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Tagblatt Online, 07. August 2012 06:23:00

Nicola rettet die Schweiz, Nico den FC St.Gallen

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Grosser Jubel bei Nico Abegglen (l.) und Manuel Sutter über den späten Ausgleich gegen GC. (Bild: Urs Jaudas )

FUSSBALL. Es konnte nicht gut gehen: Schon der Bus an den Match blieb mit einer Panne stecken. Doch ganz am Schluss rettete Nico Abegglen mit seinem Ausgleich den verflixten Abend.

Der Einer-Bus nach Winkeln entlud am Samstag Anhänger des FC St.Gallen irgendwo zwischen Stocken und Fürstenlandbrücke. Rund 40 Minuten vor Anpfiff in der AFG Arena schien das niemanden gross zu kümmern. Doch auch niemand wusste genau, wie es weiter gehen sollte. Im Extrabus hätte es eine Viertelstunde später zwar noch Platz gehabt, aber der sauste ungerührt an den Wartenden vorbei. Schliesslich brachte der nächste Winkler Bus oder kurz darauf der 151-er die Gestrandeten gerade noch rechtzeitig ans Ziel. Rechtzeitig für jene, die ein Abonnement besitzen. Wer hingegen an der Tageskasse noch einen der zahlreichen freien Plätze ergattern wollte, hatte keine Chance, beim Anpfiff dabei zu sein. Die letzten, die sich ein Ticket ergatterten, verpassten ungefähr eine Viertelstunde des Spiels.
 
Wolkenbruch und Lattenschuss
Der Vorteil der zu spät Gekommenen: Sie verpassten auch den grössten Wolkenbruch, der bisher während eines Spiels über der Arena niederging. Kein Platz blieb von der Dusche verschont. Durch die Öffnung unter dem Dach peitschte der Sturm eine Wasserfontäne nach der andern auf die Ränge. «Das kann nicht gut gehen», sagte ich mir. Prompt schoss Scarione an die Latte. Wenig später traf GC zum 1:0. Und so weiter.
Abegglen gelang der formidabel erzielte Ausgleich just in einer Situation, in der man glaubte, die GC-Abwehr müsste den Ball längst wegbefördert haben. Es wäre bitter gewesen, wären die  St.Galler am Schluss mit leeren Hände dagestanden. Im Auto auf der Heimfahrt konnte man nun aber herzhaft lachen, auch über die plastische Schilderung von James Wehrli, dem Reporter von FM1, der so gelitten hat wie alle FC-Anhänger, und dem es beim Fussball-Drama offensichtlich die Stimme verschlagen hatte. Etwas Wichtiges sagte er noch: Es war wie in der Challenge League. Tatsächlich verbarrikadierten die Züricher den eigenen Kasten wie Chiasso oder Wohlen - mit dem Unterschied, dass sie dazu mit einem Mann weniger auch guten Grund hatten. Was der Match nicht hergab: Eine Analyse zur effektiven Leistungsstärke der beiden Teams. Dafür verlief das Geschehen zu sehr ausserhalb des üblichen Rahmens.
 
In der Stadionbeiz
Einige der Spätankömmlinge hatten den Match in der Stadion-Pizzeria verfolgt und sparten sich somit das Eintrittsgeld. Das TV-Signal erschien mit ein paar Sekunden Verspätung auf dem Bildschirm, das Raunen der Menge kündigte jeweils eine interessante Spielszene an. Die Mehrzahl allerdings war direkt am Ort des Geschehens. 15'677 Zuschauer, eine stolze Zahl - wahrscheinlich viele ehemalige Abo-Besitzer, die, durch den tollen Start angelockt und vielleicht erst aus den Ferien gekommen, sich nun das kleine grün-weisse Wunder ansehen wollten.
 
Ein Talk im Hotel Einstein
Keine Konkurrenz waren die Olympischen Spiele, die bis dahin für die Schweizer ähnlich glücklos verlaufen waren wie der Abend des FC St.Gallen. Doch just am Samstagmittag brachte Nicola Spirig die erfolgshungrige Nation mit dem Sieg im Triathlon in den Medaillenspiegel, der während der Spiele die Welt bedeutet. Eines leisen Lächelns konnte ich mich nicht erwehren. Denn Spirigs Triumph erinnerte mich an eine Episode ein paar Wochen vor den Spielen. Swiss Olympic hatte Olympiateilnehmer zu einem Talk ins Hotel Einstein eingeladen, unter anderen die Mitglieder des Triathlon-Nationalteams. In der Presserunde vor dem Anlass sass rechts von mir Nicola Spirig. Wobei ich gestehen muss, dass ich in jenem Moment keine Ahnung hatte, um wen es sich handelte.
 
Ich gehöre jeweils zu jenen, die nach der Fussball-Zusammenfassung zum Calcio umschalten und andere Sportarten kaum mehr beachten. Es ist ja heute auch nicht mehr möglich, bei dem ausgedehnten Programm die Übersicht zu behalten. Sogar Gemisches Doppel ist heute olympiawürdig. Da stehen jeweils Männlein und Weiblein paarweise auf dem Tenniscourt und verbreiten Picknick-Atmosphäre. Und diese Medaillen sollen dann von gleicher Währung sein wie jene im Triathlon. Ich hatte damals allerdings auch nicht gedacht, dass Nicola Spirig die Person sein könnte, die an Olympischen Spielen Gold holen könnte. Die Haare offen, in einem braven, blauen T-Shirt gekleidet, schien sie weit von jener Athletin entfernt, die vergangenen Samstag wuchtig in die Pedalen trat und schliesslich im kräftigen Schritt den Spurt anzog. Dennoch war ihre unscheinbare Art fast wieder auffällig, schwierig zu beschreiben: ruhig, gefasst, bescheiden.
 
Wenig beachteter FC-Nachwuchs
Ein Gespräch mit Nicola Spirig vermied ich, auch weil zur Linken ein Vertreter einer mir vertrauten Sportart sass. Pierluigi Tami, der Coach der Olympia-Fussballer. Da er unter anderem für Bellinzona gespielt hatte, sprach ich ihn auf den Cupfinal von 1969 an. Gegen die Tessiner holte der FC St.Gallen den einzigen Cupsieg in seiner langen Geschichte. Für Tami kam jenes Spiel noch etwas zu früh, aber er kennt Renzo Bionda, den umsichtigen Libero jener Zeit. Bionda gehe immer noch zu den Spielen seines Vereins, sagte Tami. Als ich Bionda erwähnt hatte, fragte Tami erstaunt zurück: «Haben Sie früher für den FC St.Gallen gespielt?» Hm, nun, ja. «Nur bei den Junioren», entgegnete ich. Von Tami wollte ich aber auch wissen, warum so wenige Spieler aus der Nachwuchsförderung des FC St.Gallen in den nationalen Kaderlisten zu finden seien. Der einzige zurzeit bei den älteren Jahrgängen ist Marcel Stevic in der U-17-Auswahl. Auch Tami konnte sich das Phänomen nicht erklären. Er erwähnte aber die Namen von Lang, Costanzo und Abegglen, die den Sprung geschafft hätten.

Stürmer Sven Lehmann übrigens, zurzeit verletzt, ist gar nie in einer nationalen Junioren-Auswahl erschienen. Diese Missachtung passt nicht zur  der Tatsache, dass der FC St.Gallen mit seiner zweiten Mannschaft (bisher U21) zu den bloss vier Vereinen der Super-League gehört, die sich für die neue 1. Liga Promotion qualifiziert haben. Vielleicht tönen Namen wie Lehmann, Costanzo oder Abegglen zu bieder. Vielleicht vermutet man Talent nur noch hinter Namen, die auf –ic, -if oder –ani  enden. Vielleicht aber liegt St.Gallen auch zu weit von den Zentren entfernt. Vielleicht besteht deshalb in dieser Region ein so starker Drang, im Fussball erfolgreich zu sein.              

Fredi Kurth


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