Tagblatt Online, 05. Juli 2012 07:05:36
Exhumierung des Palästinenserführers wird gefordert
Palästinensische Wachen am Grab Arafats in Ramallah. (Bild: Keystone / AP)
Der arabische Sender al-Jazira hat eine neue Untersuchung zum Tod von Yasir Arafat veröffentlicht – acht Jahre nach dessen ungeklärtem Tod. Ein Schweizer Labor fand erhöhte Werte eines radioaktiven Stoffes an seiner Kleidung.
Monika Bolliger, Jerusalem
Monika Bolliger, Jerusalem
Eine am Mittwoch veröffentlichte Untersuchung des arabischen Nachrichtensenders al-Jazira hat Gerüchte um Yasir Arafats mysteriösen Tod neu zum Brodeln gebracht. Der palästinensische Anführer war im November 2004 in einem Spital in Paris gestorben. Die Todesursache ist nie geklärt worden. Palästinensische Vertreter warfen Israel vor, Arafat vergiftet zu haben. Von israelischen Verantwortlichen wurde dies unisono dementiert. Aber auch palästinensische Rivalen wurden verdächtigt.
Schweizer Laborbericht
Die von al-Jazira in Auftrag gegebene umfangreiche Untersuchung legt nun nahe, dass radioaktives Gift im Spiel gewesen sein könnte. Der Sender liess Kleidungsstücke, welche Arafat in den letzten Tagen vor seinem Tod getragen hatte, von einem Schweizer Labor untersuchen. Die Forscher des Institut de Radiophysique in Lausanne fanden erhöhte Werte des radioaktiven Stoffes Polonium-210 an seiner Kleidung, seiner Zahnbürste und der schwarz-weissen Kufiya, die er immer trug. Der Fund ruft den Tod des russischen Spions Alexander Litwinenko in Erinnerung, der 2006 in London mit diesem Stoff vergiftet worden war.
Ungeklärte Widersprüche
Arafat war geschwächt und hatte davor schon verschiedene Leiden, als er akut krank wurde und aus seinem von Israel belagerten Hauptquartier in Ramallah nach Paris geflogen wurde. In Israel argumentieren viele, dass man zu jenem Zeitpunkt kein Interesse mehr an Arafats Tod hatte, weil er schwach und isoliert war. Aus informierten Kreisen hiess es, man habe damals Amerika versprochen, Arafat nicht zum Märtyrer zu machen. Dass dieser nicht völlig an Bedeutung verloren hatte, zeigte sich an den trauernden Massen bei den Begräbniszeremonien in Ramallah und Kairo. Vorahnungen, dass nach Arafats Tod die brüchige Einheit der Palästinenser auseinanderfallen könnte, haben sich inzwischen bewahrheitet.
Ein Untersuchungsbericht des französischen Spitals, welcher nach Arafats Tod verfasst worden war, hatte aber keine Hinweise auf Vergiftung gefunden. Details über die Krankheit verschwiegen die Ärzte in der Öffentlichkeit «zum Schutz der Privatsphäre».
Zwei israelischen Journalisten gelang es, an den geheimen Bericht zu kommen – nur um festzustellen, dass dieser voller Widersprüche und offener Fragen war. So war die Rede von verschwundenen Blutproben. Unklar blieb ebenso, weshalb Arafats Frau Suha in dessen letzten Tagen den französischen Ärzten keine Leberbiopsie ihres Mannes erlaubt hatte, wie es in dem Bericht heisst. Und der nun ins Spiel gebrachte Stoff Polonium-210 war nicht auf der Liste des französischen Labors. Die Untersuchung von al-Jazira fand nun weitere Ungereimtheiten in Bezug auf den französischen Bericht. Involvierte Ärzte wollten trotz Einwilligung der Witwe Arafats dem von al-Jazira beauftragten Team keine Auskunft geben, was die Skepsis der Journalisten nährte.
Leichnam exhumieren?
Doch die neuen Funde genügen nicht als Beweis für eine Vergiftung Arafats. Dazu müssten dessen sterbliche Überreste exhumiert werden. Die palästinensische Autonomiebehörde gab sich grundsätzlich einverstanden und forderte eine internationale Untersuchung.
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