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Tagblatt Online, 20. Juli 2012 11:50:12

«Das Babyfenster ist keine Allerweltslösung»

Babyklappe mit einem Brief an die Mutter. Zoom

Babyklappe mit einem Brief an die Mutter. (Bild: imago)

Babyklappen sollen verzweifelten Müttern helfen, ihr Neugeborenes anonym abzugeben. Ziel ist es, die Aussetzung von ungewollten Kindern zu verhindern. Kritiker halten jedoch dagegen, Kindern werde das Recht auf das Wissen über ihre Herkunft verweigert.

Sina Hasler

Hinter einer Klappe mit der Überschrift steht ein warmes Bettchen bereit. Drei Minuten hat die Mutter Zeit, sich von ihrem Neugeborenen zu verabschieden und es in die Krippe zu legen. Dann wird bei der Hebamme und beim Doktor im Büro Alarm geschlagen. Das ist zwar nicht Alltag im Spital Einsiedeln, aber es kommt vor – im vergangenen Februar zum siebten Mal seit der Gründung des «übergrossen, geheizten Briefkastens», wie die Babyklappe auch genannt wird. Das Babyfenster soll die Aussetzung und die Tötung ungewollter Kinder verhindern. «Babyfenster»

Auslöser für die Einführung der Babyklappe im Jahr 2001 in der Schweiz war eine Tragödie in der Nähe von Einsiedeln. Eine Spaziergängerin fand 1999 in Wilerzell am Sihlsee ein totes Baby. Dieser Unglücksfall entfachte in der Gemeinde eine hitzige Debatte über ausgesetzte und getötete Neugeborene. Zwei Jahre später tat es das Spital in Einsiedeln Deutschland gleich und gründete das erste Schweizer Babyfenster.

Jugend-Journalismus-Projekt

zas./koa. Im Rahmen eines Jugend-Journalismus-Projekts schreiben in den Monaten Juli und August fünf zwischen 12 und 18 Jahren jeweils am Freitag über die Kinderrechtsproblematik in der Schweiz. Das Projekt wurde von , einem international tätigen Kinderhilfswerk, lanciert. Ziel ist es, die Partizipation der Jugendlichen zu fördern. «Young Reporters» Plan Schweiz

Was nach der Abgabe passiert

Inzwischen existieren zwei Babyfenster in der Schweiz: das in Einsiedeln und eines in Davos. Weitere Projekte sind in Planung. Die Babyklappe gibt einer verzweifelten Mutter die Chance, ihr neugeborenes Kind anonym und sicher im Spital abzugeben. Oft legt die Mutter ihrem Kind einen Brief bei, der meist auch die wichtigsten Daten des Babys enthält.

Im Spital kümmern sich Hebammen und Ärzte sofort um das Kind und prüfen dessen Zustand. Nach einem Tag nimmt sich eine Pflegefamilie des Findelkindes an. Nach Ablauf der sechs Wochen langen Frist, in der die Mutter ihr Baby zurückverlangen kann, kümmert sich die Vormundschaftsbehörde um die Adoption des Babys.

Dominik Müggler, Mitverantwortlicher für die beiden Babyfenster der (SHMK), gibt zu bedenken, dass das Babyfenster für Paare, die durch die Geburt ihres Kindes in eine Krise geraten, eine grosse Hilfe darstelle. So sei es auch schon vorgekommen, dass Eltern ihr Baby nach einigen Wochen zurückholten. Laut Müggler ist es auch schon vorgekommen, dass eine Frau ihre Schwangerschaft aus familiären oder religiösen Gründen geheim halten musste. Die Babyklappe könne in so einem Fall einen Ausweg aus der Notsituation darstellen. Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind

Welches Recht hat Vorrang?

So viele Vorteile das Babyfenster auch bringen mag, es gibt dazu auch viele Kritiker. Diese machen darauf aufmerksam, dass gemäss der – die von der Schweiz 1997 ratifiziert wurde – jedes Kind ein Recht auf Kenntnis der eigenen Herkunft und auf eine Beziehung zu den Eltern habe. Durch die Anonymität des Babyfensters würden den Kindern diese Rechte verwehrt. Die genannten Rechte sollten gemäss dem Netzwerk Kinderrechte Schweiz mit dem Recht auf Leben und Entwicklung abgewogen werden. Uno-Kinderrechtskonvention

Kritiker argumentieren weiter, dass eine schwangere Frau, die in der Lage sei, eine Abgabe beim Babyfenster in Erwägung zu ziehen, sich auch mit dem Gedanken an eine Freigabe zur Adoption befassen könne. Dadurch hätte das Kind die Möglichkeit, die leiblichen Eltern ausfindig zu machen.

Zudem könne man nie mit Sicherheit sagen, so die Kritiker weiter, ob das Baby auch wirklich von der leiblichen Mutter abgegeben worden sei. Es sei möglich, dass jemand, der der Mutter das Kind verbieten wolle, es gegen deren Willen bei einem Babyfenster abgebe. Flavia Frei, Mitarbeitende bei der Stiftung Kinderschutz Schweiz, regt an, man solle besser Beratungsstellen ausbauen, die verzweifelten Müttern oder Paaren auch schon vor der Geburt richtig helfen könnten. Dies entspräche den Kinderrechten am besten.

Statistiken widersprechen sich

Unklar ist, ob es durch das Babyfenster überhaupt weniger Kindstötungen gibt. Die Statistiken dazu sind widersprüchlich. Eine des Babyfensters Einsiedeln zeigt, dass die Zahl der ausgesetzten oder getöteten Babys in der Schweiz zurückgegangen ist. Wie glaubwürdig die Ergebnisse der Studie sind, ist unklar, da Kindstötungen nur äusserst selten vorkommen. Studie

Laut dem tragen Babyklappen faktisch nicht zur Verringerung von Kindstötungen bei. Das Netzwerk bezieht sich mit dieser Aussage aber auf Ergebnisse einer deutschen Studie. Der Direktor des Einsiedler Spitals, Reto Jeger, ist sich bewusst, dass das Babyfenster keine «Allerweltslösung» ist. Er fügt an: «Wir wollen Müttern in Notsituationen aber eine zusätzliche Möglichkeit bieten, mit der Schwangerschaft umzugehen.» Netzwerk Kinderrechte Schweiz

Die «Young Reporters» stellen sich vor

Mein Name ist Sina Hasler und ich bin 13 Jahre alt. Zurzeit besuche ich die Sekundarschule im Kanton Thurgau. Gerne würde ich später an die Kantonsschule gehen. Ich habe mich als «Young Reporter» beworben, weil ich es ein aufregendes und spannendes Projekt finde, mit dem ich zusätzlich einen Blick in meinen Traumberuf als Journalistin werfen kann.




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