Tagblatt Online, 25. Mai 2012 16:52:06
Tage der letzten Chance
Mit je drei Frauen und Männern wollte Swiss Triathlon an die Olympischen Spiele nach London
Von einem Arzt zum anderen: Daniela Ryf. (Bild: Imago)
Am zur WM-Serie zählenden Rennen vom Wochenende in Madrid müssen die Mitglieder von Swiss Triathlon retten, was zu retten ist. Dafür sind Top-10-Plätze nötig. Es drängt sich die Frage auf: Warum ging der Plan, der auf dem Reissbrett vielversprechend aussah, nicht auf?
Christof Gertsch
Es gab in den letzten Jahren Momente, da lief es so gut für die Schweizer Triathleten, dass es dem Nationaltrainer Iwan Schuwey regelrecht bange wurde – und er im Stillen zu sich selber sagte: «So viel Glück kann doch niemand haben. Irgendwann muss der schöne Traum zu Ende gehen.»
Als hätte er geahnt, was auf ihn und das Team zukommen würde.
Seit 2004 zählte Swiss Triathlon zu den stärksten Verbänden der Welt. Als 2009 das Olympiaprojekt für 2012 ins Leben gerufen wurde, war es nicht vermessen, damit zu rechnen, sich sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern das maximale Kontingent von je drei Startplätzen zu sichern – wie 2008.
Und also ward das «Team London 2012» um Nicola Spirig, Melanie Annaheim, Daniela Ryf, Sven Riederer, Reto Hug und Ruedi Wild geboren. Dahinter sollten die Abteilungen «Olympic Distance A» und «Olympic Distance B» sowie ab 2011 das «High Potential Team» für Druck von unten sorgen und Athleten eine Entwicklungschance geben, die notfalls einspringen könnten.
Perfekte Theorie
Was in der Theorie nach einem perfekten Plan klingt, liess sich zunächst ebenso perfekt in die Realität umsetzen. Vor allem 2010 kam schier an jedem Wettkampf-Wochenende ein Schweizer aufs Podest. Spirig wurde Erste, Zweite und Vierte an zu den World Triathlon Series (WTS) zählenden Rennen und Zweite der Gesamtwertung, in Athlone eroberte sie den EM-Titel. Ryf wurde Erste am WTS-Event in Seoul und Dritte an der Sprint-WM, Riederer wurde Zweiter am WTS-Rennen in Peking, und Wild wurde Zweiter am Weltcup in Mexiko. Zudem gewann das Team zum zweiten Mal in Folge den Mixed-WM-Titel.
«Es war, als kämen wir aus dem Feiern kaum noch heraus», sagt Schuwey. Es war, als ginge es immer so weiter.
Ging es nicht. Im Sommer stürzte Hug und brach sich das Schlüsselbein, die Verletzung kostete ihn alles in allem ein Dreivierteljahr. 2011 erwischte es Ryf, sie haderte mit rätselhaften Magenproblemen, konsultierte einen Arzt um den anderen, versuchte zu kämpfen, scheiterte, brach die Saison ab. Und auf einmal ertappte sich der Nationaltrainer dabei, wie er nicht mehr Podestplätze zählte, sondern Top-10- und Top-15-Rangierungen. Und sogar die wurden rar. Im Herbst sah Schuwey ein, dass die Schweiz im Nationenranking der Männer zu weit zurückgefallen war. Nur mit einem Wunder hätte der dritte Quotenplatz bis zum WTS-Rennen von diesem Wochenende in Madrid, dem Abschluss der zweijährigen Phase der Olympiaqualifikation, zurückerkämpft werden können. Das Wunder trat nicht ein.
Schlimmer noch: Auch die Frauen blieben unter den Erwartungen, auch bei ihnen läuft es auf zwei Startplätze hinaus. Im besten Fall. Denn mit Ausnahme der Teamleader Spirig und Riederer hat noch kein Schweizer die verbandsinternen Selektionsrichtlinien erreicht – Wild, Hug und Ryf müssten es in Madrid in die Top 10 schaffen, Annaheim würde ein Top-15-Platz genügen. Es sind die Tage der letzten Chance. Schuwey sagt unumwunden: «Das ist nicht leicht.» Der grösste Teil der Weltspitze ist in Madrid am Start.
Wenn weder Wild noch Hug, noch Ryf, noch Annaheim die Hürde nehmen, würde dem Dachverband Swiss Olympic für die Olympiarennen vom 4. und 7. August aus taktischen Gründen je ein zusätzlicher Mann und eine zusätzliche Frau zur Selektion vorgeschlagen.
Schmale Spitze
Warum ging der Plan, der auf dem Reissbrett vielversprechend aussah, nicht auf? Weil sich die jungen Athleten hinter den Leistungsträgern nicht wie gewünscht entwickelten. Und weil einzelne Leistungsträger gesundheitliche Probleme hatten – oder vergeblich die Form suchten. Schuwey sagt: «Wir mussten erkennen, dass die Spitze in der Schweiz zu schmal ist, um dauerhaft zu den besten Verbänden der Welt zu gehören.» Was nicht heisst, dass nicht auch in London der Moment kommen kann, in dem Schuwey nur das Staunen bleibt. Im Gegenteil.
Für Spirig, 2008 Olympiasechste, und Riederer, 2004 Olympiadritter, scheint die Planung auf den Punkt genau aufzugehen. Sie wurde im April zum dritten Mal Europameisterin und am WTS-Rennen in Sydney Fünfte, er wurde vor zwei Wochen am WTS-Event in San Diego Zweiter. Für die beiden ist Madrid nur ein Test – und wird London zu den Tagen der grossen Chance.
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