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Tagblatt Online, 30. Juni 2012 00:00:00

Im Wüstenschiff der Dichter

Dichter und Künstler mit Knopfaugen und langen Schwänzen bei der Arbeit im Rattentempel von Deshnok. Zoom

Dichter und Künstler mit Knopfaugen und langen Schwänzen bei der Arbeit im Rattentempel von Deshnok. (Bild: Jakub Sliwa / Aurora / Keystone)

Im Rattentempel von Deshnok werden Tausende von Ratten verehrt. Was manch westliche Besucher wie ein Albtraum anmutet, ist lediglich die logische Konsequenz einer Weltsicht, in der verschiedene Seinsebenen selbstverständlich ineinander übergehen und die Grenzen von Fiktion und Realität fliessend sind.

Eva Dietrich

Nach einer langen Reise ist es manchmal wie nach einem intensiven Traum. Man war so weit weg in anderen Realitäten, dass man, der gewohnten Umgebung entwöhnt, fremd im eigenen Bett erwacht. Vorsichtig streckt man ein Bein als Fühler unter der Decke hervor und setzt die Füsse auf eine Welt, die in seltenen Momenten Chancen bereithält, anders Fuss zu fassen und sie neu zu sehen. Man radelt durch die Stadt, in der man wohnt. Und sie lässt einen kalt, als sei sie eine Filmkulisse, weil man noch nicht angekommen ist. Nimmt man dann mit den Dingen Kontakt auf, ist es, als würde man sie neu in Besitz nehmen. Dazu genügt ein Gang auf die Toilette, wo der Toilettenring einen seltsam runden Abdruck auf der Haut hinterlässt, nachdem monatelang der Wind die Hinterbacken umblasen hat. Fremd geht man behutsam mit den Dingen um. Sie sind kostbar, nichts ist selbstverständlich und im Vornherein begriffen. Die Welt scheint wie ein Traum, der wartet, gelebt zu werden.

Sind solche Momente des Fremdseins und der Offenheit gegenüber der Welt zu Hause rar, so gehören sie umso mehr zu den Reizen des Reisens. Als Reisender sucht man die Eroberung des Fremdländischen. Die Anziehungskraft, die vom Fremden ausgeht, nennt man Exotik. Auch der Rattentempel im staubigen Wüstenort Deshnok in Westrajasthan ist ein exotischer Ort, weil es hier von Ratten wimmelt. Dadurch erfüllt er westliche Bedürfnisse, nach exotischen Momenten zu jagen, leicht. Man schiesst wie wild Fotos, als wäre man auf Löwenjagd, und zeigt zu Hause stolz seine Trophäen und sich selbst als Helden in der Wildnis. Doch verpassen die meisten Touristen die Chance, wirklich Kontakt mit der fremden Realität aufzunehmen. Anstatt die Schuhe auszuziehen, wie dies jeder normale Inder beim Gang in ein Heiligtum tut, streifen sie Papierfinken über. Befinkt fotografiert es sich sozusagen vom Hochsitz aus, und das Bedürfnis nach Exotik und Gruseln wird aus sicherer Distanz befriedigt. Etwa so, wie wenn man in der Geisterbahn fährt. Dabei böte der so irreal wirkende und gleichzeitig so normale Rattentempel eine einmalige Chance, am helllichten Tag und doch wie im Traum Neuland zu betreten – sofern wir barfuss gehen.

Dichter in Warteposition

Nachmittags schläft der Marmorlöwe am Eingangstor des Rattentempels. Jemand hat ihm eine Süssigkeit auf die Schnauze gedrückt, andere ihn mit Getreidekörnern berieselt und mit oranger Farbe besprengt. Kein Wunder, lächelt er. Sein in die eingerollten Pfoten gebettetes Löwenhaupt wiegt sich wohl durch die gewellte Löwenmähne in süsse Traumozeane.

Im Tempelhof rechts hängen Ratten schlaffschwänzig in den Metallkringeln eines Gitters – wie Seeleute in den Seilen von Takelagen. Die Tiere sind zweifellos da, aber auch anderswo – vielleicht Seemannsgarn in ihren Dichterseelen spinnend, unterwegs in einem Tempel, der eigentlich ein Wüstenschiff ist auf der Reise zu einer Fata Morgana. – Denn die hier verehrten Ratten sind eigentlich Dichter. Sie gehören zusammen mit der Lokalgöttin Karnimata und den den Tempeldienst versehenden Familien zu einer Sippe von Barden. Legenden erzählen, dass die historische Karnimata schon zu Lebzeiten als Göttin verehrt wurde und viele Kranke heilte. Doch einen jung Verstorbenen ihres eigenen Clans konnte sie nicht ins Leben zurückholen, weil er bereits in anderer Gestalt wiedergeboren worden war. Darüber erzürnt, schwor sie dem Totengott Yama, dass fortan kein Clanmitglied mehr in seine Fänge geraten werde. Stattdessen würden ihre Angehörigen so lange als Tempelratten wiedergeboren, bis sie erneut Dichtergestalt annähmen.

Die Ratten von Deshnok sind also Künstler – Dichter in Warteposition. Da Ratten nicht schreiben, betätigen sie sich unterdessen eher als Action-Painter. Über den Boden flitzend, tröpfeln sie Gagel und Urinstrahlen auf ihr Aktionsfeld, die sich, mit Getreidekörnern und süssen Bröseln zu einer klebrigen Masse vermischt, an unsere Fusssohlen heften.

Andere Ratten dösen im Dämmerlicht von Abstellkammern mit Bodenwischern und verrostenden Blechdosen. Eine knabbert kurz an unserer Zehe, als wolle sie etwas testen. Sonst herrscht Stille. Nur befinkte, westliche Zweibeiner streunen ruhelos im Sonnenlicht umher. Opfer ihrer eigenen Rattenphantasien verwandeln sie die im Dunkeln sich verlierenden Kammern in Eingänge zu Boschschen Höllen oder entwickeln Magengeschwüre, weil sie die Pest anrücken sehen. Sie produzieren kulturell konditionierte Albträume auf einen Tempel, in dem Friede und selbstverständliches Nebeneinander herrschen. Ratten und Menschen sind hier wie überall auf der Welt Nachbarn, manchmal übergriffig, wenn Fuss und Ratten übereinander stolpern. Doch schiesst deswegen keiner den andern tot. Wer eine Ratte versehentlich zertritt, muss sie in Gold aufwiegen.

Indische Besucher und Familienangehörige füttern die Ratten wie verwöhnte Kinder mit Süssigkeiten und Getreide, die in Schüsseln serviert werden. Die Ratten sitzen artig in Reih und Glied auf den Schüsselrändern, lassen ihre Schwänze wie Mädchenzöpfe hinten herunterhängen und tauchen ihre Schnauzen in süsse Milch. Mit den Ratten aus denselben Schüsseln zu speisen oder von Rattenschnäuzen geweihtes Wasser in Fläschchen abgefüllt nach Hause zu nehmen, verspricht Heilung. Besonderes Glück wird dem verheissen, der eine weisse Ratte sichtet. Wo Touristen die Pest sehen, finden Inder also Gesundheit und Glück.

Nun gut, andere Länder, andere Sitten. Um Vergleiche bemüht, könnte man sagen, dass der heilige Franz von Assisi ja auch mit den Vögeln redete. Doch wurden deswegen weder die lokalen Vögel heiliggesprochen noch ihnen Vogelhäuschen-Kapellen errichtet. Auch spricht man nicht mehr mit ihnen, obwohl sie vielleicht Wissenswertes über Franz zu berichten wüssten.

Anders in Indien, wo man Geschichten auch heute noch wörtlich nimmt und nicht als Metaphern. Die Verwandtschaft einer Göttin gehört verehrt und damit basta. Mit einer solchen Haltung wird ein Stück Fiktion Realität, und Ratten nehmen auf einmal ihnen sonst verbotenes Terrain ein. Wenn etwas von seinem normalen Platz verrückt wird und einen neuen einnimmt, steigen automatisch Ängste wie Möglichkeiten auf, die Welt neu zu sehen. Etwa so, wie wenn der Wolf in die Schweiz einmarschiert. In Deshnok wird mit der Präsenz von Ratten ein kreatives Prinzip Wirklichkeit, dem wir sonst eher in der Kunst, im Traum oder beispielsweise im Film «Ratatouille» begegnen. Es besteht in der Freiheit, die Welt mit eigenen Geschichten und Dingen neu zu gestalten. Als gäbe es keinen Gegensatz zwischen Traum und Realität.

Inder brauchen dazu keine Kunst. Der indische Alltag mit seinem Nebeneinander unterschiedlichster Realitäten genügt. Das weiss jeder Indienreisende. Wenn Kamele nach dem Kamelmarkt von Pushkar die Autobahn benutzen, um schneller nach Hause zu kommen, oder auf dem Mittelstreifen eines National Highway eine Singer-Nähmaschine steht, meinen wir mit weit offenen Augen in einem Tagtraum zu stecken, während Inder am selben Strassenrand keine Notiz von diesen alltäglichen Gegebenheiten nehmen und Siesta halten.

Eine barfüssige Weltsicht

Wenn gegen Abend das Tempelleben erwacht, werden Arbeit und Vergnügen geteilt. Ratten strömen geschäftig aus ihren Löchern, als wären es Ausgänge von Metrostationen. Sie drehen Runden in Töpfen voller Halwa, tollen über Besenstiele, während Menschen die Böden aufwischen, die handkehrum von Deshnoks Action-Painters erneut mit Kot und Bröseln besprengt werden. Nur Ausländer mit ihrem Hang zu klaren Grenzen und Gegensätzen stören sich an diesem kreativen Gleichgewicht der Welt. Vor allem diejenigen, die sich befinkt vor dem Boden der Tatsachen zu schützen versuchen, um dann umso mehr durch innere Gefahrenzonen zu schlarpen. Befinkt bleibt man im eigenen Boot, abgeschirmt und gefangen in einseitigen Vorurteilen über Ratten als Krankheitsüberträger. Barfuss hingegen wird die Welt nackter Tatsachen notgedrungen konkret. Vorausschauenden Ekels voll setzen wir die Füsse erst zögernd auf das unbekannte Terrain. Misstrauisch überlegen sich die Tastorgane bei jedem Schritt, ob sich nun ein Korn oder Gagel in ihre Sohlen eindrückt, ob sich Fäkalien oder Süssigkeiten an ihnen festkleben. Doch rollen die immer schwärzer werdenden Sohlen mit zunehmender Selbstverständlichkeit Dreck auf den Boden ab, bis sie, heimisch geworden, die Welt aus Rattenaugen sehen und Ekel wie Süsse einerlei sind.

Ratten sind mit ihrem an eine Pelzkugel gesetzten Wurmschwanz ja selbst eine Vereinigung von Gegensätzen, wie dafür gemacht, zu einer umfassenderen Weltsicht anzuregen, die kuschelig Angenehmes mit Abscheu erregendem Nacktem vereint. Inder würden dies mit ihrem unnachahmlichen Nicken bestätigen, das in der Bewegung einer liegenden Acht Ja und Nein verschleift und die letztendliche Einheit von allem meint. Deshalb soll hier gesagt werden: Ratten sind auch nur Menschen. Sonst hätten wir kaum eine solche Angst vor den kleinen Viechern.

Interessant bleibt das Rattenphänomen an sich. Der Westen verbannt Rattenalbträume tief hinein ins Unbewusste, wo das Dunkel so gross ist, dass wir sie nicht mehr sehen, sie jedoch umso ungehinderter vor sich hin wuchern und Blinddärme treiben. Inder machen es umgekehrt. Sie beamen unterirdische Realitäten ein Stockwerk höher ans Tageslicht, geben ihnen Raum und errichten dem potenziell Unheilbringenden gar einen Heil versprechenden Tempel. Der Rattentempel zeigt so ganz einfach und unprätentiös grundsätzliche Mechanismen kreativer Lebensbewältigung auf. Die Ratten agieren darin als Künstler, die uns in ihre Aktionen involvieren. Vom Geruch süssen Milchbreis und Rattenkots umweht, jagen sie uns durch Exkremente und Manna, bis wir etwas begriffen haben. Die «Deshnoker Aktionisten» machen uns gar selbst zu Künstlern, die aufbrechende Pestbeulen oder über Dünen schippernde Wüstenschiffe erfinden.

Fiktion bedeutet ja nur die Gestaltung und Verdichtung individueller Weltwahrnehmung. Undurchschaubar wie wir selbst entzünden diese Dichter unsere Phantasien, mit denen wir sie aufladen, bis sie uns aus schlauen Knopfaugen entgegenblicken und wir uns selbst erkennen.




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