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Tagblatt Online, 29. Juli 2012 14:14:03

Neue Kämpfe, aber keine Bewegung in Aleppo

Syrische Rebellen in einem Pick-up-Truck in Aleppo. Zoom

Syrische Rebellen in einem Pick-up-Truck in Aleppo. (Bild: Keystone)

Nach der nächtlichen Gefechtspause sind die Kämpfe um die syrische Millionenmetropole Aleppo wieder aufgeflammt. Die Regierungstruppen setzten Kampfflugzeuge ein, es seien Explosionen zu hören.

((sda/afp/Reuters/dpa))

Trotz heftigem Beschuss aus Raketenwerfern und Helikoptern machen die syrischen Regierungstruppen bei ihrer Offensive gegen Aufständische in Aleppo vorerst keine Fortschritte. «Unsere Positionen sind unverändert», sagte der Rebellenkommandant Abu Omar al-Halebi am Sonntagmorgen.

Nach der nächtlichen Gefechtspause sind die Kämpfe um die syrische Millionenmetropole Aleppo am Sonntagmorgen wieder aufgeflammt. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London meldete Gefechte aus den Vierteln Bab al-Jadid, Sahra und Arkuba.

Die Regierungstruppen setzten Kampfflugzeuge ein, es seien Explosionen zu hören. Ein Kommandant der Rebellen hatte zuvor berichtet, die Angriffe auf das von den Aufständischen gehaltene Viertel Salaheddin hätten unterdessen aufgehört.

Laut einem Reporter der Nachrichtenagentur AFP war es den Rebellen am Samstag gelungen, die Angriffe auf das Viertel zurückzuschlagen. Die Aufständischen versuchten nun, die Polizeiwache des Stadtteils Salhin einzunehmen, um von dort Kontakt zu den Rebellen im ebenfalls von ihnen gehaltenen Viertel Sahur zu haben. Gemäss eigenen Angaben zerstörten sie mehrere Panzer der Regierungstruppen.

Nach Angaben der Beobachtungsstelle wurden am Samstag landesweit 168 Menschen getötet, darunter 94 Zivilisten, 41 Soldaten und 33 Rebellen. Am Sonntag starben demnach bereits vier Menschen bei den Kämpfen. Neben Aleppo gab es laut der Organisation auch Gefechte um das Hauptquartier der Polizei in der zentralsyrischen Rebellenhochburg Homs.

In Syrien haben Regierungstruppen nach Angaben von Oppositionellen die Millionenmetropole Aleppo am Samstag aus der Luft beschossen. Zudem brachte die Armee demnach gepanzerte Fahrzeuge für einen Sturm auf das wirtschaftliche Zentrum des Landes in Stellung. Der Kampf um die grösste syrische Stadt könnte zu einer der entscheidenden Schlachten in dem seit 16 Monaten andauernden Konflikt zwischen Präsident Asad und den Rebellen werden. Die USA befürchten ein Massaker. Die von den Flüchtlingsströmen besonders betroffene Türkei rief die internationale Gemeinschaft zum Handeln auf.

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(Bild: Stepmap)

Russland: Kein Asyl für Asad

Russland hat erneut Medienberichte zurückgewiesen, wonach es dem syrischen Präsidenten Asad Asyl gewähren will. «Wir haben schon mehr als einmal öffentlich gesagt, dass wir an so etwas noch nicht einmal denken», sagte Russlands Aussenminister Lawrow am Samstag. «Es gibt keine solche Vereinbarung und auch keinen Gedanken daran.» Russland habe auch keine besondere Beziehung zu syrischen Regierung.

«Wir sind nicht und wir waren auch nicht die engsten Freunde des syrischen Regimes. Dessen besten Freunde sitzen in Europa. Wenn also jemand das Problem über diesen Weg (des Asyls) lösen will, sollten sie (die Europäer) über ihre Möglichkeiten dazu nachdenken.»

Lawrow nannte anders lautende Medienberichte eine Provokation, die von jenen komme, die Russland und China für alles verantwortlich machen wollten, was in Syrien derzeit geschehe.

Angriffe aus der Luft

Von Helikoptern aus sei der im Zentrum gelegene Stadtteil Salaheddin beschossen worden, teilte die oppositionelle Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Auch in anderen Vierteln sei es zu schweren Zusammenstössen zwischen Regierungstruppen und Asad-Gegnern gekommen. Drei Rebellen seien in der Nacht zum Samstag getötet worden. Viele der 2,5 Millionen Einwohner Aleppos flüchteten vor den Kämpfen. «Wir leben in einem Kriegsgebiet», sagte ein Mann in seinen Vierzigern, der seine Angehörigen nach Asas in der Nähe der türkischen Grenze in Sicherheit bringen wollte. «Meine Familie und ich fahren immer hin und her, um den Kämpfen aus dem Weg zu gehen. Wir haben Aleppo verlassen, als wir Rauch und Helikopter gesehen haben.»

Bilderstrecke: Flucht aus Syrien

  • Um die vielen Flüchtlinge aufnehmen zu können, werden laufend neue Lager erstellt: Blick auf das jüngste Flüchtlingsdorf des Uno-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) in Zattari, nordöstlich von Amman, Jordanien.
  • Nach Angaben des UNHCR flohen am Wochenende innert 48 Stunden bis zu 30'000 Menschen aus Damaskus. Im Bild ein Knabe im Lager Bashabsheh, in Ramtha, Jordanien.
  • Mit dem Leben davongekommen, aber die Zukunft im Dunkeln: Die Lage für die Flüchtlinge ist ungewiss.

Tausende von Menschen fliehen vor den Kämpfen in Syrien in die Nachbarstaaten.

Kampf um Syriens Hauptstadt

Der Schwerpunkt des Aufstandes gegen Präsident Asad lag lange Zeit in den Provinzen. In der vergangenen Woche riefen die Rebellen eine Schlacht um die Hauptstadt Damaskus aus, wo seitdem die Gewalt sprunghaft zugenommen hat. Auch in Aleppo haben sie nach eigenen Angaben und laut Augenzeugen die Kontrolle über mehrere Stadtteile an sich gerissen.

Die Armee wolle mit dem Beschuss die Rebellen aus ihrer Hochburg in Aleppo vertreiben, sagten Regierungsgegner am Freitagabend. Zugleich solle ihnen der Nachschub abgeschnitten werden. Die Syrische Beobachtungsstelle zeigte Videoaufnahmen, auf denen zu sehen war, wie Rauch aus Wohnhäusern aufstieg. Zudem waren Gewehrschüsse deutlich zu hören.

Militärexperten räumen Asads Truppen zwar die grösseren Chancen in Aleppo und anderen grossen Städten ein. Dennoch gewännen die Rebellen an Stärke, während das Militär schwächer werde, da es die Kontrolle in den ländlichen Gebieten verliere, sagte der Experte Ayham Kamel von der Eurasia Group.

Auch aus anderen Teilen des Landes wurde von Kämpfen berichtet, so aus Homs und Hama, wo zu Beginn der 1980er Jahre ein Aufstand gegen Asads Vater niedergeschlagen worden war. Zehn Menschen wurden laut der Beobachtungsstelle am Samstag bei dem Einmarsch von Regierungstruppen in einen Ort nahe der Hauptstadt Damaskus getötet.

Sorge wegen Chemiewaffen

Als Reaktion auf die Kämpfe um Aleppo rief der türkische Ministerpräsident Erdogan arabische Länder und den Uno-Sicherheitsrat zur Zusammenarbeit auf. Er zeigte sich auch wegen des Chemiewaffenarsenals der syrischen Führung besorgt. Der britische Premierminister David Cameron sagte bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Erdogan am Freitag in London, beide Länder fürchteten «wirklich entsetzliche Handlungen» der Regierungstruppen in der und um die Metropole. Uno-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay forderte beide Seiten auf, Zivilisten zu verschonen.

Die syrische Führung hatte vor wenigen Tagen erstmals zugegeben, über Chemiewaffen zu verfügen, und damit gedroht, diese im Fall einer ausländischen Militärintervention einzusetzen. Russland, das drei Syrien-Resolutionen der Uno mit seinem Veto blockiert hat, erklärte zwar, dass westliche und arabische Länder mehr Druck auf Asad ausüben sollten, warnte aber gleichzeitig vor einer Unterstützung der Rebellen. Dies führe nur zu mehr Blutvergiessen. Es könne nicht erwartet werden, dass die Regierung sich freiwillig ihren Gegnern ergebe. Russland verweigerte zudem, sich den EU-Sanktionen zu beugen und seine Schiffe auf Waffenlieferungen nach Syrien durchsuchen zu lassen.

Weder die Truppen von Asad noch die Rebellen haben in dem Konflikt bisher militärisch die Oberhand gewinnen können. Tausende Menschen flohen in die Nachbarländer. Nach Schätzungen der Opposition wurden insgesamt mindestens 18 000 Menschen getötet, allein am Freitag soll es 160 Tote gegeben haben. Die Angaben aus Syrien lassen sich kaum überprüfen, weil die Regierung unabhängigen Journalisten den Zugang weitgehend verweigert.

Chef des syrischen Olympia-Teams bangt um seine Familie in Aleppo

Der Leiter der syrischen Olympiamannschaft, Baher Chajata, hat sich angesichts der Angriffe der syrischen Armee auf die Finanzmetropole Aleppo besorgt geäussert. Er bange um die Sicherheit seiner Familie, erklärte er gegenüber der Nachrichtenagentur DPA. Denn seine Angehörigen seien in der Stadt eingeschlossen.

Kritik an der Regierung in Damaskus äusserte er allerdings nicht. Schliesslich versuchten die Regierungstruppen ihrer Offensive «die Leute zu beschützen», erklärte Chajata in London. Und weiter: Die Aufständischen aus Aleppo zu vertreiben, «ist vielleicht ein Weg, das Blutvergiessen in Syrien zu stoppen».

Am Samstag traten bei den Olympischen Sommerspielen drei syrische Athleten in den Disziplinen Schwimmen, Schiessen und Boxen an.





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