St.Galler Tagblatt Online, 20. Juni 2012 00:00:00
Humanitäres Flaggschiff auf Modernisierungskurs
Zwei Besucher eines vom IKRK betriebenen Therapiezentrums für Beinamputierte in Kabul. (Bild: Keystone / AP)
Das Arbeitsumfeld humanitärer Organisationen hat sich gewandelt. Das IKRK setzt seit zwei Jahrzehnten auf Vergrösserung und Spezialisierung. Die Genfer Organisation hat sich verändert.
Volker Pabst, Genf
Am Hauptsitz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf wird umgebaut. Die altmodisch-elegante Empfangshalle ist in einen modernen Pavillon verlegt worden und erinnert an die Rezeption eines Geschäftshotels. Das ehrwürdige Hôtel Carlton, das repräsentative Hauptgebäude aus dem 19. Jahrhundert, erhält einen gläsernen Anbau. Am Genfer Hauptsitz wird baulich nachvollzogen, was im Arbeitsalltag längst Realität ist: Das IKRK ist grösser, thematisch breiter und strukturell moderner geworden. Der humanitäre Grundauftrag des IKRK ist seit fast 150 Jahren derselbe. Das Umfeld, in dem diesem Mandat nachgegangen wird, verändert sich aber. Das IKRK passt sich an.
Vor zwei Jahrzehnten hatte das IKRK einige hundert entsandte Mitarbeiter in den Krisengebieten der Welt, in der grossen Mehrheit waren dies ledige Schweizer Männer mit sozial- oder rechtswissenschaftlichem Universitätsdiplom. Heute beschäftigt das IKRK in über 80 Ländern etwa 12 500 Personen. Ein Teil der rund 2000 «expatriés», wie internationale Fachkräfte im Unterschied zum lokal angestellten Personal genannt werden, übt immer noch den klassischen Beruf des Delegierten, des Generalisten und humanitären Diplomaten, aus. Daneben gibt es aber auch Psychologen für die Arbeit mit traumatisierten Kriegsopfern, Tierärzte für Impfkampagnen bei Grossvieh in Krisenregionen und Orthopäden für die Betreuung von Minenopfern.
Not- und Entwicklungshilfe
Angesichts der Fülle an Aktivitäten und Projekten wird mitunter zu Recht vor der Gefahr einer Verzettelung gewarnt. Wachstum darf für das IKRK nicht Selbstzweck sein. Der Übergang von Krieg zu Frieden verläuft nicht mehr linear, die Bevölkerungen gewisser Konfliktregionen werden seit Jahrzehnten von Gewalt heimgesucht. Das IKRK hat seine Aktivitäten ausgeweitet, um humanitären Bedürfnissen nachzukommen, denen die kurzfristig angelegte Nothilfe nicht gerecht wird. Zudem hat die Erfahrung gezeigt, dass die Bereitschaft der Konfliktparteien zur Diskussion heikler Dossiers, wie Übergriffe auf die Zivilbevölkerung durch Militärangehörige, steigt, wenn das IKRK in der Region seit Jahren bekannt ist und populäre Hilfsprojekte betreibt. Dies zeigte sich auch im russisch-georgischen Krieg von 2008. Das IKRK ist seit den frühen neunziger Jahren im Nordkaukasus präsent und erhielt von russischer Seite wenige Tage nach Ausbruch der Kämpfe die Erlaubnis, in Südossetien seine Arbeit aufzunehmen. Bis heute ist das IKRK die einzige humanitäre Organisation vor Ort.
Durch den Personalausbau und die Ausweitung der Aktivitäten ist der jährliche Finanzbedarf auf über eine Milliarde Franken gestiegen. Dem IKRK gelingt es dank seinem ausgezeichneten Ruf fast immer, genügend Mittel für seine Aktivitäten einzuwerben. Dennoch befindet sich die Organisation im Wettbewerb mit anderen Akteuren um Spendengelder. Die Konkurrenz ist auch auf dem Feld zu spüren. Zwar ist das IKRK in politisch besonders heiklen oder sehr gefährlichen Regionen, wie momentan in Syrien oder Afghanistan, immer noch einer der wenigen humanitären Akteure, nicht selten der einzige. Andernorts muss es sich jedoch gegen Mitbewerber behaupten, die zunehmend von der Uno koordiniert werden.
Neutralitätsbegriff im Wandel
Dem Cluster-System, einer Uno-Initiative zur besseren Koordination der zahlreichen Akteure im humanitären Bereich, hat sich das IKRK nicht angeschlossen. Dies hätte dem Grundprinzip der bedingungslosen Neutralität widersprochen, ist doch die Uno als politische Organisation mitunter Konfliktpartei. So wird in Kongo-Kinshasa, wo die Uno-Mission die Regierungstruppen im Kampf gegen rwandische Rebellen unterstützt, mit peinlichster Genauigkeit auf eine Unterscheidung zwischen IKRK und Uno geachtet. Alles andere würde die Akzeptanz durch die rwandische Rebellenarmee gefährden.
Das Neutralitätsprinzip des IKRK, ein Grundpfeiler der Organisation, hat sich nicht überlebt. Dennoch haben neue Konfliktkonstellationen die Anforderungen an die Neutralität verändert. Bis in die neunziger Jahre konnten nur Schweizer als Delegierte für das IKRK arbeiten, die helvetische Staatsbürgerschaft genügte in der bipolaren Weltordnung als Nachweis der Neutralität. Dieser Ansatz ist längst überholt. In den Konflikten der Gegenwart muss Unparteilichkeit flexibler bewiesen werden.
So arbeiten im Einflussgebiet der Kaida im Maghreb weitestgehend nur noch afrikanische und arabische Delegierte. Nach dem Karikaturenstreit entsandte das IKRK keine dänischen Staatsbürger mehr in Regionen mit islamistischen Konfliktparteien, nach dem Schweizer Bauverbot für Minarette stellte sich die Frage der Akzeptanz von Schweizer Delegierten in der islamischen Welt. Zudem bemüht sich das IKRK, das den Grossteil seines Budgets immer noch durch Zuwendungen westlicher Staaten bestreitet, den Kreis seiner Geldgeber auszuweiten.
Das IKRK ist längst keine ausschliesslich schweizerische Organisation mehr. Bis zu 80 Prozent der neu rekrutierten Mitarbeiter haben keinen roten Pass. Ausländische Delegierte sind mittlerweile auch in die Führungsebene nachgerückt. Als nach wie vor schweizerisch wahrgenommene Organisation profitiert das IKRK an den meisten Einsatzorten immer noch vom guten Ruf des Landes. Hinter vorgehaltener Hand wird daher auch zur Erhaltung einer gewissen «Swissness» gemahnt.
Das IKRK gilt mit unbefristeten Verträgen, Schweizer Löhnen und Sozialleistungen als äusserst attraktiver Arbeitgeber in der Branche. Auf jährlich knapp 200 Stellen bewerben sich über 6000 Kandidaten. Ein Grossteil der Mitarbeiter verlässt die Organisation aber innert weniger Jahre wieder. Natürlich sind die schwierigen Lebensbedingungen im Feld ein Grund hierfür, doch viele Mitarbeiter kehren dem IKRK auch den Rücken, weil sich private und berufliche Lebensplanung nach wie vor kaum vereinbaren lassen.
Reformen und Widerstand
Die Professionalisierung der Personalführung ist momentan auch das grösste Reformprojekt. Mit Caroline Welch-Ballentine ist vor zwei Jahren zum ersten Mal eine Person ohne vorherige IKRK-Erfahrung in eine operative Führungsposition geholt worden. Die ehemalige HR-Chefin von Nestlé für Europa hat jedoch nicht nur wegen des fehlenden Stallgeruchs einen schweren Stand. Viele Mitarbeiter tun sich mit der Einführung angelsächsischer Managementmodelle schwer. Diese stellen sich in eine Reihe von Massnahmen, mit denen sich das IKRK bereits vor mehr als einer Dekade organisationell neu aufgestellt hat. Hierarchien wurden gestrafft, Strategieplanungen vereinheitlicht, die Leitung des operationellen Geschäfts wurde dem Direktorium unterstellt, das mit einem Konzernvorstand samt CEO vergleichbar ist.
Mitunter ist bei den Mitarbeitern ein gewisses Unbehagen in Bezug auf den Wandel zu spüren, der aus einer exklusiven Organisation mit engem Mandat einen Akteur mit Führungsanspruch im humanitären Wettbewerb gemacht hat. Die Leistungen des IKRK im Feld sind unbestritten, doch nehmen die Stimmen zu, die «l'esprit et la particularité de l'institution» in Gefahr sehen. Hier stösst der Veränderungsdruck an seine Grenzen. In einer Organisation, die unter schwierigsten Umständen ihre Mitarbeiter in Kriegsgebiete entsendet, ist deren Identifikation mit Auftrag und Institution von zentraler Bedeutung und lässt sich nicht durch Anreizmodelle kompensieren. Einen modernen Anbau verträgt das vornehme Gebäude des Hôtel Carlton jedoch optisch allemal – solange die typische Fassade durch die Glasfront weiterhin klar erkennbar bleibt.
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