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Tagblatt Online, 29. Juni 2012 18:43:15

Viel erreicht, viel verloren

Bundestrainer Joachim Löw hat Grund zum Nachdenken. Zoom

Bundestrainer Joachim Löw hat Grund zum Nachdenken. (Bild: Imago)

Die deutsche Auswahl lässt an der Euro überwiegend positive Eindrücke zurück. Daran ändert auch ihr knappes Ausscheiden im Halbfinal gegen Italien nichts. Sie wirkt belebend, ist jung und hat Perspektiven, die über 2014 hinausreichen.

Peter B. Birrer, Warschau

Bastian Schweinsteiger flüchtete sich in 100 Floskeln, als er vor dem 95. Länderspiel den Medien Red und Antwort stand. Aber eines wollte er: den finalen Steigerungslauf. «Seit 2005 ging's stetig bergauf, uns fehlt nur die Krönung, der wir uns immer mehr genähert haben», sagte er. Es könnte vielleicht jetzt so weit sein, dachte Schweinsteiger, nach dem WM-Halbfinal 2006 und dem EM-Final 2008, die verloren gingen. Es könnte, müsste sein. Jetzt.

Aber die Krone bleibt fern, vor allem für ihn und seine Getreuen des FC Bayern München. Nicht weniger als sieben Bayern-Spieler standen gegen Italien zu Beginn auf dem seifigen Rasen des Warschauer Nationalstadions. Sieben Spieler, die seit ein paar Wochen in ihrem Gefühl haben, wie viel man verlieren kann, auch wenn die Ziellinie nahe ist. 2012 wird nicht das Jahr der Bayern. Die Meisterschaft und den Cup gegen Dortmund verloren, die Champions League im Penaltyschiessen gegen Chelsea – und nun den EM-Halbfinal gegen Italien. Viel erreicht, viel verloren.

Die «Mittelfeld-Euro»

Es liegt in der Natur solch hochgedrehter Vergleiche, dass danach ohne Verschnaufpause Grundsätzliches thematisiert wird. Ins Zentrum rückte die unerwartete Nomination des 22-jährigen Toni Kroos, der das deutsche Mittelfeld gegen das italienische Herzstück um Andrea Pirlo hätte stärken sollen. An der Euro 2012 ist viel vom Mittelfeld die Rede, von der Horizontalen statt der Vertikalen. Kroos vermochte nicht Einfluss zu nehmen, wie sich das der Bundestrainer Joachim Löw erhofft hatte. Aber vielleicht gilt zuerst der Umkehrschluss: Die Squadra Azzurra fand von ganz hinten bis ganz nach vorne immer mehr in die Balance und hat mit Pirlo einen «Taktgeber» (Löw), der mit seinem Gefühl für den Raum wie modelliert ist für diese «Mittelfeld-Euro».

Vor dem Spiel hatte Löw den engen Wettbewerb unter den letzten vier Teams nicht als möglichen Prolog einer schwierigen Krönung, sondern als Hochgebirgstour mit immer weniger Sauerstoff beschrieben: «Jetzt wird die Luft sehr, sehr dünn.» Sie wurde noch dünner, als die Deutschen 0:2 im Rückstand lagen. So etwas führt gegen Italien schon fast in die akute Sauerstoffnot. Zur Erinnerung: In der ganzen EM-Qualifikation hatte Italien gleich viele Tore zugelassen wie an der Endrunde – deren zwei.

Man darf sich in der Aufarbeitung nicht zu sehr vom aufwühlenden Moment leiten lassen, weil auch diese EM-Episode so klar nicht war. Nach einer Viertelstunde hätte nicht einmal der berüchtigte Wettkönig im Italien-Tor, Gianluigi Buffon, viel auf die Seinen gesetzt. Weil diese ihn, den grossen Buffon, sowie Glück beanspruchten und «die Deutschen für alles eine Lösung parat haben», wie auf der Tribüne einer sagte. Aber nach dem 0:1 geriet Deutschland laut Löw «etwas in Unordnung», nach dem 0:2 erstarrte der Torschütze Mario Balotelli mit nacktem Oberkörper wie eine Bodybuilder-Statue und sandte muskelbepackte Signale. Zweimal hatte sich die deutsche Abwehr erwischen lassen, zweimal war in diesem Fall zu viel.

Kein Generationenwechsel

Löw ging danach umgehend dazu über, die zwei «hervorragenden letzten Jahre» mitsamt der Euro starkzureden. Vier EM-Siege bleiben vier EM-Siege, zumal auch gegen die Niederlande und Portugal. Löw will im Hinblick auf die WM 2014 den eingeschlagenen Weg im Hochgebirge nicht verlassen. Er hat gut reden, da sein Team weit vom Generationenwechsel entfernt ist und noch jahrelang zusammenbleiben kann – abgesehen vom 34-jährigen Miroslav Klose. Lahm ist mit 28 Jahren der Älteste, es folgen Schweinsteiger und Podolski (27). Eines darf sich Löw zugutehalten: Wenn der sportliche Gehalt und die optimistische Grundausrichtung der Euro 2012 in Polen und der Ukraine gewürdigt werden, ist das nicht zuletzt das Verdienst der Italiener – und der Deutschen. In einem anderen Jahr als 2012 wird Deutschland wieder gewinnen. Auch Bayern München.

Wenig wird im Fussball in Stein gemeisselt. Das kann man getrost tun.





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