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Tagblatt Online, 10. August 2012 19:46:00

Gender Mainstreaming

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IOK-Präsident Jacques Rogge. (Bild: Reuters)

Selbstzufrieden lässt sich Jacques Rogge nun also ins vielzitierte Geschichtsbuch eintragen als jener Mann, der das widerspenstige Saudiarabien dazu gebracht hat, Frauen ins olympische Wettkampfgeschehen zu schicken.

Gerda Wurzenberger

Selbstzufrieden lässt sich Jacques Rogge nun also ins vielzitierte Geschichtsbuch eintragen als jener Mann, der das widerspenstige Saudiarabien dazu gebracht hat, Frauen ins olympische Wettkampfgeschehen zu schicken. Und so kam es, dass auf einer Matte zu stehen und sich nach eineinhalb Minuten von der Gegnerin eher plump auf den Rücken werfen zu lassen, aus der schwergewichtigen Wodjan Ali Seraj Abdulrahim Shaherkani eine Heldin gemacht hat im Kampf für die Rechte von Frauen. Steht sie jetzt neben Rogge in besagtem Geschichtsbuch? Oder gibt es für Frauen ein eigenes?

Der Begriff Gender Mainstreaming ist erfunden worden, um in der Auseinandersetzung um Geschlechterbeziehungen die Fokussierung auf die Frauen und auf deren Benachteiligung zu vermeiden. «Gender» ist neutral und sollte die Bedürfnisse beider Geschlechter berücksichtigen. Man sieht: Da hat sich jemand etwas überlegt. Denn wie wir alle wissen, schafft Sprache Realitäten. Darum sind wir aufgefordert, in unserer Ausdrucksweise politische Korrektheit walten zu lassen. Wo kein diskriminierendes Wort, da keine Diskriminierung.

Diese Haltung hat immerhin dazu geführt, dass sich von den Sportkommentatoren heute die wenigsten mehr erlauben, etwas über weibliche Reize von Sportlerinnen (oder deren Fehlen) verlauten zu lassen. Auch Äusserungen über Kleidung sind tabu. Keiner fragt sich hörbar, warum die Beach-Volleyballerinnen in Bikinis spielen, während die Herren keineswegs in Badehosen und mit nacktem Oberkörper fighten. Und auch die Entwicklung, dass Leichtathletinnen praktisch geschlossen im bauchfreien Tenue antreten, während wir die Waschbrettbäuche ihrer männlichen Kollegen nur im Siegesrausch zu Gesicht bekommen, bleibt unkommentiert. Ebenso die Frage, warum gerade die Schwimmerinnen, für die ein Bikini ja vielleicht sogar passend wäre, Anzüge tragen, die an Zeiten erinnern, als Frauen noch nicht in Bikinis baden durften.

Dieses selbstverordnete Schweigen hat den Effekt, dass man sich von Kommentatorenseite aufrichtig schon über ein Lächeln freut, sobald ein solches über das Gesicht einer der vielen chinesischen Medaillengewinnerinnen huscht. Auch die Freude von männlichen chinesischen Sportlern wird registriert. Wobei Männer nicht unbedingt ihre Zähne zeigen müssen, wenn sie glücklich sind. Niemand würde von Michael Phelps ein Haifischgrinsen einfordern, wie es seine Landsfrau Missy Franklin bei jeder Gelegenheit präsentiert. Einzig die Läufer aus Kenya oder Äthiopien lassen regelmässig ihre Zähne blitzen, wenn sie sich freuen.

Doch das sind keine Themen, über die man an diesen Spielen des Frauenrechtlers Jacques Rogge reden sollte. Nur darf man sich auch nicht darüber wundern, dass die Episode, durch welche Frauen-Wasserball soeben in die Schlagzeilen geriet, mit einer unverhüllten weiblichen Brust zu tun hatte.




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