Tagblatt Online, 07. Juni 2012 16:28:00
Thunderball aus Oklahoma City
Thabo Sefolosha (r.) und sein Teamkollege Kevin Durant. (Bild: Keystone / Smith)
In der NBA-Halbfinalserie gegen die favorisierten San Antonio Spurs mit zwei Niederlagen im Rückstand, reihen die Oklahoma City Thunder vier Siege aneinander – und gelten auf einmal nicht mehr als Aussenseiter im Titelrennen.
Rod Ackermann
In einer Liga, die sich seit den grossen Zeiten von Michael Jordan als Triumph des Einzelkönners übers mannschaftsdienliche Denken versteht, kommen die Oklahoma City Thunder gerade richtig. Auch wenn es den Dirigenten der National Basketball Association und ihren Sponsoren nicht in den Kram passt: Die Franchise aus der Provinz des südlichen Mittelwestens, seit drei Jahren Arbeitgeberin des Schweizers Thabo Sefolosha, widerlegt überzeugend das Credo, wonach der fliegende Bulle aus Chicago den Basketball neu erfand. Ein Credo wohlgemerkt, das rund um den Globus kritiklos akzeptiert wird.
Verlässliches Teamgefüge
Wie der in der Nacht auf Donnerstag zum Ende gekommene Western Conference Final (Halbfinalserie) bewies, geht es aber auch anders. Gestützt auf ein allzeit verlässliches Teamgefüge, in dem der 28-jährige Romand nachhaltig durch Defensivqualitäten besticht, führten Kevin Durant und Russell Westbrook die Thunder nach zwei Niederlagen zu vier Siegen nacheinander. Dies ist umso bemerkenswerter, als San Antonio zuvor eine Erfolgssträhne von 20 gewonnenen Matches verzeichnet hatte. Plötzlich aber riss bei den Texanern der Faden. Die Jugend und die Frische von Oklahoma fegten das Alter und die Routine von Tim Duncan, dem Franzosen Tony Parker und dem Argentinier Manu Ginobili buchstäblich vom Parkett: Höhepunkt der sechsjährigen NBA-Karriere von Sefolosha, der Parker über weite Strecken neutralisierte.
Der Best-of-seven-Final beginnt spätestens in der Nacht auf kommenden Mittwoch. Dann trifft Oklahoma City entweder auf die Boston Celtics, den letztmals 2008 zum Champion gekrönten Rekordmeister, oder auf den letztjährigen Finalisten Miami Heat mit dem Liga-Darling und Michael-Jordan-Erben LeBron James.
Ihrer Play-off-Performance wegen gelten die Thunder nicht mehr als Aussenseiter – in der ersten Runde eliminierten sie den Vorjahresmeister Dallas mit 4:0 und in der zweiten die Los Angeles Lakers von Kobe Bryant mit 4:1-Siegen. Und nun neigt die Gunst der für Neues allemal empfänglichen Fan-Basis auf einmal auf die Seite des Provinzteams. Genau da jedoch beginnen die Marketing-Sorgen der Liga. Denn die 1,3-Millionen-Stadt Oklahoma City belegt in der Rangliste der US-Fernsehmärkte nur Platz 45, ein Handicap für die TV-Einschaltquoten. Weil diese in den vergangenen Jahren für den Profi-Basketball mehrheitlich sinkende Tendenz aufwiesen, wäre die Finalqualifikation einer Franchise aus einer wichtigeren Agglomeration erwünscht gewesen. So wie vor Jahresfrist, als sich mit Dallas (TV-Markt Nummer 5) und Miami (Nr. 16) zwei Schwergewichte gegenübergestanden hatten.
Retuschen an der Kultur
Nicht weniger wichtig als die kommerziellen, dem amerikanischen Profisport angeborenen Erwägungen ist indes die Symbolkraft des Thunderballs aus Oklahoma. Gelingt Durant, Westbrook, Sefolosha & Co. der Husarenstreich, so wären an der seit Jahrzehnten auf individuelle Virtuosität eingeschworenen Basketball-Kultur made in USA gewisse Retuschen vorzunehmen. Selbst im gegenteiligen Fall aber hätten der Thunder-Coach Scott Brooks und sein Ensemble zum Tapetenwechsel geladen. Angesichts des wuchernden NBA-Starkults mitsamt seinen Nebenwirkungen keinen Augenblick zu früh.
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