühne sehen, und dieser wiederum hat sein ganzes Publikum vor Augen.
Allerdings ist auf dem vorgegebenen Gelände nur wenig Veränderung möglich, und der Gipfel sorgt für enge Verhältnisse. Während sich die Open Airs auf der Ebene stets neu erfinden können, muss hier oben jeweils gut überlegt sein, was machbar ist. Weder können Kräne für neue Bauten aufgestellt werden, noch können Sattelschlepper die enge Strasse hinauffahren.
Improvisiertes Bauen geht erst recht nicht. Die Sicherheit stehe heute über allem, erklärt Cornu. Schläft er denn jeweils gut, wenn Tausende Menschen auf dem Berg oben sind? Cornu sagt, er habe zwar Vertrauen in die sorgsame Arbeit. «Aber ich verspüre doch jeweils grosse Erleichterung, wenn nach vier Tagen die vielen Besucher wieder wohlbehalten unten sind.»
Keine Schlammschlachten
Doch am Donnerstag kommen die Besucher erst einmal hoch. Gegen Mittag spuckt die Gurtenbahn alle sechs bis sieben Minuten ein paar Dutzend mit Zeltstangen, Schlafsäcken und anderem schwerem Material bepackte Besucher aus; andere wagen den Aufstieg zu Fuss. Für die kühle und windige Witterung ist die Kleidung erstaunlich leger. Es dominieren kurze Hosen und Flipflops. Ein paar Vorsichtige haben an ihren Rucksäcken immerhin Gummistiefel baumeln.
Dabei gibt es die richtig dreckigen Schlammschlachten, wie sie zum Klischeebild von Open Airs gehören, auf dem Gurten gar nicht. Das unebene Gelände lässt das Wasser gut abfliessen, und an den tiefsten Punkten haben die Organisatoren längst Drainagen installiert, nachdem sich in früheren Jahren oft ausgerechnet vor der Hauptbühne ein See gebildet hatte. Allerdings gleichen die Wetterprognosen dieses Jahr einer meteorologischen Wundertüte, und ganz ohne Regen wird es kaum gehen. Cornu betont aber, dass die Stimmung auch dann reizend sein könne, wenn nicht eitel Sonnenschein herrsche: «Einst stand Manu Chao bei dickstem Nebel auf der Bühne. Er konnte das Publikum nicht sehen und dieses ihn nur hören. Das war geisterhaft schön.»
Es sind vornehmlich die Jungen, die rund Zwanzigjährigen, die jetzt schon kommen und ihre Zelte aufstellen. Von Sicherheitsleuten wird ihnen in der «Sleeping-Zone» ein Platz zugewiesen. Auch hier sorgt der knappe Platz für äusserst beengte Verhältnisse. Zwischen den Zweier-Iglus gibt es jeweils höchstens ein paar Zentimeter Abstand, so dass kaum gemütliches Campieren möglich ist. Zu den Ersten gehören Sandra und Petra aus Luzern, beide zwar Open-Air-erprobt, aber zum ersten Mal auf dem Gurten. «Eine etwas dicke Haut muss man schon haben, um hier zu übernachten», sagt Sandra. Weshalb sie es sich trotzdem antun? Was für eine Frage: «Das gehört einfach zum Open Air!»
Sie können sich damit trösten, dass auch die Stars recht rudimentär hausen. Der Bereich hinter der Bühne besteht aus einer Reihe von Containern, die innen so gemütlich wie möglich hergerichtet wurden. Für Fernseh- und Fototermine steht in einem weissen Zelt eine Couch mit Palmen und anderen Grünpflanzen bereit.
Die Festivalhelfer – es sind rund 1400 an der Zahl – haben zwar für das Wohl der Stars zu sorgen, doch sie müssen auch viele weniger dankbare Aufgaben verrichten. So kontrollieren sie etwa die Eintrittsbändchen oder leeren die knallgelb markierten Abfallkübel, die in erstaunlicher Dichte über das Festivalgelände verteilt sind. Sie halten ebenso sehr ein wachsames Auge auf die Besucher, denn in den vergangenen Jahren ist die Zahl an Taschendiebstählen durch organisierte Banden merkbar angestiegen. Nicht zugenommen haben die Probleme mit Alkohol und Drogen.
Dennoch bieten sich auf dem Gurten immer wieder unschöne Szenen: Vierzig bis fünfzig komatöse Alkoholkonsumenten müssten jedes Jahr im Sanitätszelt behandelt werden, erklärt Bänz Thomann, der während zwanzig Jahren der Festivalarzt war und dieses Jahr an seine 27-jährige Kollegin Meret Lemann übergibt. Das Team ist gut dotiert, denn ein einfacher Samariterposten reicht auf dem Berg nicht aus.
Muss ein Patient hospitalisiert werden, wird er zur Gurtenbahn gebracht und mit dieser zu Tal gefahren. Wenn es sich auch meist um einfache Aufgaben handle, habe er an den Festivals schon vielfältigste Einsätze gehabt, sagt Thomann. Nur auf eines warte er noch immer: «Ich möchte endlich die erste Geburt auf dem Gurten erleben!» Zeugungen hingegen, so vermutet Thomann, habe es auf dem Berg wohl schon einige gegeben.
Das Spektakel beginnt
Kurz vor sechs Uhr abends ist es dann so weit: Noel Gallagher betritt die Bühne und stimmt seine Gitarre an. Nicht nur hat sich der Berg unterdessen stark bevölkert, auch die Stimmung ist merklich lockerer geworden. Kein Wunder: Der trübe Himmel ist mittlerweile einem weitgehend blauen gewichen, aufgelockert durch harmlose weisse Wolkenfelder.
Die Menschenmenge ist auch durchmischter als noch am Mittag. Viele schon etwas ältere und angegraute Personen sind angekommen, auch einige Familien. Wahrscheinlich sind nicht wenige extra für Norah Jones da, die nach Gallagher auftritt und die für das Open Air eine eher untypische Sängerin ist. Ihre sanften Lieder passen aber zu diesem Zeitpunkt, an dem die Sonne behutsam hinter die Jurahöhen sinkt und in der Stadt unten die ersten Lichter angehen. Der Berg ist nun ganz von der Musik eingenommen. Jetzt, wo langsam die Dunkelheit über ihn hereinbricht, wird seine Verwandlung vollends offenbar.
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