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Tagblatt Online, 30. Mai 2012 06:00:00

Erzähler mit Lust und Laune

«Siegfried» als Fortsetzung im neuen Münchner «Ring»

Mime (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke) und der neugierige Wanderer (Thomas J. Mayer): «Siegfried» in München. Zoom

Mime (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke) und der neugierige Wanderer (Thomas J. Mayer): «Siegfried» in München. (Bild: PD)

Was bedeutet er denn, der von Richard Wagner aus verschiedenen Quellen zusammengesetzte und neu geformte Mythos vom «Ring des Nibelungen»? Der Regisseur Andreas Kriegenburg, der die Tetralogie derzeit für die Bayerische Staatsoper erarbeitet, scheint dazu keine Meinung zu haben, wenigstens offenbart er sie nicht.

Peter Hagmann

Was bedeutet er denn, der von Richard Wagner aus verschiedenen Quellen zusammengesetzte und neu geformte Mythos vom «Ring des Nibelungen»? Der Regisseur Andreas Kriegenburg, der die Tetralogie derzeit für die Bayerische Staatsoper erarbeitet, scheint dazu keine Meinung zu haben, wenigstens offenbart er sie nicht. Er gibt sich vielmehr als Erzähler, der mit Lust und Laune seine Geschichte ausbreitet und dabei unbeschwert den in den vier Teilen ganz unterschiedlichen Tonfällen folgt. Angesichts der beschwerten, weil hochkomplexen Rezeption ist das nicht nur ein vertretbarer, sondern vielleicht sogar der einzige noch gangbare Weg. Er besteht in einer Art offener Verweigerung gegenüber der Vielzahl der seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelten Deutungskonzepte und der Annahme einer Naivität, die es natürlich nicht geben kann, aber wohl doch szenisches Handeln ermöglicht.

Viel Theater

Wer das akzeptiert – und auch hinnimmt, dass im Münchner Musiktheater das Theater gerne lauter auftritt als die Musik –, kann diesem neuen «Ring» durchaus lustvoll begegnen. In «Siegfried» zumal, denn dieser Teil der Tetralogie – er zeigt den Eintritt eines Frischlings in eine von ihrer Geschichte belastete Welt – spielt gleichsam im Kindergarten. Die wunderbare Ruth Berghaus hat dafür seinerzeit, im legendären Frankfurter «Ring» der achtziger Jahre, eine treffende Metapher gefunden. Sie steckte den ebenso fülligen wie stimmgewaltigen William Cochran in kurze Hosen, Siegfried erschien da wie ein riesiges Kind – mehr brauchte nicht getan zu werden. Andreas Kriegenburg tut wesentlich mehr, und er tut es mit der Masse an Statisten, die er für sein Theater von und mit Menschen verpflichten lässt.

So bewohnt Mime nicht einfach eine Hütte im Wald, es ist in dieser Lichtung vielmehr alles gespenstisch. Die Bäume scheinen lebendige Wesen zu sein und bewegen sich, die Wände der Hütte kommen und gehen, und wenn Mime seinem Ziehsohn Siegfried von dessen Geburt erzählt, wird das Geschehen im Hintergrund der Bühne in allen Einzelheiten nachgestellt, bis hin zum Erscheinen eines blutverschmierten Babys, das Mime dann freilich rasch entschlossen unter seinem Amboss verschwinden lässt. Und greift Siegfried zum Werkzeug, um sein Schwert Nothung in Form zu bringen, sieht er sich alsbald von einer Armada an Komparsen umgeben, die mit Hilfsmitteln aller Art (die Bühne stammt von Harald B. Thor) die Funken stieben lassen – rasch denkt man da an jene Theatermaschinen, mit denen 1876 in Bayreuth die Rheintöchter zum Schweben gebracht wurden.

Das ist alles ein wenig aufgeplustert, bisweilen auch etwas geräuschintensiv, stört aber nicht weiter. Mag sein, dass es gegenüber einem Publikum, das auf die Sänger fixiert ist, dem Theater zu seinem Recht verhelfen soll. Oder umgekehrt, dass es nach guter brechtscher Manier die Identifikation brechen soll – wie dort, wo Siegfrieds Horn in den Soffitten schon mächtig klingt, während der Darsteller sein Instrument noch gar nicht an den Lippen hat. Das ist lustig – beim ersten Mal; beim zweiten und dritten Mal kennt man den Witz bereits. Überraschend die Erscheinung des Riesenwurms Fafner im zweiten Aufzug als ein von Menschenleibern gebildeter Kopf oder das Ende Mimes daselbst: In Vorfreude leckt der «listige Zwerg» den Säbel Siegfrieds, mit dem er demnächst den ultimativen Streich auszuführen gedenkt, nur ist die Waffe dummerweise mit jenem giftigen Sud genetzt, den Mime eigentlich Siegfried zugedacht hat. Da sind szenische Lösungen gefunden, die so noch nicht zu sehen waren, das ist immerhin etwas.

Die Figuren selbst, allerdings, sind, wenn überhaupt, ausgesprochen konventionell gezeichnet – Kriegenburgs Theater arbeitet zwar mit Menschen, im Grunde aber doch eher mit Menschenmaterial anstelle von Requisiten. Mime ist so, wie er bei dem gewandten Wolfgang Ablinger-Sperrhacke eben ist: ein Disqualifizierter mit unablässig herunterrutschender Brille. Auch Wotan, in «Siegfried» zum Wanderer geworden, stapft so, wie Wotan nun einmal stapft, doch immerhin singt Thomas J. Mayer seine Partie ebenso nobel wie in der «Walküre» – der Moment, da ihm der Junge den Speer zerbricht und die Macht nimmt, gerät ihm wahrhaft berührend. Wolfgang Koch gibt einen faserig nervösen Alberich und ist dabei, auch stimmlich, hinreissend präsent. Unauffällig bleiben Rafal Siwek (Fafner) und Jill Grove (Erda), während Anna Virovlansky als Waldvogel mit einem leuchtkräftigen Timbre auf sich aufmerksam macht.

Musikalische Exzellenz

Nun aber: Siegfried – und da darf von einem Glücksfall berichtet werden, denn Lance Ryan ist nicht nur genau der Richtige für diese absolut mörderische Partie, der Kanadier englischer Muttersprache ist auch derzeit einer der Besten dafür. Seit seinem Auftritt als Siegfried bei den Osterfestspielen Salzburg 2009 hat sich seine Aussprache des Deutschen prächtig verbessert, seine Stimme hat ihre drahtige Geschmeidigkeit bewahrt, und wie er die Kraft zu dosieren, wie er bis zum dritten Aufzug, wo ihm eine ausgeruhte Brünnhilde begegnet, präsent zu bleiben weiss, ist imposant. Zumal mit Catherine Naglestad eine zur Frau werdende Walküre neben ihm steht, die es an glanzvoller Ausstrahlung nicht fehlen lässt. Die Annäherung der beiden ist dem Regisseur etwas linkisch, wenn nicht kindisch geraten; Siegfried trägt in seinem Drang, zur Sache zu kommen, ziemlich dick auf.

Umso überzeugender wird das Warmwerden zwischen Mann und Frau vom Bayerischen Staatsorchester ausgeformt. Der Dirigent Kent Nagano setzt auch hier auf das Durchleuchten der Partitur, und auch hier bekommt man Dinge zu hören, die anderswo im Getöse untergehen. Zudem hält er die Dynamik blendend im Griff, lässt er das Orchester aktiv am Geschehen teilhaben, ohne die Sänger zu bedrängen. Besonders schön gelingen ihm in «Siegfried» die Abmischungen der Farben; die samtene Diskretion, mit der die Kontrabasstuba für Grundierung sorgt, ist da ein Beispiel unter vielen. Und vom Geraschel auf der Bühne lässt er sich nicht stören, er sucht gleichwohl immer wieder überraschende Momente des Leisen auf. Musikalisch wenigstens entwickelt sich der Münchner «Ring» prächtig.




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