Wirtschaft: 14. Juni 2008, 01:02

Verdacht auf Spionage

Hat die Securitas im Auftrag von Nestlé die globalisierungskritische Attac infiltriert?

Eine Securitas-Agentin hat sich bei einer Waadtländer Autorengruppe von Attac eingeschlichen. Diese arbeitete an einem Buch über Nestlé.

Denise Lachat/Lausanne

Sie nannte sich Sara Meylan, gab vor, bei einer Versicherung zu arbeiten und bei der globalisierungskritischen Organisation Attac an der Publikation eines Buches* über den Weltkonzern Nestlé mitarbeiten zu wollen. Wie Recherchen des Westschweizer Fernsehens aufdeckten, war Meylan jedoch eine Angestellte der privaten Sicherheitsfirma Securitas, welche die Arbeit einer Autorengruppe von Attac Waadt ausspionierte, aller Wahrscheinlichkeit nach im Auftrag von Nestlé. Dass sich eine Securitas-Agentin bei ihnen eingenistet hatte, erfuhren die Autoren vom recherchierenden Journalisten der Sendung «Temps présent». «Wir sind geschockt», sagte Janick Schaufel-buehl gestern vor den Medien. «Diese Frau nahm an allen Sitzungen, die teils privat bei uns zu Hause stattfanden, teil. Und sie erhielt so Zugang zu sämtlichen Quellen im Rahmen unserer Recherchen, zu den Nestlé-Angestellten in verschiedenen Ländern und zu Gewerkschaftern.»

«Aufklärungsdienste» geleistet

Die Autoren erstatten Strafanzeige gegen unbekannt; sie klagen auf Verletzung der Privatsphäre und auf Verstoss gegen das Datenschutzgesetz, wie Anwalt Jean-Michel Dolivo ankündigte. Der grüne Waadtländer Ständerat Luc Recordon fordert politische Konsequenzen: In einer Interpellation verlangt er vom Bundesrat, den gesetzlichen Rahmen für den Schutz der Privatsphäre vor privaten Schnüffeleien zu überprüfen.

Securitas bestreitet nicht, in der Waadt «Aufklärungsdienste» geleistet zu haben, und zwar während des Treffens der Staatschefs der G-8 im französischen Evian im Jahr 2003. «Unsere Kunden hatten Angst vor Ausschreitungen, wir selbst sorgten uns um unsere uniformierten Angestellten», sagt auf Anfrage Reto Casutt, Generalsekretär von Securitas Schweiz. «Da wollten wir einen Informationsvorsprung haben.» Diesen habe sich die Securitas im Internet und «auf dem Feld» beschafft.

«Auf Campingplätzen»

Casutt: «Jemand mischte sich unter die Leute, zum Beispiel auf den Campingplätzen.» Danach erstellte die Securitas Berichte, die den Kunden und der Waadtländer Kantonspolizei weitergeleitet wurden. Den Fall Meylan, die bis Sommer 2004 und damit weit über das G-8-Treffen hinaus «aufklärte», will Casutt nicht explizit bestätigen. Gesetzeswidrig habe die Securitas nicht gehandelt, versichert er. Es seien nie Foto- oder geheime Tonbandaufnahmen gemacht worden. Und die Bestimmung des Datenschutzgesetzes zur Informationspflicht der Betroffenen sei erst seit Anfang dieses Jahres in Kraft.

Ob die Securitas während und nach dem G-8-Treffen im Auftrag Nestlés handelte, bestätigt die Sicherheitsfirma nicht. Nestlé selbst schreibt, man habe nach der Ankündigung von Demonstrationen gegen Firmen am Genfersee während des G-8-Treffens «in enger Zusammenarbeit mit der Securitas und der Kantonspolizei Waadt die geeigneten Massnahmen getroffen». Über die Art der Massnahmen gibt Nestlé keine Auskunft. Das Unternehmen habe sich «strikte ans Gesetz gehalten».

*«Nestlé, Anatomie eines Weltkonzerns», Hrsg. Attac Schweiz, Rotpunktverlag, Zürich, 2005, 128 S.


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