Tagblatt Online, 10. Juli 2012 16:09:00
Häufung von sexuellen Übergriffen in der Armee
Australische Armeeangehörige bei einer Parade zum Gedenken an die Gallipolli-Landung im Ersten Weltkrieg im April 2012. (Bild: Keystone / EPA)
Eine unabhängige Untersuchung weist auf ein erschreckendes Ausmass an Missbrauchsfällen in der australischen Armee seit den fünfziger Jahren bis heute hin.
Heidi Gmür, Sydney
Seit Jahrzehnten ist es in den australischen Streitkräften offenbar regelmässig zu sexuellen und anderweitigen gravierenden Übergriffen gekommen, teilweise auch an Minderjährigen. Zu diesem Schluss kommt eine von der Regierung in Auftrag gegebene unabhängige Untersuchung. Gemäss dem 1500 Seiten umfassenden Bericht, der am Dienstag veröffentlicht wurde, haben die Autoren Anschuldigungen betreffend Missbräuchen und Versagen im Umgang mit rapportierten Übergriffen von 847 mutmasslichen Opfern untersucht. Rund 775 geschilderte Vorfälle erachten die Autoren als plausibel.
Von Dienstkollegen missbraucht
Etliche Fälle liegen bereits mehrere Jahrzehnte zurück, kamen aber erst im Rahmen dieser Untersuchung erstmals ans Tageslicht. Etwa jener eines heute 70 jährigen Mannes, der in den fünfziger Jahren zur Navy kam, 13-jährig, und von mehreren älteren Dienstkollegen missbraucht und vergewaltigt wurde. Aus den achtziger Jahren wird ein Fall erwähnt, wo ein 16-Jähriger angespornt von Vorgesetzten von Kameraden mit einer Drahtbürste wund geschrubbt wurde. Eine 17-jährige Frau, die sexuelle Übergriffe ihren Vorgesetzten rapportierte, wurde vor versammelter Mannschaft zur Rede gestellt, woraufhin sie die Vorwürfe fallenliess.
Die Autoren verweisen auch auf eine interne Untersuchung aus dem Jahr 1998, in der von 26 Vergewaltigungsfällen allein in den Jahren 1994 bis 1997 die Rede war; nur zwei Fälle wurden angeblich der Justiz zugeführt. Die Autoren schliessen nicht aus, dass die mutmasslichen Täter noch heute Dienst leisteten. Sie gehen zudem von einer hohen Dunkelziffer aus und halten auch ausdrücklich fest, dass es sich «nicht um ein Phänomen handelt, das als historisch betrachtet werden kann».
Premierministerin beunruhigt
Premierministerin Julia Gillard bezeichnete die Ergebnisse der Untersuchung als «zutiefst beunruhigend»; Verteidigungsminister Stephen Smith sprach von schockierenden Vorfällen. Die Regierung will demnächst über mögliche Massnahmen befinden. In Erwägung zieht sie dabei unter anderem eine offizielle Entschuldigung, die Einberufung einer Royal Commission, die bei Untersuchungen über Sonderbefugnisse verfügt, sowie Kompensationszahlungen.
Ausgelöst worden war die Untersuchung durch Medienberichte im April 2011, als eine junge Kadettin angegeben hatte, sie sei beim Geschlechtsakt heimlich gefilmt worden, wobei sechs Kameraden sie via Skype beobachtet hätten. Die Berichterstattung über diesen Fall hatte zu einer Flut von Beschwerden anderer Opfer angeblicher Übergriffe geführt.
- Artikel empfehlen:








