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Tagblatt Online, 16. Juni 2012 23:03:00

Tschechien wirft Polen aus dem Turnier

In der Gruppe A überrascht Griechenland den Favoriten Russland

Tschechischer Jubel: Torschütze Petr Jiracek (l.) und Milan Baros. Zoom

Tschechischer Jubel: Torschütze Petr Jiracek (l.) und Milan Baros. (Bild: Reuters)

Nicht die beiden Favoriten, sondern die Aussenseiter der Gruppe A sind die ersten Viertelfinalisten der EM 2012. Für Russland und Co-Gastgeber Polen hiess es nach der Vorrunde «Game over». Dabei startete Griechenland aus der ungünstigsten Position in den entscheidenden Spieltag.

(si) Der Europameister von 2004, der die 90 entscheidenden Minuten vom letzten Rang aus in Angriff nahm, bezwang in Warschau die Russen 1:0. Das goldene Tor erzielte Captain Giorgios Karagounis in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit. Der Rekordinternationale profitierte in seinem 120. Länderspiel von einer missratenen Kopfball-Rückgabe von Sergei Ignaschewitsch.

Weil im Parallelspiel in Wroclaw Tschechien gegen Polen ebenfalls 1:0 gewann, schloss Griechenland nach Punkten zu Russland auf. Über das Weiterkommen zählte die Direktbegegnung. Als Gruppensieger stiessen die Tschechen in den Viertelfinal vor. Petr Jiraceks Konter (72.), das zweite Turniertor des Wolfsburgers, beendete den polnischen EM-Traum jäh.

Wie vor vier Jahren in der Schweiz und Österreich scheiterte der erste Co-Gastgeber schon in der Vorrunde. Der Ukraine droht, ebenfalls als Parallele zu 2008, am Dienstag zum Abschluss der Gruppe D das gleiche Übel.

Tschechien profitiert von Polens Schwäche

Co-Gastgeber Polen scheiterte bereits in der Vorrunde. Die mit grossen Ambitionen ins Turnier gestartete Mannschaft unterlag Tschechien im entscheidenden dritten Gruppenspiel 0:1. Die für den Viertelfinal qualifizierten Tschechen trafen in der 72. Minute.

Tschechien war in einer schwachen Partie das konstantere und gefestigtere Team. Ohne brillant aufzuspielen, schaffte es den wichtigen Sieg. Dass dem Treffer des Wolfsburger Petr Jiracek ein Fehlpass des Polen Rafal Murawski vorausging, war bezeichnend. Die Polen kamen je länger der Match dauerte, desto weniger mit dem Druck zurecht. Erstmals seit 1982 hätten sie in die Viertelfinals einer Endrunde einziehen können.

Dabei hatte die Polen die Partie mit viel Elan begonnen. Die Aussicht, vor eigenem Anhang Historisches zu erreichen, schien sie zu zunächst beflügeln. Zwanzig Minuten lang überrannten sie die tschechische Abwehr. Die Bundesligaspieler Jakub Blaszczkowski, Robert Lewandowski, Sebastian Boenisch und Eugen Polanski tauchten innerhalb kürzester Zeit gefährlich vor Petr Cech auf, vergaben ihre Chancen aber zum Teil leichtfertig.

Es war eine Startphase, die Spektakel und vor allem ein glückliches Ende für Polen versprach. Doch weit gefehlt. Der Co-Gastgeber konnte das Tempo nicht annähernd halten. Plötzlich brachte er keine vernünftige Aktion mehr zustande, fast von einer Minute auf die nächste verlor das Spiel der Polen seine ganze Dynamik. Ohne jeglichen Überraschungseffekt rannten sie danach gegen die tschechische Abwehrmauer an.

Karagounis schiesst Griechenland ins Glück

Griechenland garantierte für die bisher grösste Überraschung der Euro 2012. Die Europameister von 2004 erreichten in Warschau durch ein 1:0 gegen das anfänglich so spektakuläre Ensemble Russlands die Viertelfinals. Die Russen sind damit ausgeschieden.

Als Schiedsrichter Eriksson die Partie abpfiff, brachen in Warschau alle Dämme. Während die Russen konsterniert den Rasen verliessen, stürmten die griechischen Auswechselspieler und Staffmitglieder auf den Platz und bejubelten den ersten Sieg im sechsten EM-Spiel nach dem Titelgewinn 2004. Allen voran Siegestorschütze Georgios Karagounis, der die Partie massiv geprägt hatte und nach etwas mehr als einer Stunde ausgewechselt worden war.

Der goldene Treffer unmittelbar vor der Pause und schon in der Nachspielzeit war eher entgegen dem Spielverlauf gefallen, hatten doch die Russen nach anfänglichen Schwierigkeiten die Partie immer besser in den Griff bekommen. Anstatt aber mindestens mit dem torlosen Unentschieden die Seiten zu wechseln, präsentierten sie den Griechen geradezu die Einladung zum Führungstreffer. In unfreiwilliger Spendierlaune zeigte sich dabei in seinem 78. Länderspiel Sergei Ignaschewitsch. Der 32-jährige Verteidiger von ZSKA Moskau leitete einen Einwurf per Kopf fälschlicherweise nicht nach vorne, sondern seitlich nach hinten weiter und lancierte damit Karagounis.

Der Spielmacher von Panathinaikos Athen liess sich nicht lange bitten, zog los und bezwang Wjatscheslaw Malafejew. Der 35-jährige Karagounis krönte damit seinen ohnehin besonderen Abend ganz speziell. Er absolvierte sein 120. Spiel im Dress der hellenischen Landesauswahl und hat damit den nationalen Rekord eingestellt, den bisher Theodoros Zagorakis allein für sich beanspruchte.

Ideenlose Russen

In der Folge verliessen bei Griechenland mit Karagounis und Gekas zwei offensive Leute den Platz, während Russland natürlich den Druck verstärkte. Dick Advocaats Spielern fehlte aber die Leichtigkeit aus dem Testspiel gegen Italien und dem EM-Startspiel gegen Tschechien völlig und sie hatten kaum Ideen. Die knapp 20'000 russischen Fans im Nationalstadion von Warschau hatten nur noch einmal Torjubel auf den Lippen, als ein Kopfball des schon dreifachen Torschützen Alan Dsagojew ganz knapp am Pfosten vorbeisegelte (82.).

Auch die Hereinnahme von Roman Pawljutschenko anstelle von Kerschakow nach der Pause brachte nichts, von Andrei Arschawin kamen zudem zu wenige Impulse. Beklagen dürfen hätte sich auch niemand über einen zweiten griechischen Treffer: Ein Freistoss von Georgios Tzavellas prallte von der Latte zurück (70.).

Vor Spielbeginn hatte niemand ernsthaft mit einem solchen Ausgang gerechnet. Die Russen waren der erklärte Angstgegner der Griechen und hatten nur 3 von 21 Direktduellen gewonnen, die Russen selber waren zudem seit 16 Partien und seit Februar 2011 ungeschlagen und hatten in den letzten Monaten und nun auch in Polen wiederholt ihr riesiges spielerisches Potenzial angedeutet. Zum Verhängnis wurde ihnen nun aber einmal mehr ihre Nonchalance und das mangelnde Auftreten als Team.

Die beiden Spiele der Gruppe A in Kurzform

Tschechien - Polen 1:0 (0:0). Miejski, Wroclaw. - 42'000 Zuschauer. - Schiedsrichter: Thomson (Schottland). - Tor: 72. Jiracek 1:0. - Tschechien: Cech; Gebre Selassie, Sivok, Kadlec, Limbersky; Hübschman, Plasil; Jiracek (84. Rajtoral), Kolar, Pilar (87. Rezek); Baros (91. Pekhart). - Polen: Tyton; Piszczek, Wasilewski, Perquis, Boenisch; Dudka, Polanski (56. Grosicki); Blaszczykowski, Murawski (73. Mierzejewski), Obraniak (73. Brozek); Lewandowski. - Bemerkungen: Tschechien ohne Rosicky (verletzt). Polen komplett. Verwarnungen: 12. Limbersky. 23. Murawski. 48. Polanski. 61. Wasilewski (alle Foul). 87. Blaszczykowski. 87. Plasil (beide Unsportlichkeit). 90. Perquis. 94. Pekhart (beide Foul).

Griechenland - Russland 1:0 (1:0). Nationalstadion, Warschau. - 55'614 Zuschauer. - Schiedsrichter: Eriksson (Schweden). - Tor: 45. Karagounis 1:0. - Griechenland: Sifakis; Torosidis, Papastathopoulos, Kyriakos Papadopulos, Tzavellas; Maniatis, Katsouranis; Salpingidis (83. Ninis), Karagounis (67. Makos), Samaras; Gekas (64. Holebas). - Russland: Malafejew; Anjukow (81. Ismailow), Alexej Beresuzki, Ignaschewitsch, Schirkow; Schirokow, Denissow, Gluschakow (72. Pogrebnjak); Dsagojew, Kerschakow (46. Pawljutschenko), Arschawin. - Bemerkungen: Griechenland ohne Chalkias und Avraam Papadopoulos (beide verletzt). 70. Lattenschuss Tzavellas. Verwarnungen: 61. Karagounis (Unsportlichkeit/im nächsten Spiel gesperrt). 69. Schirkow (Foul). 70. Dsagojew (Foul/im nächsten Spiel gesperrt). 94. Holebas (Foul/im nächsten Match gesperrt).




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