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Tagblatt Online, 30. Juni 2012 16:12:49

Die South Bronx steigt langsam aus der Asche

Die Bronx brennt nicht mehr, sie marschiert: Junge Bürger protestieren gegen Polizeischikanen. Zoom

Die Bronx brennt nicht mehr, sie marschiert: Junge Bürger protestieren gegen Polizeischikanen. (Bild: Reuters/ Keith Bedford)

Vor dreissig Jahren war die New Yorker South Bronx ein Symbol für städtische Verwahrlosung in den USA. Seither hat sich der Geburtsort der Jugendbewegung Hip-Hop erholt, auch wenn das Stigma noch immer nachwirkt.

Niklaus Nuspliger, New York

Die Bronx ist sicherlich nicht der populärste der fünf Stadtbezirke New Yorks. Es heisst, der durchschnittliche New Yorker nehme die Fahrt in den hohen Nordosten höchstens auf sich, um den Botanischen Garten oder den Zoo aufzusuchen oder um einem Baseballspiel im Yankee-Stadion beizuwohnen. Dass die Bronx von Touristen und Bewohnern anderer Stadtteile traditionell gemieden wird, hat nicht nur geografische Gründe. Vielmehr eilt namentlich der nur durch den schmalen Harlem-River von Manhattan getrennten South Bronx der Ruf voraus, eine sozial verwahrloste und gefährliche Gegend zu sein – ein Stigma, das sich in den USA eigentlich fast nur auf ein Gebiet mit sehr hohem Anteil afroamerikanischer und hispanischer Bewohner beziehen kann.

Der Zerfall

Nicht dem Klischee eines Unorts entspricht das Bronx Museum of the Arts. Die modern umgebaute frühere Synagoge mit einer eleganten südlichen Glasfassade liegt am Grand Concourse, einem Boulevard, der im späten 19. Jahrhundert nach dem Vorbild der Pariser Champs-Elysées erbaut wurde. Das Museum zeigt vor allem Werke von zeitgenössischen lokalen Künstlern, ist aber auch ein Kulturzentrum für das Quartier. Seit 2011 werden etwa am Event «Bronx Stories» lokale Kulturschaffende dazu eingeladen, vor einem der Kunstwerke eine Geschichte zu erzählen oder eine Darbietung zu geben.

Häufiger Gast an der Veranstaltung ist der 60-jährige Bobby Gonzalez, der seine grauen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat und sich als «Geschichtenerzähler» bezeichnet. Gonzales wurde als Sohn puerto-ricanischer Einwanderer in einer Sozialsiedlung, einem der vielen «Projects» in der South Bronx, geboren. Er erzählt von einer glücklichen Kindheit, vom Gemischtwarenladen seiner Eltern, von einem Gefühl der Zusammengehörigkeit in der Siedlung, in der Schwarze und Latinos in bescheidenen Verhältnissen zusammenlebten.

Gonzalez' Familiengeschichte steht auch für die sozialen Veränderungen, welche die South Bronx in den fünfziger und sechziger Jahren erlebte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wohnten vor allem Juden in der aufblühenden Gegend, aber auch Einwanderer italienischer oder irischer Herkunft, die aus den überfüllten Migrantenquartieren Manhattans zugezogen waren. Doch in den Nachkriegsjahren kehrten viele mittelständische Familien der Gegend wieder den Rücken und zogen in die Vororte. Das Phänomen wird von Historikern als «white flight» bezeichnet und war zu Zeiten der Rassensegregation auch eine Reaktion auf den rasanten Zuzug von Afroamerikanern sowie armen Einwanderern aus Lateinamerika. Der Bau einer Autobahn mitten durch die South Bronx sowie regulierte Mieten trugen dazu bei, dass der Wert der Liegenschaften sank. Die Arbeitslosigkeit und die Kriminalitätsrate stiegen, immer mehr Anwohner begannen die South Bronx zu verlassen.

«Meine Damen und Herren, die Bronx brennt», sagte 1977 ein Sportreporter während einer Live-Übertragung eines Baseballspiels aus dem Yankee-Stadion. Die durchaus wörtlich gemeinte Aussage steht bis heute für die Situation der Bronx in den siebziger Jahren: Hausbesitzer, die ihre Liegenschaften nicht mehr verkaufen konnten, liessen die Gebäude in Flammen aufgehen, um sich von den Versicherungen entschädigen zu lassen. Auch Mieter von Sozialwohnungen begingen Brandstiftung, um neue Wohnungen in anderen Quartieren zugeteilt zu erhalten.

Polizei und Feuerwehr waren überfordert, rund 40 Prozent der Gebäude sollen bis 1980 niedergebrannt oder verlassen worden sein. «Wie Dresden nach dem Krieg», lautete damals eine gängige Metapher, um die von Zerfall, Bandenkriminalität und offenem Handel und Konsum von Crack befallene Gegend zu beschreiben. Als Jimmy Carter 1977 und Ronald Reagan 1980 die South Bronx mit ihrem jeweiligen Wahlkampftross besuchten, richtete sich das nationale Scheinwerferlicht auf das Viertel, das zu einem Symbol für städtische Verwahrlosung in den USA wurde.

Die Jugendkultur

«Die Bilder aus jener Zeit sind noch immer in den Köpfen vieler Leute präsent», sagt Bobby Gonzalez, «auch wenn sich die Gegend bereits seit 20 Jahren kontinuierlich verbessert hat.» Zu Beginn waren es Nachbarschaftsgruppen wie «Nos Quedamos», die sich zum Verbleib im Quartier entschieden und sich für den Wiederaufbau engagierten. In den letzten Jahren hat aber auch die Stadt New York die Realisierung von über einem Dutzend Wohnprojekten unterstützt, in denen Eigentums- oder Mietwohnungen zu erschwinglichen Preisen angeboten werden. In der letzten Dekade wies das Gebiet der South Bronx mit seinen über 600 000 Einwohnern erstmals nach vier Jahrzehnten wieder ein Bevölkerungswachstum aus.

Abgesehen von einer jungen Sängerin aus Neuengland, die kürzlich in die South Bronx gezogen ist, treten am Event «Bronx Stories» viele hispanische und afroamerikanische Artisten auf, die oft von der Tradition des Hip-Hops inspiriert sind. Die Gedichte, Lieder und Erzählungen handeln von Solidarität und Gemeinschaft, aber auch von sozialer Ungerechtigkeit, von Rassismus und Polizeigewalt. Auch der Stolz auf die Herkunft aus der South Bronx wird kultiviert, die einen früh abgehärtet und auf die Widrigkeiten des Lebens vorbereitet hat. Das Publikum macht sich mit zustimmendem Raunen, mit Zwischenrufen und Applaus bemerkbar.

Es war während des Zerfalls in den siebziger Jahren, als Hip-Hop als Jugendkultur auf offener Strasse in den Ghettos der Bronx entstand. Heute gehört Hip-Hop zu den erfolgreichsten kulturellen Exportprodukten der USA überhaupt. Aus der zeitgenössischen Musik sind der Sprechgesang Rap oder der DJ nicht mehr wegzudenken, auch das Graffiti-Writing und der Breakdance haben weltweit Nachahmer gefunden. Kinder aus gut betuchten europäischen Familien tragen heute weit geschnittene und tief sitzende Hosen wie die damaligen Ghetto-Kids der Bronx.

In allen Ausdrucksformen des Hip- Hop zu Hause ist der 21-jährige Nelson Seda, der unter dem Künstlernamen «Chief 69» auftritt und in der South Bronx lebt, wo man noch immer stolz darauf ist, den globalen Lifestyle begründet zu haben. Anders als zu den Zeiten der Ursprünge seien heute gewaltbereite Gangs nicht mehr Teil der Bewegung, erklärt Seda. Allerdings seien die «Battles» genannten künstlerischen Kämpfe auch eine Form gewesen, die physische Gewalt zwischen den Banden zu reduzieren. Mit dem Erfolg des Hip Hop hat laut Seda eine Kommerzialisierung stattgefunden. «Heute ist alles Business», sagt auch der Rapper Luis Henrique Canada, der unter dem Künstlernamen «North Star» bekannt ist. «Graffiti-Writer werden bezahlt, um Mauern zu bemalen, und Rapper kaufen sich ganze Basketball-Teams.» Gesellschaftliches Bewusstsein finde man nur noch in der Untergrundszene. «Hip- Hop soll die Leute zusammenbringen», sagt Nelson Seda, «wie eine Rede von Martin Luther King.»

Organisiert wird «Bronx Stories» im Museum von Bridget Bartolini, einer jungen New Yorkerin aus dem Bezirk Queens, der die Bronx ans Herz gewachsen ist. Die lokale Kunst- und Kulturszene sei lebendig, authentischer und weniger abgehoben als jene in Manhattan oder den «In»-Vierteln Brooklyns, sagt sie. Mit ihrem Anlass, der Publikum aus anderen Stadtteilen anzuziehen beginnt, will Bartolini das Bild der Bronx hinterfragen, aber vor allem auch einen kulturellen Begegnungsort für die lokale Bevölkerung schaffen. Gleichzeitig äussert sie die Sorge, dass solche Events die South Bronx populärer machen und damit den Weg zu einer Gentrifizierung ebnen. «Werden dann genau jene Bewohner, die sich für die Verbesserung der Gegend eingesetzt haben, das Quartier verlassen müssen?», fragt sie.

Die Erneuerung

Von der anstehenden Gentrifizierung der South Bronx war in den letzten Jahren wiederholt die Rede gewesen – was jeweils die Immobilienbranche freut, welche die Gegend unter der trendigen Bezeichnung «SoBro» zu vermarkten begonnen hat. Der aus der Stadtsoziologie stammende Begriff Gentrifizierung steht für einen Prozess, bei dem reichere, zunächst oft junge und avantgardistisch angehauchte Zuzüger die ärmeren Bewohner eines Stadtteils wegen steigender Miet- und Lebenskosten verdrängen. Im nach wie vor stark segregierten New York hat der Begriff oft auch eine ethnische Komponente: Im April erklärte die «New York Times» die South Bronx zur Zone der Gentrifizierung und berichtete über weisse junge Berufsleute und Künstler, die neuerdings in der Gegend wohnen.

Anwohner streiten sich darüber, ob von Gentrifizierung die Rede sein kann. Ein Blick in die nach Ethnien aufgeschlüsselten städtischen Statistiken zeigt, dass im letzten Jahrzehnt zwar 500 Weisse, aber auch 17 500 Latinos aus anderen New Yorker Quartieren zugezogen sind. Laut dem Rapper Luis Canada haben sich auch die Lebensumstände der Anwohner nur bedingt verbessert: «Der Anteil von Teenager-Schwangerschaften ist hoch, die Schulen sind schlecht, und die Leute leiden unter Asthma.» Dass ein Wandel stattfindet, stellen aber auch Canada und der Geschichtenerzähler Gonzalez fest. Die Mieten stiegen an, und Gonzales berichtet von neu ansässigen «Hipsters», aber auch von einem starken Zuwachs von Einwanderern aus der Karibik, Zentralamerika, dem Nahen Osten sowie aus Westafrika. «Dass sich die Quartiere durch neue Einwanderer und Zuzüger verändern, ist eine gute Sache, das war in New York schon immer so», sagt er.

Wie diese Veränderungen die Gegend prägen werden, muss sich erst noch weisen. Womöglich sorgen das alte Stigma und geografische Grenzen dafür, dass sich die South Bronx nicht allzu rasch in eines der neuen Trendquartiere New Yorks verwandelt. Für pauschale Aussagen erscheint das Gebiet als zu gross und zu heterogen, und die Entwicklungen muten widersprüchlich an. Während die Art-déco-Gebäude am Grand Concourse Boulevard an alte Blütezeiten erinnern und in Quartieren wie dem geschäftigen Melrose neue Cafés oder Galerien entstanden sind, wirken andere Strassenzüge ärmlich und wenig entwickelt. Ähnlich verhält es sich mit der einst notorischen Kriminalität, die laut Anwohnern stark zurückgegangen ist, aber je nach Strassenabschnitt immer noch virulent ist.

Nach fünf Haltestellen nur erreicht man mit der Untergrundbahn von der South Bronx die traditionell gehobene Wohngegend Upper East Side in Manhattan. In die bisher vorwiegend von Fahrgästen mit dunkler Hautfarbe besetzte Subway steigen nun vermehrt weisse Passagiere zu. Die Upper East Side liegt im Kongress-Wahldistrikt mit dem höchsten Durchschnittseinkommen in den Vereinigten Staaten. Nur wenige Kilometer nordöstlich brennt die South Bronx zwar längst nicht mehr. Doch die letzte Volkszählung vor zwei Jahren ergab, dass hier noch immer knapp 40 Prozent der Bewohner unter der Armutsgrenze leben – und dass die Gegend das tiefste Durchschnittseinkommen im ganzen Land aufweist.

Blick auf den Concrete Plant Park, der am Ufer des renaturierten Bronx River eröffnet wurde. Zoom

Blick auf den Concrete Plant Park, der am Ufer des renaturierten Bronx River eröffnet wurde.
(Bild: Nina Berman / Noor / laif)




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