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Tagblatt Online, 9. August 2012, 18:49 Uhr

Rumäniens Premierminister als Plagiator

Plagiatsfälle prominenter Zeitgenossen zumal aus dem Feld der Politik sind in jüngster Zeit notorisch geworden. Dass sich ein amtierender Regierungschef in seiner Dissertation grosszügig bei anderen bedient hat, ist neu. Der rumänische Premierminister Victor Ponta bestreitet die Vorwürfe mit lächerlichen Argumenten.


Markus Bauer

Lesen Plagiatoren, was sie plagiieren? Notwendig ist dies zumindest im heute möglichen digitalen Copy-Paste-Verfahren nicht mehr. Vielleicht entgingen dem amtierenden jungen Premierminister Victor Ponta daher die Inhalte, welche die «Comisia de Etică» der Universität Bukarest im Vergleich seiner «teză de doctorat» von 2003 mit drei Texten zum gleichen Thema des Internationalen Strafgerichtshofes hervorhob. «Der Täter (eines internationalen Verbrechens) ist nicht von der Strafverantwortung ausgenommen, selbst wenn er einen offiziellen Status in seinem Land einnimmt», steht in Pontas Dissertation, und dies könnte dem heutigen Premierminister zu denken geben. Wie die Ethikkommission festhält, hat der damals bereits eine Karriere als Staatsanwalt hinter sich lassende Doktorand 115 Mal in seiner gedruckt 297 Seiten umfassenden «wissenschaftlichen Arbeit» abgeschrieben, teilweise mehrere Seiten nacheinander. Quellen seiner Reproduktion sind vor allem Bücher von Dumitru Diaconu, Vasile Cretu und Ion Diaconu.

«Kleiner Titulescu»

Aus dem englischsprachigen Text des Letztgenannten, der gerade nur ein Jahr vorher in der Reihe des Rumänischen Instituts für Internationale Studien ‹Nicolae Titulescu› erschienen war, übersetzt die «Arbeit» Pontas mehrere Seiten, ohne sie als Zitat zu markieren. Das genannte Institut ist nach dem früheren Völkerbundssprecher Titulescu benannt, einer der markanten Gestalten des internationalen Rechts, der in der Zwischenkriegszeit als Botschafter und Aussenminister Rumänien vor den Folgen der europäischen Antagonismen zu bewahren suchte. Ironischerweise nannte der frühere Premierminister Adrian Nastase seinen späteren Nachfolger Ponta als Chef der PSD den «kleinen Titulescu» – Nastase gilt als politischer Mentor Pontas, betreute dessen Doktorat an der Bukarester Universität und sitzt heute nach der Verurteilung wegen Korruption und einem fingierten Suizidversuch im Gefängnis in Jilava.

Die Universität Bukarest bescheinigte der von Nastase betreuten Dissertation seines damaligen Staatssekretärs und Universitätsassistenten an der privaten Amerikanisch-Rumänischen Universität, Ponta, «massive Plagiate». Ponta reagierte mit der Behauptung, dass 2003 seine Verfahrensweise nicht als Plagiat gegolten hätte, worauf ein Mitglied der Kommission antwortete, dass Zitate seit 200 Jahren gekennzeichnet werden müssten.

Bezeichnenderweise sprang Ponta einer der Plagiierten zur Seite, der sogar ein Vorwort zur verdächtigen Publikation Pontas beigesteuert hatte. Der frühere Botschafter Ion Diaconu erklärte, er fühle sich nicht als Plagiierter. Diaconu, Jahrgang 1938, arbeitete während des kommunistischen Regimes vor allem im Aussenministerium und bei internationalen Organisationen, nach der Wende war er Botschafter. Er lehrt seit mehreren Jahren an der privaten Universität «Spiru Haret».

Diese Massenuniversität eines früheren Ceausescu-Vertrauten geriet in die Schlagzeilen, als die damalige Bildungsministerin Caterina Andronescu das Verfahren der «Diplomfabrik», bei der Tausende von Abschlüssen ohne wirkliche Examen vergeben wurden, strengeren Regeln unterwarf und deren Auslandsbüros schloss. Damals warf die Affäre ein grelles Licht auf die Realität des rumänischen Bildungswesens, in dem Diplomkauf, Plagiat, Korruption der Lehrenden offensichtlich an der Tagesordnung sind. Andrei Plesu, früherer Aussen- und Kulturminister und Leiter des New Europe College in Bukarest, schrieb in seiner Zeitschrift «Dilema veche» einen offenen Brief an die Bildungsministerin Andronescu, die erneut in das Amt berufen wurde, nachdem mehrere Kandidaten und ein aktiv gewordener Minister wegen Plagiatsnachweisen ausgeschieden waren. Plesu lobte die Ministerin für ihre Initiative in der Sache «Spiru Haret», sah ihre Rolle aber im Fall Ponta als unglücklich, da sie als letzte Instanz darüber werde entscheiden müssen, ob dem Premierminister der Doktortitel entzogen werde. «Man braucht nicht mehr als zehn Minuten, um zu erkennen, dass man es mit einem groben Plagiat zu tun hat.»

Rücktrittsforderungen

Plesu appelliert an die Ministerin, die Folgen einer Ablehnung des Plagiatstatbestandes für das rumänische Bildungssystem und das Ansehen des Landes zu bedenken. Mittlerweile hat Ponta auch die Behauptung, er halte den Master einer italienischen und einer englischen Universität, aus seinem Lebenslauf gestrichen. Als ihm vorgeworfen wurde, er habe mit anderen Politikern ein Szenario entworfen, nach dem die rumänische «Gauck-Behörde» CNSAS, die Anti-Korruptions-Zentrale DNA und das Verfassungsgericht abgeschafft werden sollten, erklärte Ponta, er habe lediglich seine Unterschrift auf eine leere Mappe geschrieben. – Eine an der Universität in Temeswar produzierte Website hat bereits über 16 000 Unterschriften für den Rücktritt Victor Pontas wegen des Plagiats gesammelt.



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