ST.GALLEN. Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton ist am Donnerstag an der Eröffnungsfeier des Centers of Disability and Integration an der Universität St.Gallen als Festredner aufgetreten. Ein Auszug aus der Rede von Bill Clinton, übersetzt von Anjana Bhagwati.
Die Rede des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton an der HSG. (Quelle: Radio FM1)
Ich freue mich, hier in der Schweiz zu sein, vor allem zu einem so wichtigen Anlass, nämlich der Eröffnung des «Center of Disability & Integration» hier an der Universität St.Gallen. Vielen Dank für Ihre gute Arbeit, die so wertvoll ist für die Behinderten in der Schweiz und in ganz Europa.
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Wir müssen den Sinn, dessen, was es heisst, behindert zu sein verändern. Der Status eines behinderten Menschen soll künftig in den Status eines Ermächtigten verwandelt werden. Wir müssen zeigen, wie sehr wir auch die behinderten Mitmenschen und deren Fähigkeiten in unserer Gesellschaft brauchen.
Ich spreche hier aus ganz persönlichen Gründen, und ich will Ihnen erzählen, wie ich zu meinem Einsatz für Behinderte kam. Als Gouverneur gehörte ich nicht wirklich zu den Kreuzrittern behinderter Menschen, aber ich hatte gute Leute, die für mich auf diesem Gebiet arbeiteten und von denen ich lernte. Als ich dann Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde, fragte mich Peter Jennings vom Sender ABC, ob ich bereit wäre, vor einer Versammlung von Kindern im Alter von acht bis sechzehn Jahren zu sprechen. Da ich damals mit allerhand schwierigen politischen Problemen zu kämpfen hatte, dachte ich, es sei sicher eine Abwechslung mal zu einem angenehmen Anlass zu gehen, und sagte zu. Nach meiner Rede meldete sich ein zehnjähriges Mädchen, das an cerebraler Lähmung litt, zu Wort. Sie sagte: «Mein Name ist Anastacia Samosa, meine Eltern kommen aus Nicaragua und arbeiten hier. Ich habe eine Zwillingsschwester, die auch eine cerebrale Lähmung hat, aber schlimmer als ich. Sie kann nicht sprechen, sitzt in einem Rollstuhl und kommuniziert über einen Computer. Sie darf die Schule nicht besuchen, obwohl sie genauso intelligent und wissbegierig ist wie ich. Kein Kind sollte doch daran gehindert werden, eine Ausbildung machen zu dürfen. Können Sie, Herr Präsident Clinton, nicht dafür sorgen, dass meine Schwester mit mir in meine Schule gehen kann?»
Sie war so überzeugend, dass ich Ja sagte. Ich ahnte allerdings nicht, dass es einfacher sein würde, die Probleme der Nahost-Friedensgespräche zu überwinden, als die Gespräche mit den schulischen Instanzen zu führen. Aber letztlich habe ich es geschafft, dass die Zwillinge zusammen in die Schule gehen konnten. Anastacia hat später in meinem Wahlbüro mitgearbeitet, und ihre Schwester Alba erzielte einen Universitätsabschluss am Queens College in New York – das konnte sie nur tun, weil ihre Schwester so für sie gekämpft hatte.
In den vergangenen Jahren konnte ich beobachten, dass sich Menschen entschieden haben, aufgrund eigener Behinderung oder persönlicher Erfahrung mit Behinderten, Stiftungen zu gründen und für die Integration von Behinderten zu kämpfen. Auf diese Weise haben sich überall auf der Welt Nichtregierungsorganisationen (NGO) formiert, die sich für diese Menschen einsetzen. So gründete zum Beispiel ein Mann, der von der Hüfte ab gelähmt ist, seine «walk about foundation» für Menschen mit ähnlichen Leiden. Er hat trotz seiner Behinderung die Alpen überquert, um Geld für seine Stiftung zu sammeln.
Als ich US-Präsident war, entdeckte ich, dass wir ein grosses Problem in unserem Gesundheitssystem hatten: Wenn in den USA jemand eine Behinderung hat, dann übernimmt die US-Regierung die gesamte Gesundheitsversorgung. Wenn aber dieser Mensch einen Teilzeitjob annehmen sollte, verliert er dadurch die staatliche Gesundheitszulage. Der wichtigste Vertrag, den ich in meiner Amtszeit aufgrund dieser Sachlage unterzeichnet habe, lautete wie folgt: «Jeder mit einer Behinderung wird niemals die finanzielle Gesundheitsversorgung verlieren, auch wenn er einen Job findet.»
Denn es ist wichtig, dass wir aufhören, uns nur darauf zu konzentrieren, dass Menschen eine Behinderung haben. Wir sollten uns vielmehr auf deren Fähigkeiten konzentrieren. Auf diese Wahrnehmungsänderung sollten auch Regierungen einen grossen Einfluss haben.
Die Hilfe für Behinderte ist auch ein klassischer Fall, bei dem der Einsatz von NGOs einen enormen Unterschied macht. NGOs haben die Welt inzwischen mit ihren Einrichtungen übersät. Zum Beispiel gibt es in den USA neben den 250'000 religiösen Organisationen derzeit eine Million Hilfswerke für Behinderte. In Indien gibt es allein eine halbe Million indischer Stiftungen und zusammen mit den dort arbeitenden internationalen Stiftungen hat dieses Land mit insgesamt zweieinhalb Millionen die grösste Anzahl von Hilfsorganisationen pro Kopf. In Haiti, wo ich derzeit mit der UNO arbeite, gibt es für eine Bevölkerung von zehn Millionen Menschen etwa zehntausend NGOs. Wir organisieren sie, da diese NGOs oft nichts voneinander wissen. In den Zeiten der heutigen Informationstechnologie und des Internets könnte man die Anstrengungen von NGOs künftig besser bündeln.
Hier noch ein Beispiel, das zeigt, wie man mit kleinen Dingen viel bewegen kann: In Haiti haben Tausende von Menschen keinen Zugang zur Elektrizität. Kinder können am Abend nicht lernen, Arbeiter können nachts nicht arbeiten. Ein Freund von mir hat eine Taschenlampe erfunden, die sich «Solar Night» nennt. Er hat mir für Haiti fünf Millionen dieser «Solar Night»-Lampen zur Verfügung gestellt. Dadurch haben 25 Prozent der Menschen in Haiti nun Elektrizität.
Nichts ist für mich eindeutiger, als dass man sich um Menschen mit Behinderung kümmern muss, ganz gleich welcher Art sie ist. Wir müssen dafür die Denkweise der Gesellschaft ändern. Wir müssen die Behinderten zu Fähigen machen und die Opfer zu Ermächtigten. Wir müssen die Umstände, in denen sie leben, ändern und ihnen die Möglichkeit geben, sich und ihr Leben zu verbessern.
Ich habe in Amerika mit Menschen gearbeitet, die weniger als einen Dollar pro Tag zum Überleben haben. Aber ich konnte beobachten, dass ihr Lebenswille mit der Aussicht auf bessere Chancen gewachsen ist. Derartige Schicksale werden sich immer wieder wiederholen - weltweit. Wir müssen deshalb die Eingliederung benachteiligter Menschen fördern. Und ich bin davon überzeugt, dass wir mit der Integration von Behinderten auch einen höheren Standard des wirtschaftlichen Wachstums und des Wohlstandes erreichen können.
Ich erlaube mir zu sagen, dass die amerikanische Regierung trotz aller Fehler, die sie in der Vergangenheit gemacht hat, in der Behindertenarbeit viel Gutes geleistet hat.
Ich werde oft gefragt, ob sich die Welt von der derzeitigen Krise erholen kann. Meine Antwort ist; Ja, nein, vielleicht. Ja, wenn man an Orten ist wie hier an der Universität. Nein, weil man die Arbeitslosenrate vielerorts noch nicht im Griff hat. Und vielleicht, weil wir schon früher Rezessionen hatten, die wir überwunden haben.
Aber bereits lang vor der Wirtschaftskrise hatte die Welt drei grosse Probleme: Sie ist zu ungleich, zu instabil und nicht bestandserhaltend.
Unter den grossen Herausforderungen, denen wir heute gegenüberstehen, muss jedes einzelne Ding in dieser Welt mit dem Maximum an Entwicklung menschlicher Leistung in Angriff genommen werden. Es ist die Pflicht eines jeden Landes, das ernstgenommen werden will, dass es die menschlichen Fähigkeiten und Leistung stärkt. Der Mensch sollte für jede Regierung an erster Stelle stehen. Kein Land kann überleben ohne dies zu tun. Und es ist dumm Behinderte nicht in diesen Prozess miteinzugliedern und zu fördern. In Anbetracht des grossen Potentials behinderter Menschen, müssen wir ihnen die Chance geben sich in der Gesellschaft einzubringen und das braucht mehr bewusste Arbeit in diese Richtung.
Die Haltung in der Welt gegenüber Behinderten ist wirklich äusserst wichtig. Wir sollten in unserem Fortschritt keine Person unberührt lassen, sollten jedem erlauben voranzukommen und sich zu weiterzuentwickeln.
Als ich in Ruanda war, habe ich Überlebende des Völkermordes mit abgeschnittenen Beinen oder Armen gesehen. Aber das Beeindruckende war, dass die nationale Regierung diese Menschen nicht auf die Seite geschoben hat, sondern sie ins Zentrum gerückt hat, als lebendes Beispiel für das, was passiert war. Es gab dort einen jungen, attraktiven Mann, der nur noch einen Arm hatte. Er nannte sich stolz: «Den einarmigen Kämpfer für den Frieden». Er sagte, ein Arm sei besser als keiner. Die Tatsache, dass in Ruanda die Art, wie über diese durch den Krieg verkrüppelten Menschen gedacht wird, verändert wurde, hat diesen jungen Mann zu einer wichtigen Figur der Gesellschaft werden lassen. Anstatt dem Ärger über das Geschehene Raum zu lassen, erwuchs daraus Wertschätzung.
Am beeindruckensten fand ich eine Tutsi-Frau, die ihren Mann und sieben von ihren zehn Kindern verloren hatte. Eines Tages kam ein Hutu-Mann zu ihr und sagte weinend: «Du warst immer sehr gut zu mir, aber ich kann nicht mehr. Ich habe einen deiner Söhne getötet. Noch hast du einen Sohn, bitte ihn, mich zu töten. Ich werde solange für Dich arbeiten, bis er kommt.» Die Frau schaute ihn an und sagte: «Wem wäre damit gedient? Ich verzeihe Dir, gehe wieder zurück an deine Arbeit.» Sie hat sich dafür entschieden in der Gegenwart zu leben. Sie hat nicht darüber nachgedacht, was sie verloren hat, sondern, was sie jetzt noch tun kann.
Der Gedanke eines jeden Behinderten ist nicht, was er verloren hat, sondern was er noch hat. Deshalb sollten auch wir nicht über die neunhunderttausend Dinge nachdenken, die man nicht mehr tun kann, sondern über jene neunhunderttausend, die man künftig noch tun kann.
Wir haben noch viel zu lernen, denn wie das Mädchen damals sagte, wir haben alle irgendeine Art von Behinderung. Es ist eine unbewusste Arroganz zu denken, dass die Menschen mit einer offensichtlichen Behinderung weniger wert sind, als sie es tatsächlich sind. Wir müssen unsere Haltung ändern. Dieses Zentrum für die Fortbildung und Eingliederung von Behinderten, das «Center of Disability & Integration» hat entschieden, diese Haltung zu ändern. Und die Entscheidung, was Sie aus ihrem Leben machen, ändert diese Haltung. Es gibt so viel Wege, die Leiden dieser Welt zu lindern und ich bitte Sie, den Verlust der behinderten und benachteiligten Menschen von Hilflosigkeit in Lebenskraft zu verwandeln. Ich danke Ihnen.
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