Tagblatt Online, 21. Juni 2012 08:27:00
Gute und schlechte Reisende
Terraferma - ein Film über eine sizilianische Familie, die mit der Ankunft einer Gruppe von Immigranten hadert. (Bild: pd)
Der italienische Filmemacher Emanuele Crialese kehrt mit seinem neusten Werk nach Lampedusa und zum Thema der Migration zurück. Der Film «Terraferma» stellt das Schicksal illegaler afrikanischer Flüchtlinge dar und stellt es neben die Nöte, Ängste und Sehnsüchte der einheimischen Bevölkerung in Lampedusa.
Alexandra Stäheli
Lautlos sticht der Kiel eines Bootes an der fernen Wasseroberfläche durch das ruhige Meer. Dicke Seile werden ausgeworfen und sinken im glitzernden Wasser wie pelzige Algen der Kamera entgegen, um sich plötzlich zu Netzen zu entfalten, deren Schlingen sich mit der Bewegung des Schiffs langsam zuziehen. Kurz darauf stösst der kleine italienische Fischkutter donnernd mit einer Planke zusammen. «Nur ein Stück Holz», meldet der junge Fischer Filippo (Filippo Pucillo) der kleinen Crew. Doch auch er hat gesehen, dass das Stück Holz mit afrikanischen Mustern bemalt war – und auch er ahnt, dass diese verwaschenen Überreste eines Dramas nur als Vorboten einer weiteren Katastrophe daher getrieben sind.
Es ist eine einfache Bildsprache, mit der uns Emanuele Crialese in seinen dritten Film, «Terraferma», buchstäblich eintauchen lässt, eine schlichte, naturnahe Symbolik, die jedoch in keinem Moment simpel erscheint. Vielmehr gelingt es dem Film – wie auch schon dem ebenfalls auf Lampedusa spielenden «Respiro» (2002) und «Nuovomondo» (2006) –, mit seiner fabelgleichen, zuweilen fast mythischen Expressivität an dem schnell urteilenden Zugriff der Vernunft vorbei und direkt in die Magengegend zu zielen.
Dabei erzählt der 47-jährige Römer, der sich an der New Yorker Tish School of Arts zum Regisseur hat ausbilden lassen, auf den ersten Blick nichts Aussergewöhnliches. Aber seine Filme geben den bekannten, trockenen Fakten rund um Themen der Migration eine eigenwillige Gestalt aus Fleisch und Blut, hinter der immer auch ein Plädoyer für das allgemein Menschliche zum Vorschein kommt. In «Terraferma» sind es nun illegale afrikanische Flüchtlinge, die die idyllische italienische Insel Lampedusa mit ihrer existenziellen Not überfluten und überfordern und die Einwohner vor die Frage stellen, welches Gesetz im Umgang mit den Menschen denn nun eigentlich zu befolgen sei.
Während die geschäftstüchtigen Strandbesitzer, die den Tourismus vorantreiben möchten und für die die Illegalen nur eine ästhetische Plage darstellen, dem Gesetz der Carabinieri folgen, ist für die letzten verbliebenen Fischer wie den alten Ernesto (Mimmo Cuticchio) und seinen Enkel Filippo klar, dass das Gesetz des Sees gilt: Wer in Gefahr ist, wird aufgenommen. Dass die Durchführung dieser einfachen humanen Regel unter dem sozialen Zwang der Inselbewohner jedoch alles andere als einfach ist, erfährt Ernesto, als er eine hochschwangere Frau mit ihrem neunjährigen Sohn aus dem Meer zieht; kaum an Land gebracht, bringt die erschöpfte Frau (Timnit T.) noch in derselben Nacht ihr Baby zur Welt und wohnt fortan in der dürftigen Bleibe von Filippo und seiner Mutter Giulietta (Donatella Finocchiaro).
Sie habe nun wirklich andere Pläne, als eine Illegale zu beherbergen, erklärt die temperamentvolle Giulietta der stillen Sara gleich nach der Geburt forsch, schliesslich möchte sie nach dem frühen Tod ihres Mannes ebenfalls ins lukrative Tourismusgeschäft einsteigen, ein wenig Geld ansparen und dann ihr perspektiveloses, kleines Inselleben als verwitwete Fischersfrau endlich hinter sich lassen. Doch in den wenigen Gesprächsbrocken mit der schwarzen Flüchtlingsfrau, die aus der Südsahara aufgebrochen und seit zwei Jahren unterwegs zu ihrem Mann nach Turin ist, erkennt Giulietta sehr bald, dass ihrer beider Lebenssituationen und Hoffnungen auf eine andere Existenz fern der Heimat verwandter kaum sein könnten.
Crialese legt diese Parallelen zwischen den verschiedenen ökonomischen und sozialen Bedingungen sämtlicher Protagonisten in wenigen, sich fast identisch wiederholenden Bildern offen, deren prägnante Korrespondenzen den Grundkommentar zu Crialeses Thema abgeben. Wenn die Horde badender Touristen etwa aus der gleichen Kameraperspektive unter Wasser eingefangen wird wie in der Eröffnungssequenz die herabsinkenden Netze der Fischer, dann entpuppen sich die scheinbar mächtigen Fremden auch nur als kleine Fische. Und wenn die verzweifelt auf ihrem Floss um Hilfe gestikulierenden Flüchtlinge plötzlich eine Verdoppelung durch die fröhlich auf einem Boot winkende Touristenschar erfahren, dann wird in einem kurzen Moment deutlich, dass die scheinbar so eindeutige Unterscheidung in «gute» und «schlechte», in willkommene und unwillkommene Reisende nur eine Frage der Perspektive ist und sich unter der Tatsache auflösen muss, dass wir letztlich alle irgendwo unterwegs zu einer «Terra ferma», einem festen Land unter den Füssen, sind.
Demnächst in den Zürcher Kinos.
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