Tagblatt Online, 16. Mai 2012 08:49:00
Ein Aufstieg ist ein Erfolg ohne Wenn und Aber
Jubelnde St.Galler mit Philippe Montandon (Mitte) feiern nach dem Meisterschaftsspiel zwischen dem FC Locarno und dem FC St.Gallen den Aufstieg. (Bild: Keystone)
Jeff Saibene behielt Recht. «Der FC St.Gallen macht in Locarno den Sack zu», hat er angekündigt. Der Verein darf wieder feiern, sofern niemand etwas dagegen hat. Das Privileg einer Liftmannschaft.
Fredi Kurth
Die entschlossene Ankündigung des Trainers hatte noch überrascht, erfolgte sie doch nach einer Serie von vier Spielen ohne Sieg. Zaudern und zagen war Saibene schon vorgeworfen. Doch er zeigt entschlossenes Handeln wohl häufiger, als man ihm zumutet. Nehmen wir das nicht gerade von Kuschelpädogik zeugende Verhalten gegenüber Alberto Regazzoni. Der Tessiner wurde gebüsst und vom Spielbetrieb ausgeschlossen. Der Anlass war sein unmanierliches Verhalten, als er gegen Winterthur schon nach rund einer halben Stunde ausgewechselt wurde. «Alle haben es gesehen», begründete Saibene die Massnahme. Was wir von der Gegentribüne aus gesehen haben: Es gab kein Handshake und Regazzoni trat mit seinem starken Fuss noch irgendwo hin. Regazzoni war in diesem Augenblick wütend, auf den Trainer, auf die Welt und vielleicht sogar auf sich selber. Es gibt Trainer, die schon anders reagiert haben, gerade in einer Phase, da Spieler reihenweise ausfallen. Jemand anderer als Saibene hätte vielleicht gesagt: «Es ist ein gutes Zeichen, wenn ein Spieler in einer solchen Situation wütend ist.» Doch offensichtlich war das Tuch zwischen den beiden schon früher zerschnitten. Zeichen dafür war, dass Regazzoni zu Beginn der Rückrunde vorübergehend nicht mehr zum Aufgebot gehörte.Stehen wird doch mal hinten hinein
Saibene war auch konsequent in der Torhüterfrage: Lopar spielte immer in der Meisterschaft, Vailati jeweils im Cup. In der letzten Saison war es umgekehrt. Auch Lopar hatte die Aufgabenteilung vorbildlich geschluckt wie jetzt Vailati. Klare Verhältnisse auf dieser Position tun gut: St.Gallen hatte in dieser Meisterschaft nie ein Torhüterproblem. Saibene war, wenn ich die Zeichen richtig deute, aber auch anpassungsfähig. Als die Gegner mit immer noch mehr Personalaufwand das eigene Tor verbarrikadierten, reagierte er mit entsprechenden Gegenmitteln, zumindest auswärts. Das Motto: Stehen wir doch auch einmal hinten hinein – anders als beim Debakel in Lugano. In Chiasso ging's mit dem Gegentreffer in der Nachspielzeit knapp schief, in Locarno war es dann so weit. Und nun sieht die Bilanz schon wieder anders aus: seit vier Spielen ungeschlagen. Vor allem aber: Man ist aufgestiegen.
Selten: Direkter Wiederaufstieg
Darüber dürfen sich alle Beteiligten wahrhaftig freuen. Am Montag hatte ich den Eindruck, als ob sich Trainer und Spieler entschuldigen und erklären müssten, weshalb die Mannschaft zwei Runden vor Schluss bloss acht Punkte und nicht 28 Punkte Vorsprung hat. Der FC St.Gallen hat in den vergangenen Jahren zweimal geschafft, was sonst schon lange kein Verein mehr realisiert hat (zuletzt Xamax vor sechs Jahren): den direkten Wiederaufstieg in die Super League. Das war das Ziel, das hat man erreicht, und daran haben manche Anfang Saison gezweifelt. Ein Aufstieg ist immer eine tolle Leistung, ohne Wenn und Aber. Eine Leistung, um die man von der Konkurrenz beneidet wird.
Keine Rückschlüsse möglich
Doch Fussballanhänger, vor allem jene des FC St.Gallen, neigen nicht dazu, allzu lange in der Gegenwart zu verharren. Ahnungsvoll schauen sie bereits wieder voraus und trauen der Zukunft nicht. Gleichzeitig sind sie aber auch Vergangenheitsoptimisten und sehen die früheren Zeiten in viel günstigerem Licht. Eine Behauptung ist: Jene Mannschaft, die vor drei Jahren aufgestiegen ist, sei besser als die jetzige. In diesem Fall trifft die Annahme sogar zu: Damals hatte St.Gallen Ende Meisterschaft 78 Punkte auf dem Konto, Verfolger Lugano 70. Die 61 Punkte der aktuellen Mannschaft hätten damals nicht einmal für die Barrage gereicht. Dennoch ist der jetzige, noch um maximal sechs Punkte ausdehnbare Stand beachtlich: Vor einem Jahr stiegen Lausanne schliesslich mit 65 und Servette via Barrage mit 62 Punkten auf. Diese Zahlen führen uns zu einer weiteren Erkenntnis: Man kann überhaupt nicht vorhersehen, was das Abschneiden eines Aufsteigers in der Challenge League in der Saison darauf für die Super League bedeutet. Lausanne wäre ohne die Turbulenzen um Xamax und Sion möglicherweise abgestiegen, das am Rande der Existenz lebende Servette hat hingegen noch Chancen auf die Europa League. . .
Nur ein Team hinter sich lassen
Für den FC St.Gallen wird das Absteigen in der nächsten Saison jedenfalls schwieriger, um es leicht zynisch zu formulieren. Die Barrage entfällt. Es genügt, eine Mannschaft hinter sich zu lassen. Wäre dies schon vor vier Jahren der Fall gewesen, wäre der FC St.Gallen als Super League Verein in die AFG Arena eingezogen und das Kreisgericht St.Gallen wäre nach dem Barrage-Debakel weniger belastet gewesen. Eine Liftmannschaft hat immerhin den Vorteil, dass sie ab und zu etwas zu feiern hat: nämlich den Aufstieg.
Am Montag waren in der Stadt Fans zu sehen mit dem aktuellen Leibchen zum erneuten Hoch: «Der Tradition verpflichtet» war darauf zu lesen. Gemeint ist wohl die Tradition, der «Nati A» anzugehören und nicht das Auf und Ab. Tradition ist auch, dass die Fans immer noch die alte Bezeichnung verwenden. «Nie mehr Nati B», riefen sie in Locarno. «Und Ihr wollt in die Nati A?», posaunten die Winterthurer nach dem vorübergehenden 0:1 in die AFG Arena hinaus. Eine solche Wortwahl finde ich sympathisch, jetzt nach dem Aufstieg sowieso…
Und bei mir daheim wird auch gefeiert. Fondue Chinoise gibt es dort immer an Weihnachten und wenn St.Gallen Meister wird oder aufsteigt. Und an diesem Festmahl-Abend zählt nur eins: die Gegenwart. Dann lassen wir alle hochleben. Von Goalie Lopar bis zum linken Flügel Regazzoni. Das ist der Trost für eine Liftmannschaft: Wann haben denn die Young Boys zum letzten Mal einen Titel gefeiert? 2001 – den Aufstieg aus der Nationalliga B.
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