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Tagblatt Online, 14. Juli 2012 10:20:58

Wir Himmelsstürmer

Wie macht man einen Briten zum Tour-de-France-Sieger? Die Mannschaft Sky scheint den Weg zu kennen

Dave Brailsford: «Soweit ich weiss, haben fünf Teams höhere Budgets als wir.» Zoom

Dave Brailsford: «Soweit ich weiss, haben fünf Teams höhere Budgets als wir.» (Bild: Imago)

Ein Staff aus Trainern und Sportwissenschaftern, Mannschaftswagen von Jaguar und Mercedes, ein Internetauftritt wie der einer Modekette. Das Team Sky versucht, sich von der alten Welt des Radsports abzugrenzen.

Christof Gertsch, Annonay

Kaum war das vergleichsweise bescheidene Ziel vom Olympiagold in die Tat umgesetzt, und erst noch mehrfach, fing Dave Brailsford grösser zu träumen an: vom Sieg an der Tour de France, einem der komplexesten und anspruchsvollsten Sportwettkämpfe der Welt. Sogar die Briten, die doch eigentlich einen Sinn für Abenteurer haben, stempelten Brailsford, einen Waliser, als Verrückten ab. Denn Brailsford sagte: «Ich will, dass ein Brite die Tour gewinnt. Und zwar sauber. Spätestens in fünf Jahren.»

Das war 2009, ein Jahr nach den Olympischen Spielen, wo die britischen Bahnradfahrer unter seiner Leitung 14 Medaillen gewonnen hatten, 8 davon goldene. Drei Jahre später ist Brailsford drauf und dran, auch das neue Ziel zu verwirklichen. Jedenfalls fährt mit Bradley Wiggins ein Brite seit einer Woche im Maillot jaune durch Frankreich. Und für den Moment gibt es nicht viele Gründe, die dagegen sprechen, dass er übernächsten Sonntag als Sieger auf der Avenue des Champs-Elysées eintrifft.

Erbsen statt Steak

Wiggins, ein Londoner, der mit seinem roten Haar, den markanten, adrett gestutzten Koteletten und seinem Lebenswandel (er bezeichnet sich als ehemaligen Alkoholiker) einer britischen Pop-Band entsprungen sein könnte, ist der Leader des Teams Sky, das auf die Saison 2010 hin gegründet wurde. Sky – die Himmelsstürmer? Es würde zu Brailsford passen, hätte er sich den unbescheidenen Namen gleich selber ausgedacht. Hat er aber nicht. Sky heisst Sky, weil es von Rupert Murdochs Medienunternehmen BSkyB finanziert wird, das mit dem Pay-TV-Sender Sky allein in England 12 Millionen Zuschauer erreicht, vor allem Fussballfans.

Murdoch ist der vielleicht wichtigste Medien-Tycoon der Welt, gleichermassen umstritten wie rücksichtslos – und laut «Forbes» mit über 8 Milliarden Dollar einer der 150 reichsten Männer. Kein Wunder, dass sein Radteam über fast unbegrenzte Mittel verfügt. Zur Gründung erhielt es eine Anschubfinanzierung von 30 Millionen Pfund, das jährliche Budget beträgt 10 Millionen. Allerdings sagt Brailsford, 48-jährig, im Rahmen eines Gesprächs an der Tour: «Soweit ich weiss, haben fünf Teams höhere Budgets als wir.»

Was Sky nicht daran hindert, allen um die Ohren zu fahren, den grossen Teams ebenso wie den kleinen. Und nicht nur im Rennen setzen die Briten Massstäbe, vielmehr noch im Training. Jedenfalls ist das ihre Botschaft. Brailsford, der Manager und Mastermind, ist bei Sky ans Werk gegangen, wie er zuvor die Sektion Bahnradsport beim Verband British Cycling umgekrempelt hatte: Er stellte alles in Frage. Und fand neue Antworten. Er, der Sportwissenschafter, staunte, wie altbacken die Trainingsmethoden mancher Strassenfahrer sind.

Und wunderte sich, dass die Teams Geld in Sportler investieren, aber kaum in Ausbildner. Er baute einen Staff um Trainer und Wissenschafter auf und hiess die Sportlichen Leiter, sich nur um Rennen und Taktik zu kümmern. Das kam einer kleinen Strukturrevolution gleich, weil bis heute nur wenige Profis mit Trainern arbeiten, die den Namen verdienen. Die meisten vertrauen auf Inputs von Sportlichen Leitern, die oft selber Radprofis waren und trainingswissenschaftlich kaum ausgebildet sind.

Weshalb von Brailsford und seinem Team Überzeugungsarbeit nötig war, wie Tim Kerrison sagt, ein Sportwissenschafter, der bis 2004 für die australischen und bis 2008 für die britischen Schwimmer tätig war. «Ich wusste, dass Radfahrer Wege kannten, sich nach hohen Intensitäten zu erholen», sagt er – und meint wohl auch Doping. «Aber die wichtigste Methode, das lockere Ausfahren, pflegten sie kaum.» Kerrison stellte Rollen ins Ziel der Rennen, mit denen man an Ort Radfahren kann und die sonst zum Aufwärmen etwa vor Zeitfahren benutzt werden. «Wir sind nicht die Ersten, die das tun», sagt er. «Aber wir tun es konsequent.»

Mit konsequentem Ausfahren zum Sieg? Natürlich nicht, nicht nur. In der ersten Saison konzentrierte sich Sky so sehr auf die kleinen Dinge, die Logistik, das Essen, den Ölfilter, der im Teambus gewechselt werden musste, dass der Fokus auf die Fitness der Sportler verloren ging. «Wir waren mit allem beschäftigt, nur nicht damit», sagt Brailsford. «Wir dachten an die Erbsen, aber nicht ans Steak.» Und bei Wiggins gärte, was laut Brailsford zwingend ist für späteren Erfolg: Unzufriedenheit. «Erfolg ist oft ein Produkt aus Niederlagen.»

«Royal Sky Force»

Die Wissenschafter kreierten Modelle, wie Wiggins dem Toursieg näher kommen könnte. Sie zeigten ihm mit Tabellen und Leistungskurven, dass seine Probleme anfingen, wenn die Rennen in grosser Hitze stattfanden oder oberhalb 1700 Meter über Meer oder in Steigungen von durchschnittlich über 10 Prozent. Sie schickten ihn in die Hügel von Teneriffa und zweimal pro Woche in den Kraftraum, damit er den Oberkörper fürs Zeitfahren und die Berge stählte. Sie schauten sich den Wettkampfkalender an und planten die Einsätze so, dass zwischen den Rennen Zeit für ausführliche Trainingsblöcke blieb. Kerrison sagt: «Zu viele Fahrer denken nur von Rennen zu Rennen. Wir haben versucht, das grosse Ganze anzuschauen.»

Die markanteste Änderung? Wiggins, als muskulöser Bahnfahrer 2004 und 2008 dreimal Olympiasieger, verlor Gewicht, je nach Quelle sieben bis zwölf Kilo – aber verlor erstaunlicherweise weder Souplesse noch Kraft, im Gegenteil. Viele haben das Kunststück vor ihm schon versucht, sind gescheitert – und begegnen Wiggins nun mit leiser Skepsis. Auch weil ein Überflieger im Radsport stets beargwöhnt wird, das ist dem System immanent. Die Art, mit der Sky mit den Zweifeln umgeht, sagt viel aus über die Art, wie das Team geführt wird: Zumindest die Verantwortlichen sind auf kritische Fragen ähnlich perfekt vorbereitet, wie sie die Struktur der Mannschaft perfekt komponiert haben.

Mit Chris Froome, Zweitplacierter in der Gesamtwertung, steht Wiggins ein Edelhelfer zur Seite, der die Tour selber gewinnen könnte. Und mit dem dreifachen Zeitfahren-Weltmeister Michael Rogers und dem zweifachen Tour-Etappensieger Boasson Hagen krümmen zwei weitere Fahrer für den Chef den Buckel, die in anderen Mannschaften selber Chef wären. Es macht den Eindruck, als überliesse Sky nichts dem Zufall – zum Beispiel sind die Teamfahrzeuge von Jaguar und Mercedes und ist der Internetauftritt so stilvoll wie der einer edlen Modemarke. Haben die Briten auch das Lügen perfektioniert?

Sky ist nicht das erste Team, das sich seit dem Fuentes-Skandal von 2006 mit offensiver Kommunikation ein Image zu verpassen versucht, das sich abgrenzt von der alten Welt des Radsports. Und es ist nicht das erste, das im Peloton die Frage aufwirft: Wie machen die das?

Dave Brailsford weiss, dass er Antworten schuldig ist – erst recht auf der Insel, wo der Strassenradsport lange als verseuchte Welt von ennet dem Ärmelkanal galt. Ein an der Tour anwesender Journalist von «The Times» sagt: «Daheim wird die Tour neuerdings mit einer Ernsthaftigkeit verfolgt, die ich bisher nur von Fussball-Endrunden kannte. In den Büros besprechen die Leute, wo sie am Nachmittag Rad schauen können. Aber sie besprechen auch, wie solche Überflüge möglich sind.» Überflüge, die die französische Sportzeitung «L'Equipe», die Stimme der Tour, in Anlehnung an die Royal Air Force zum Wortspiel «Royal Sky Force» veranlasst hat.

Brailsford redet über die Skepsis minutenlang, man muss ihn nicht einmal richtig darauf ansprechen. Er redet geschliffen und wirkt smart und schaut einem direkt in die Augen, immerzu – was man so und so deuten kann. Und er sagt Dinge wie: «Es ist normal, zu sagen, vergangenes Verhalten sei am besten dafür geeignet, künftiges Verhalten vorherzusagen. Und das vergangene Verhalten in diesem Sport war nun einmal nicht gut. Ich weiss, dass es arrogant geklungen hat, als ich sagte, ich wolle einen britischen Tour-Sieger, der sauber ist. Aber wir hatten eine Analyse gemacht. Und festgestellt: Es ist möglich.»

Porentief geprüft

Bei Sky läuft alles über Analysen. Man könnte meinen, selbst die Witze, die sich die Fahrer beim Essen erzählen, seien vorher porentief auf ihre Verträglichkeit geprüft worden. Wenn überhaupt Witze gemacht werden. Sky ist mit viel Ernsthaftigkeit bei der Sache. Bei der Personalsuche verordnete sich die Leitung eine strikte Nulltoleranzpolitik. Brailsford hätte gerne David Millar unter Vertrag genommen, den letzten Briten vor Wiggins, der das Maillot jaune trug. Aber Millar war wegen Dopings gesperrt gewesen.

Er konnte sich noch so geläutert zeigen – Brailsford, ein Freund Millars, musste auf ihn verzichten. Dass er den Prinzipien ausgerechnet bei der Besetzung des Ärzteteams untreu geworden ist, irritiert. Zum Staff gehört der Niederländer Geert Leinders, der bei Rabobank wirkte, ehe er im Zuge der Affäre um Mickael Rasmussen und die Enthüllungen zu mutmasslichem Team-Doping geräuschlos entfernt wurde. «Wir brauchten auch Ärzte mit Radsport-Erfahrung», sagt Brailsford.

Ganz ohne Radsport-Erfahrung verpflichtet wurde Kerrison, der australische Sportwissenschafter. Am Ende des langen Abends im Umfeld von Sky wird er gefragt, ob es stimme, dass die Sky-Fahrer nie Pause machten, auch im Winter nicht. Denn solches werde an der Tour erzählt. «Blödsinn», sagt Kerrison. «Jeder braucht Pause, auch wir.»

Auch wir Himmelsstürmer.




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