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Tagblatt Online, 31. Mai 2012 21:53:00

Verdacht ohne Beweise

Schweiz in Wettskandal involviert?

Der Schweizerische Fussballverband hat im Dezember und im Mai Strafanzeige gegen Unbekannt erstattet. Die Uefa hatte auf verdächtige Wetteinsätze auf Partien der Challenge League hingewiesen.

Michele Coviello

Die Zuschauer sahen nichts Auffälliges. Am 10. September 2011 führt Stade Nyonnais im Challenge-League-Spiel gegen Locarno zur Halbzeit 2:0. Der Tessiner Platzklub schafft in der 86. Minute den Ausgleich – kein ungewöhnlicher Spielverlauf.

Doch der europäische Fussballverband Uefa erhielt laut Angaben des «Tages-Anzeigers» von diesem Donnerstag Hinweise auf eine mögliche Manipulation der Partie. Durch das Early-Warning-System verpflichten sich Wettbüros nämlich, ungewöhnlich hohe Einsätze der Uefa zu melden. Angeblich sei das auch im Falle der Partie Locarno - Nyon geschehen. Kurz vor Schluss sollen suspekte Wetten auf ein Unentschieden placiert worden sein, das danach tatsächlich eintrat.

Zwischen September und Dezember 2011 hatte die Uefa dem Schweizerischen Fussballverband (SFV) drei Fälle gemeldet, die der SFV Ende vergangenen Jahres der Bundesanwaltschaft weiterleitete. Wie der SFV-Medienchef Marco von Ah auf Anfrage mitteilt, hat die Uefa im April auf eine vierte Challenge-League-Partie aufmerksam gemacht, was der SFV im Mai ebenso der Bundesanwaltschaft weiterleitete. Eine Strafuntersuchung ist aber noch nicht angerollt. Laut Angaben der Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Jacqueline Bühlmann, wird zurzeit geprüft, ob der Sachverhalt den Anforderungen an einen Tatverdacht standhält. Gemäss Verband haben sich bisher keine Beweise erhärtet. Ob Locarno - Nyon wirklich verdächtig war, welche Vereine, welche Spieler involviert sind, wird von keiner Seite preisgegeben.

Auswirkungen auf die Tabelle der Challenge League sind keine zu erwarten. Sofern sich einzelne Spieler und nicht der Verein illegal verhalten haben, bleiben die Resultate bestehen, und die Fussballer werden mit Geldstrafen oder Sperren sanktioniert. So wurden auch die Fälle aus dem Jahr 2009 behandelt. Im Rahmen des europaweiten Skandals, von dem rund 200 Partien betroffen waren, tauchten auch Unregelmässigkeiten aus der Challenge League auf. Der SFV sperrte 2010 mehrere Spieler auf Lebzeiten. Gemäss dem «Tages-Anzeiger» hat die Bundesanwaltschaft nun auch Strafen gegen Marc Lütolf (damals FC Gossau), Eldar Ikanovic, Papa Omar Faye (beide Thun) und Anto Franjic (Wil und Vaduz) ausgesprochen. Wegen Gehilfenschaft zu gewerbsmässigem Betrug erhielten sie bedingte Geldstrafen zu 90 Tagessätzen. 60 Tagessätze auf Bewährung wurden gegen einen ehemaligen Spieler des FC Fribourg ausgesprochen.

Die Schweiz steht dieser Tage auch in Italien im Zusammenhang mit Spielmanipulationen und der Untersuchung «New Last Bet» im Fokus. Cremonas Staatsanwalt Roberto Di Martino bestätigte am Montag, dass die sogenannten «Zigeuner» rund um den ehemaligen Chiasso-Fussballer Almir Gegic ihre Aktivität in der Schweiz gestartet hätten. Matteo Gritti, ehemaliger Goalie von YB, Chiasso und Bellinzona und seit dieser Woche in Haft, habe die Gruppe dann mit der italienischen Unterwelt vernetzt. Das Tessin taucht in den Akten aus einem zusätzlichen Grund auf: Der ehemalige italienische Nationalspieler Giuseppe Signori, im vergangenen Sommer wegen Spielmanipulationen kurzzeitig in Haft, habe die gewonnenen Gelder von den Wettanbietern in Singapur auf Schweizer Konten überwiesen – rund 600 000 Euro, die in der Schweiz reingewaschen werden sollten.




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