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Tagblatt Online, 11. Juni 2012 01:04:00

Aufhören, Jein zu sagen

vortrag von jesper juul in der lokremise Zoom

Kein «päpstlicher» Auftritt: Jesper Juul in der St. Galler Lokremise. (Bild: Michel Canonica)

Wie erziehen? Der dänische Familientherapeut und Gesellschaftskritiker Jesper Juul erklärt, weshalb es für die Welt besser wäre, die Frauen wären weniger nett. Und er wünscht sich, jedes Kind hätte mindestens einen hysterischen, irrationalen Erwachsenen um sich.

Herr Juul, letzte Woche haben Sie in der St. Galler Lokremise vor einem mit Erziehungsfachfrauen gefüllten Saal gesagt: «Kinder brauchen richtige, lebendige Menschen um sich und keine lächelnden Kühlschränke.» Mütter und Erzieherinnen bekommen bei Ihnen regelmässig ihr Fett weg. Was haben Sie gegen Frauen?

Jesper Juul: Ich habe gar nichts gegen Frauen – im Gegenteil. Frauen haben noch immer viel mehr Wertschätzung verdient, als sie bekommen. Und da sie den Männern in Sachen Lebensweisheit in der Regel um Längen voraus sind, könnten letztere viel von ihnen lernen. Ich sage lediglich, dass irgend etwas nicht stimmt. Es gibt in unserer Gesellschaft viel zu viele unglückliche Frauen, Mütter, Töchter und Erzieherinnen.

Manche Frauen sagen, die Männer seien schuld. Wie sehen Sie das?

Juul: Es geht überhaupt nicht darum, wer schuld ist. Das bringt uns nicht weiter. Ich beobachte einfach seit vielen Jahren, dass sich auch heute noch – über 100 Jahre nach den Anfängen der Frauenbewegung – viele Frauen nicht trauen zu sagen «Ich will das» oder «Ich will das nicht». Weiterhin wird Generationen von Töchtern durch Schule und Elternhaus vermittelt, dass es toll sei, nett, freundlich und angepasst zu sein. Diese Nettigkeit hat etwas Selbstzerstörerisches. Und ich als Mann habe im übrigen überhaupt nichts davon, wenn ich eine Fraue frage, ob sie mit mir essen geht, und sie nur aus Höflichkeit mitkommt.

Das heisst, das ist Ihnen schon passiert…

Juul: Natürlich. Das ist schrecklich und hat mich immer überfordert. Wie sollen wir Männer vernünftig mit Frauen umgehen, wenn sie uns nicht sagen, was sie wollen? In der Schweiz kann man ja Jein sagen. Ich habe den Eindruck, Frauen sagen allgemein sehr häufig Jein. Und tun sich und denen, die sie lieben, damit keinen Gefallen. Schon gar nicht den Kindern, die sich nichts mehr wünschen, als ganz genau zu erfahren, wo die persönlichen Grenzen der Mutter liegen.

Wenn ich Sie richtig verstehe, kritisieren Sie auch die – mittlerweile weiblich dominierte – Schule dafür, mit den Kindern keinen aufrichtigen Dialog zu führen.

Juul: Sie führt nicht nur keinen aufrichtigen Dialog mit den Kindern und Jugendlichen, sondern häufig gar keinen. Bei dem blutleeren, pädagogischen Jargon, der heute in Fachkreisen üblich ist, halten sich schon Eineinhalbjährige die Ohren zu. Kinder wünschen sich eine direkte, persönliche Sprache und wollen, dass man sich für sie interessiert. Lehrpersonen und Erzieherinnen, die ständig nur «bitte» sagen und im Konjunktiv sprechen, werden nie ernst genommen. Ich plädiere dafür, dass man Lehrpersonen dazu ausbildet, als selbstbewusste Menschen in die Schulzimmer zu gehen. Sie sollten primär für die Kinder da sein und nicht für Schule oder Theorie.

In der Schweiz fordert die SVP eine Abschaffung der pädagogischen Hochschulen zugunsten einer rein praktischen Ausbildung der Lehrpersonen im Schulzimmer. Wäre das in Ihrem Sinne?

Juul: Rechtskonservative Kreise haben in der Regel eine starke Tendenz, alte Zeiten zu verherrlichen. Sie möchten dahin zurück, wo ihrer Meinung nach noch Zucht und Ordnung herrschten. Es ist völlig unmöglich, die Zeit zurückzudrehen, nicht nur politisch. Damit habe ich überhaupt nichts am Hut. Wenn ich aber sehe, wie reihenweise wunderschöne Menschen als motivierte Lehrpersonen in die Schulen kommen und nach kurzer Zeit verdorren und absterben, dann muss auch ich sagen, dass mit der Lehrerbildung etwas nicht stimmt.

Und was stimmt nicht?

Juul: Es ist skandalös, dass Lehrer nicht dazu ausgebildet werden, zu ihren Schülern eine persönliche Beziehung aufzubauen. Einen wirklichen Dialog zu führen. Die Kinder zu fragen: «Was brauchst du von mir?» Stattdessen wird den Kindern vorgerechnet, was die Schule von ihnen braucht und weshalb sie nicht genügen. Das grosse «Glück» der Lehrpersonen ist, dass diese Art der Vernachlässigung bei den Kindern und Jugendlichen meist nicht zu einem Aufstand, sondern zu selbstzerstörerischem Verhalten führt.

Steckt dahinter bei den Erwachsenen nicht eine Angst vor Machtverlust, sobald man den Kindern zu viel Platz einräumt?

Juul: Das ist ja genau der Punkt. Oder haben Sie schon einmal eine Lehrerin gesehen, die zu einem Schüler sagt: «Tut mir leid, es ist mir nicht gelungen, dass es dir gefällt in der Schule. Was mache ich falsch?» Genau das würde aber heissen, Verantwortung zu übernehmen. Die Macht über die Beziehung liegt sowieso immer zu 150 Prozent beim Erwachsenen.

Wie oft sagen Lehrpersonen zu Ihnen, Sie hätten keine Ahnung vom Stress und Zeitdruck, unter dem sie stehen?

Juul: Ich erlebe nicht viele negative Reaktionen auf das, was ich zu den Lehrpersonen sage. Nach unseren Weiterbildungen geht es den meisten besser, weil sie lernen, Leerläufe zu vermeiden. Das Argument des Zeitmangels ist übrigens keines: Der persönliche Dialog mit dem Kind funktioniert ohne Jargon und ohne Psychologisieren. Das spart enorm Zeit. Auch das ewige Aufstellen von Regeln ist viel aufwendiger.

Sie sind ein unermüdlicher Kritiker von Schule und Familienstrukturen, die kaputte Kinder hervorbringen. Profitieren Sie nicht auch vom «angeborenen» schlechten Gewissen vieler Eltern und Lehrer?

Juul: Als ich selbst Lehrer war, spürte ich, dass irgend etwas mit der Schule nicht stimmt. Heute, viele Jahre später, glaube ich zu wissen, was es ist. Es hat immer mit Beziehung zu tun. Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, treibt auch viele Eltern an, etwas besser machen zu wollen und mehr über sich zu lernen. Ihnen möchte ich mit meinen Ratschlägen zur Seite stehen. Starke Eltern machen starke Kinder. Dafür brauchen wir aber viele ehrliche, hysterische und irrationale Erwachsene, die den Kindern zeigen, dass es in Ordnung ist, genauso zu sein, wie sie sind.

Interview: Odilia Hiller




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