Tagblatt Online, 11. Juli 2012 11:52:32
Die beste Stadt der Welt?
Smog über Hongkong. (Bild: Imago)
Hongkong ist die lebenswerteste Stadt der Welt. Das besagt zumindest eine von der britischen Wochenzeitung «Economist» präsentierte Studie. Die harsche Kritik am Ergebnis erstaunt nicht, zeigt die Studie doch exemplarisch, wie es auch in der Statistik «menschelt».
Andreas Jahn
Hohe Lebenshaltungskosten, geringer Wohnraum, massive Luftverschmutzung: Kaum jemand käme auf den Gedanken, Hongkong als die lebenswerteste Stadt der Welt zu bezeichnen. Genau das tut aber eine Studie , die von dem zur britischen Wochenzeitung «Economist» zugehörigen Unternehmensberatungsdienst Economist Intelligence Unit (EIU) und dem Datenaustauschdienst BuzzData zum Gewinner eines öffentlichen Wettbewerbs gekürt wurde.
Google Earth als Quelle
Die Aufgabe bestand darin, den bestehenden EIU-Datensatz zu den lebenswertesten Städten sinnvoll zu ergänzen. Das Rennen machte schliesslich der Architekt und Städteplaner Filippo Lovato.
Folgende Faktoren bestimmen im EIU-Datensatz die Lebensqualität in Städten:
- der Grad der Stabilität
- die Verfügbarkeit kultureller Angebote
- Umwelteinflüsse
- die Qualität des Gesundheitswesens
- die Qualität der Infrastruktur
- die Qualität des Bildungssystems
Diesem Datensatz fügte Lovato eine weitere, sogenannte «räumliche» Komponente hinzu:
- die Grösse von Grünflächen
- das Ausmass der Zersiedelung
- die Erreichbarkeit von und die Nähe zu anderen (Gross-)Städten
- das Ausmass der Umweltverschmutzung
- der Zugang zu Natur und kulturellen Artefakten – etwa Unesco-Weltkulturgütern
Der Italiener beschaffte sich das Datenmaterial hauptsächlich über die im Internet frei zugänglichen Kartenanbieter Google Earth und OpenStreetMap .
«Ich war ein bisschen überrascht, Hongkong an erster Stelle zu finden», schreibt er. Das Resultat der Studie verblüfft in der Tat: Schliesslich schafft es die Metropole an der Südküste Chinas im herkömmlichen EIU-Datensatz nur auf den 10. und im Index der menschlichen Entwicklung ( Human-Development-Index , HDI) der Vereinten Nationen gar nur auf den 13. Platz. Laut Lovato profitiert die Stadt in seiner Studie vor allem von den zahlreichen Grünflächen und Naherholungsgebieten, der relativ geringen Zersiedlung und der Erreichbarkeit von und der Nähe zu anderen Städten.
Schweizer Städte sind zu klein
Die Parameter einer Statistik werden von Menschen gewählt, und Menschen haben begrenzte Ressourcen. So gibt Lovato offen zu, aus Zeitgründen nur die Hälfte der 140 Städte im EIU-Datensatz analysiert zu haben. Kleinere Orte wie Melbourne, Vancouver und Wien – in der EIU-Studie die Top-drei-Städte – hat er einfach weggelassen. Dies erklärt auch das Fehlen von Schweizer Städten, die in anderen Studien zur Lebensqualität regelmässig Spitzenpositionen einnehmen.
Bernard Lim Wan-fung, Präsident des Hong Kong Institute of Urban Design, kritisiert zudem, dass die «Kompaktheit» der Stadt ausschliesslich positiv beurteilt werde. Über Google Earth sei nicht ersichtlich, wie zusammengepfercht die Leute in Hongkong lebten.
Die Suche nach der «besten Mutter»
Der «Economist», dessen Lebensqualitätsstudien auch schon für den übermässigen Fokus auf englischsprachige Städte bemängelt wurden, sah sich schliesslich zu einer Replik auf die aufwogende Kritik veranlasst. In einem Artikel mit der Überschrift «Leben und leben lassen» wird das Geständnis abgelegt, dass ein Städte-Ranking wohl vergleichbar mit der Suche nach der «besten Mutter» sei. In der Tat sei die Auswahl der Indikatoren in der von Lovato angereicherten Studie problematisch. So gelange man zwar vom Stadtzentrum Hongkongs in einer nur zehnminütigen Taxifahrt zu den Wanderwegen. Doch diese seien aufgrund des Monsuns oder der Hitze nur an wenigen Monaten im Jahr begehbar. Es frage sich auch, ob es wirklich ein Zeichen guter Lebensqualität sei, wenn zahlreiche Kinder aufgrund der Luftverschmutzung auf Asthma-Inhalationsgeräte angewiesen sind. Und: Muss die «Isoliertheit» einer Stadt zwingend negativ und ein vernetzter Flughafen unbedingt positiv sein?
Selbstkritik ist zwar lobenswert, aber bei einer solchen Studie müsste man wohl eher eine Replik schreiben mit dem Titel «Sein und sein lassen».
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