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Tagblatt Online, 31. Mai 2012 22:05:00

Tapfer oder töricht?

Stars, die sich am French Open verletzt abquälen

Andy Murray - ihn der Startphase des Matches gegen Nieminen oftmals der Verzweiflung nahe. Zoom

Andy Murray - ihn der Startphase des Matches gegen Nieminen oftmals der Verzweiflung nahe. (Bild: Reuters)

Über drei Gewinnsätze kann das French Open zum Turnier der Leiden werden. Der Schotte Andy Murray, ein Hoffnungsträger im Welttennis, trotzt in der 2. Runde sowohl seinem Gegner als auch einer Rückenverletzung auf nicht alltägliche Art und Weise.

Jürg Vogel, Paris

Die vier Grand-Slam-Turniere gelten als die Perlen im Tennis. Die an den Majors erzielten Resultate definieren nicht nur den sportlichen Wert der Spieler, sondern sie beeinflussen dank entsprechenden Klauseln in den Ausrüsterverträgen in Form von Prämien das Einkommen der Besten. Vor diesem Hintergrund sind viele Professionals bereit, auf der höchsten Turnier-Plattform viel oder alles zu riskieren.

Das French Open erlebte am fünften Tag eine nicht alltägliche Episode. Der Schotte Andy Murray, die solide Weltnummer 4, steht seit geraumer Zeit unter dem Verdacht, nicht fit zu sein. Im Match gegen den Finnen Nieminen lag der Hoffnungsträger von der Insel am Court Central plötzlich 1:6 im Rückstand. Es war offensichtlich, dass sich Murray kaum bewegen konnte. An die Unterstützung, die der Profi aus den Beinen heraus zur Exekution der Schläge braucht, war nicht zu denken.

Murray forderte dreimal den Pfleger an, der ihn am Rücken behandelte. Die Rede ist von Muskelkrämpfen, auch als Spasmus bezeichnet. Demnach riet der offizielle Masseur dem Star, den Match abzubrechen. Murray dagegen wollte kämpfen, er lavierte sich durch die Games. Als der Gegner gegen einen scheinbar invaliden Spieler den Faden verlor, war Murray wieder im Geschäft. Er gewann die Partie 1:6, 6:4, 6:1, 6:2 und bekannte freimütig, er «wisse nicht genau, wie ich gewonnen habe».

Im Tennis ist der Grat zwischen Tapferkeit und Unvernunft schmal: Die Formel über Best of Five impliziert im Prinzip die Fähigkeit zu leiden, wenn ermüdete Spieler nur noch auf die Automatismen ihrer Technik setzen. Der gezeigte Biss spricht für den Fighter Murray, andere wie der TV-Kommentator Jim Courier finden es deplaciert, dass einer sich am Turnier abquält, «das er in diesem Zustand ohnehin nie gewinnen kann». 2011 war Murray in Paris im Halbfinal vertreten, er hat also 720 ATP-Punkte zu ersetzen. Gleichzeitig stehen Höhepunkte wie Wimbledon und die Olympischen Spiele vor der eigenen Türe. Murray sieht diese Events «nicht in Gefahr» und insistiert, die Verletzung sei nicht die gleiche, die ihn im letzten November am ATP-Final in London zum Startverzicht gezwungen habe.

Fakt bleibt: Murray ist nicht fit, und das Training unter dem neuen Coach Ivan Lendl dürfte körperlich nicht das bequemste sein. Der Schotte gab zuletzt in Madrid Forfait und erhielt in Rom (Out in der 3. Runde) gemäss zuverlässigen englischen Quellen zwei Kortisonspritzen. Sein nächster Gegner heisst Santiago Giraldo (Kolumbien, ATP 50), und in der Ferne lauert im Halbfinal der Kraftprotz Rafael Nadal, gegen den ohne hundertprozentige Fitness sportlich kein Kraut gewachsen ist. Der spanische Titelhalter verabreichte dem Usbeken Istomin eine 6:2-6:2-6:0-Packung.

Die hohe physische Dimension im Tennis heute demonstrierte ein packender Fünfsatz-Marathon (5:41 Stunden) zwischen dem siegreichen Franzosen Paul-Henri Mathieu und dem Amerikaner John Isner (10). Die Entscheidung fiel mit 18:16 im Finalset, beide Athleten waren am Ende ihrer Kräfte. Mathieu verwertete erst den 6. Matchball gegen den aufschlagenden Gegner, der insgesamt 41 Asse servierte. Clou der Geschichte: Der Franzose verpasste die ganze Saison 2011 wegen Verletzung. Als ATP-Nummer 261 kam der 30-Jährige nur dank einer Wild Card ins Turnier. Isner, der heuer sowohl Djokovic wie Federer schon bezwungen hat, war im Vorjahr in Wimbledon am längsten Einzel der Geschichte (11 Stunden 5 Minuten) beteiligt gewesen.





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