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Tagblatt Online, 03. August 2012 08:56:00

Campus mit Meersicht

Uni-Vergleich

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Vor der Skyline: Colin Hablützel fühlt sich in Hongkong sicherer als in der Schweiz. (Bild: pd)

Colin Hablützel ist der einzige Schweizer Vollzeit-Student an der Hongkong University of Science and Technology. Vom Wohnheim in den Vorlesungssaal düst der Arboner mit den Inlineskates.

Seraina Manser

Als Colin Hablützel zum ersten Mal die Tür zu seinem Zimmer im Wohnheim öffnet, staunt er nicht schlecht, alles ist mit Kisten vollgestellt. «Irgendjemand hatte vergessen, dass ich dieses Zimmer beziehen sollte, und nutzte es als Abstellraum», sagt der 20jährige Arboner lachend. In Hongkong läuft nicht immer alles so reibungslos wie in der Schweiz. Doch seinen Entscheid, nicht an der HSG, sondern an der Hongkong University of Science and Technology ( HKUST) zu studieren, hat Colin Hablützel noch keine Sekunde bereut.

Bewerbung per Skype

Während der Kantonsschulzeit besuchte er eine ehemalige Mitschülerin in Hongkong: «Meine Kindheit verbrachte ich in einem Schweizer Dorf, doch das Leben in der Grossstadt gefiel mir sofort.» In seinem letzten Schuljahr an der Kantonsschule Romanshorn bewarb er sich bei vier verschiedenen Universitäten in China um einen Studienplatz in Business. Nach einem Bewerbungsinterview per Skype bot ihm die HKUST einen Studienplatz an. Die einzige Bedingung war, die Matura mit mindestens einer Fünf abzuschliessen. «Für einen Platz bewerben sich zehn Studenten. Ich büffelte wie wild für die Matura und hatte Glück», sagt er. Es hat locker gereicht, und während letzten Sommer Colin Hablützels Kollegen die Rekrutenschule besuchten, bestieg er das Flugzeug nach Hongkong.

Zu dritt auf 15 Quadratmetern

Colin Hablützel teilt sich mit zwei anderen Studenten ein etwa 15 Quadratmeter grosses Zimmer. Für mehr als drei Pulte und Kajütenbetten hat es keinen Platz. «Wir haben eine schöne Bibliothek und einen Gemeinschaftsraum mit Sicht aufs Meer. Im Zimmer ist man nur, um zu schlafen», erzählt er. Anfangs hat er sich für ein Einzelzimmer beworben, ist jetzt aber froh, dass das nicht geklappt hat. Das Studium empfindet er nicht als sehr stressig «Weil schon vor Beginn des Semesters selektiert wird, ist man während des Studiums entspannter» meint er. Die Erstsemestrigen müssen nur wenige Kreditpunkte erreichen, die Uni will, dass sie genug Zeit für das soziale Leben haben. «Die meisten chinesischen Studenten lernen viel, weil ihre Eltern alles Ersparte in die Ausbildung stecken und sie erwarten, dass ihre Kinder sie einmal finanziell unterstützen werden», erzählt er. Die Studentenschaft an der HKUST ist sehr international, Colin Hablützel spricht dort nur Englisch, nie Schweizerdeutsch. Mit wem auch: Er ist der einzige Schweizer, der Vollzeit an der HKUST studiert. «Als Schweizer wirst du immer herzlich begrüsst, die Schweiz ist für viele Chinesen der Inbegriff des Paradieses», sagt Hablützel. In Hongkong gibt es eine Regel für alles, das störe ihn manchmal, aber auch deshalb funktioniere das Leben in der Sieben-Millionen-Stadt so gut, meint er. «Ich fühle mich in Hongkong sicherer als in der Schweiz.»

Klopapier-Deko

Colin Hablützel gefällt das Campusleben. Für seinen Schulweg braucht er mit den Inlineskates acht Minuten, für ein Menu in der Kantine bezahlt er zwei Franken, und die Uni liegt idyllisch am Meer. Nachts düst er in Inlineskates mit seinen Kollegen über den verlassenen Campus oder besucht das Ausgehviertel Lan Kwai Fong. Als er eines Abends ins Wohnheim zurückkehrte, war sein Zimmer mit Klopapier-Schlangen dekoriert. Seine Zimmergenossen hatten vergessen, abzuschliessen. «Solche Streiche gehören dazu», meint er. Colin Hablützel möchte später für eine Schweizer Firma in China arbeiten. Nächstes Semester besucht er deshalb auch einen Chinesisch-Sprachkurs. Jedes Wochenende skypt er mit seiner Familie, doch Heimweh kennt er nicht. Das einzige, was er vermisst, ist ein kaltes Schorle.

Unter dem Titel «Uni-Vergleich» sprechen wir in loser Folge mit Studierenden an Universitäten in der Schweiz und im Ausland.




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