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Tagblatt Online, 19. Juni 2012 00:00:00

Wie Abt Shwe Nya War aus seinem Kloster verbannt wurde

Shwe Nya War. Aufnahme vom Dezember. Zoom

Shwe Nya War. Aufnahme vom Dezember. (Bild: CC/ Open Myanmar Photo Project)

Der burmesische Abt Shwe Nya War trat für die Freilassung von Gesinnungshäftlingen ein und sympathisierte mit der Opposition. Das war der Regierung zu viel des Engagements. Jetzt muss sich der Abt sein eigenes Kloster bauen.

m. e. Rangun Sein rechtes Auge ist geschwollen und blutunterlaufen. In der vorangehenden Nacht ist eine Spinne über das Gesicht von Shwe Nya War gekrochen. Reflexartig strich sich der 47-jährige Mönch im Halbschlaf über das Auge, worauf das pelzige Tier sein Gift aussonderte. Eingewickelt in weinrotes Tuch, sitzt er an diesem Vormittag unter einem schattenspendenden Baum und verscheucht mit wedelnden Händen aggressive Mücken.

Im Januar erreichte Shwe Nya War eine Anordnung des sogenannten State Sangha Maha Nayaka Committee, eines staatlich kontrollierten Gremiums des Mönchsordens, wonach er das Kloster Sardu in Rangun, in dem er seit seinem zehnten Altersjahr lebte, innerhalb von 30 Tagen zu verlassen hatte. Seither baut ein Grüppchen junger Mönche, die sich Shwe Nya War angeschlossen haben, ihrem Lehrer ein neues Kloster; auf einem struppig-dürren Stück Land, zwei Fahrstunden ausserhalb von Rangun, Burmas wirtschaftlichem und kulturellem Zentrum, und nicht weit von einem riesigen Militärgelände, wo die Armee Fallschirmsprünge übt. Als provisorische Unterkunft dienen dem Abt und seinen Anhängern Bambushütten.

Oberflächliche Reformen

Angelastet wurde dem buddhistischen Geistlichen eine Rede vor Mitgliedern der National League for Democracy (NLD), der Oppositionspartei von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Burma werde nicht zur Ruhe kommen, solange es politische Gefangene gebe und gegen ethnische Minderheiten Krieg geführte werde, prophezeite er an einer Veranstaltung in Mandalay. Danach zirkulierende Videoaufnahmen wurden als Beweisstücke für Shwe Nya Wars «Politaktivismus» angeführt. Seine Aufgabe sei es, einzig die Lehren Buddhas zu verbreiten, beschieden ihm die Religionswächter. Gleichwohl verboten sie Shwe Nya War, Aufnahmen von religiösen Unterweisungen zu verkaufen, womit der Abt einer wichtigen Einnahmequelle beraubt wurde.

Als einer von Burmas bekanntesten politisch engagierten Mönchen nahm Shwe Nya War im vergangenen Dezember an einem Treffen mit der amerikanischen Aussenministerin Hillary Clinton in Rangun teil. «Das passte dem Sangha-Komitee wohl auch nicht», sagt der Abt mit spöttischem Unterton, bevor er – wie in Burma weit verbreitet – gekaute Betelnüsse in einen Kübel spuckt und den ob der Hülsenfrüchte rot gefärbten Mund mit Wasser spült. Der politisch unbequeme Abt sandte nach der Kontroverse um seine Rede vor Burmas wichtigster Oppositionspartei eine Art Entschuldigungsschreiben an das Sangha-Komitee und bat darum, den Wegweisungsbeschluss zu überdenken – ohne Erfolg.

Seine ursprüngliche Absicht, sich der Anordnung zu widersetzen, gab der Mönch auf, weil dies zu seiner Verhaftung und Demonstrationen geführt hätte, wie Shwe Nya War glaubt. «Ich wollte keine neuen Unruhen heraufbeschwören.» Im Januar waren laut dem Nachrichtenportal «Irrawaddy» mehrere hundert Mönche und Anhänger Shwe Nya Wars vor das Büro der Religionswächter marschiert.

Die faktische Verbannung empfindet der Abt als grobe Ungerechtigkeit und symptomatisch für die Reformen im Land. «Viele Reformen wirken oberflächlich und entsprangen dem Druck des Auslandes.» Für die Mönche habe sich wenig verbessert. Er stehe zwar nicht unter Hausarrest, aber wenn er irgendwohin fahre, hefteten sich ihm zivile Schnüffler an die Fersen.

Protestierende Mönche in Rangun. Aufnahme von 2007. Zoom

Protestierende Mönche in Rangun. Aufnahme von 2007.
(Bild: Keystone/ BMC/ HO)

Aktivismus mit Tradition

Wenngleich aus theologischer Warte das politische Engagement der buddhistischen Geistlichkeit nicht unumstritten ist, haben «aktivistische Mönche» in Burma durchaus Tradition. Sie beteiligten sich im 20. Jahrhundert am Widerstand gegen die britischen und japanischen Kolonialherren. 1988 schlossen sie sich den Studenten an und gingen für eine politische und wirtschaftliche Öffnung Burmas auf die Strasse. Dieser Volksaufstand wurde von der Militärjunta ebenso mit Waffengewalt niedergeschlagen wie die von den Mönchen angeführte Safran-Revolution, die 2007 mit Protesten gegen stark steigende Treibstoffpreise begann.

Einer der damaligen Anführer, der Mönch Gambira, war zu einer Gefängnisstrafe von 63 Jahren verurteilt worden, kam aber im Rahmen der von Staatspräsident Thein Sein verfügten Amnestie im Januar 2011 wie Hunderte von anderen Gesinnungshäftlingen frei. Allerdings verweigerten ihm zahlreiche Klöster ein Bleiberecht, worauf Gambira entschieden haben soll, wieder Laie zu werden.

Burmas Regierung, die zumindest während der Militärdiktatur den Einfluss des angesehen Mönchsstandes fürchtete wie der Teufel das Weihwasser, nutzte das aus 47 Mönchen bestehende Sangha-Komitee als Kontrollinstanz gegenüber der rund 400 000 Köpfe zählenden Geistlichkeit. Shwe Nya War, der verstossene Abt, argwöhnt, dass die Mitglieder des 1980 geschaffenen Gremiums mit Autos, Flugtickets und anderen Privilegien gefügig gemacht würden.

«Ohne Suu Kyi eine Hölle»

Die Frage, ob er sich als politischer Mönch verstehe, beantwortet Shwe Nya War zunächst mit einem Lächeln. Dann sagt er: «Wenn die Regierung tatsächlich eine Demokratisierung anstrebt, wird sie nichts gegen Mönche haben, die sich für das Wohl der Nation einsetzen.» Einige Burmesen erinnern sich daran, wie der wohlbeleibte Buddhist während der Unruhen von 1988 auf das Dach eines Ministeriums kletterte und die Protestierenden ersuchte, nicht auf die anrückenden Soldaten zu schiessen. Dennoch wurde er verhaftet und verbrachte ein halbes Jahr im Gefängnis.

Wenn Shwe Nya War etwas zuversichtlich stimmt, dann ist es der wachsende Einfluss der Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi – eine würdevolle und tugendhafte Frau, der er vollends vertraue. Sie werde sich der Bedürfnisse der Bevölkerung annehmen, sagt der Mönch, bevor er im Lotussitz pathetisch festhält: «Ohne Suu Kyi wäre dieses Land eine Hölle.»




Leser-Kommentare:
1 Beitrag

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adolfk31 (19. Juni 2012, 15:26)
Noch fehlen eben ...

auch bei den Buddhisten die Reformatoren, wie Luther, Zwingli, Calvin ....

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