St.Galler Tagblatt Online, 02. Juni 2012 07:30:00
Sturmgeläute bei der Squadra Azzurra
Ermittlungen im Kreis der italienischen Fussballnationalmannschaft stellen die EM-Teilnahme infrage
Italiens Verteidiger Leonardo Bonucci: Gibt es doch noch eine Bauchlandung? (Bild: Reuters)
Italienische Politiker und Funktionäre stellen Profi-Fussball und EM-Teilnahme infrage. Die Ermittler indes wiegeln ab, und das Team ist in Zürich unbeirrt zum Test gegen Russland angetreten. Italiens Fussballer stehen dennoch mit dem Rücken zur Wand.
Tom Mustroph
Nach der Razzia von Wettbetrugsermittlern auf dem Trainingsgelände in Coverciano, dem folgenden Rauswurf von Linksverteidiger Domenico Criscito aus dem EM-Kader und Manipulationsvorwürfen gegen den weiter nominierten Innenverteidiger Leonardo Bonucci richten sich wegen vermuteter Wettumsätze von 1,5 Millionen Euro aller Augen auf Captain Gianluigi Buffon. Nationaltrainer Cesare Prandelli kündigte unter dem Druck der Ereignisse an: «Wenn es besser für den Fussball ist, dann können wir auch nicht zur EM fahren.»
Sinnfrage
Nur Tage nachdem der Regierungschef Mario Monti öffentlich über eine zwei- bis dreijährige Auszeit vom Profifussball in Italien nachgedacht hatte, stellt auch der Chef von Italiens kickenden Repräsentanten die Sinnfrage. Diese Rigorosität ist die Frucht jahrelanger Verdrängung und momentaner Überhitzung. Alles, was mit Fussball, Wetten und Kriminalität zusammenhängt, wird an den seit einem Jahr schwelenden Manipulationsskandal angeschlossen. Die Operation «Last Bet» scheint die letzten Tage des Calcio einzuläuten.
Doch dies ist überzogen. Natürlich finden die Ermittler von Cremona Tag für Tag immer wieder neue Details über die betrügerischen Machenschaften von Dutzenden Fussballprofis, zahlreichen Vereinsangestellten und international operierenden Banden. Der mit einem Durchsuchungsbefehl in Coverciano heimgesuchte Domenico Criscito ist in diesem Zusammenhang aber wohl nur ein kleiner Fisch. «Wir wollten sein Telefon und seinen Computer sicherstellen, weil wir uns davon Erkenntnisse erhoffen. Criscito selbst ist nur eine Randfigur», sagte der Staatsanwalt Roberto Di Martino am Donnerstag der NZZ. «Von mir aus hätte er auch bei der EM spielen können», ergänzte Di Martino. Er hält es inzwischen für fraglich, ob das ominöse Treffen in einer Genueser Kneipe kurz vor dem stark unter Manipulationsverdacht stehenden Spiel Lazio - Genua vom Mai 2011, an dem Criscito teilnahm, tatsächlich der Vorbereitung dieser Straftat diente.
80 Prozent gegen Bonucci
Anders liegt der Fall bei Leonardo Bonucci. Der Juventus-Verteidiger wird von seinem früheren Klubkollegen bei der AS Bari, Andrea Masiello, beschuldigt, mit einer Absprache der Begegnung Udinese - Bari im Mai 2010 einverstanden gewesen zu sein. Bonucci gehört weiterhin zum EM-Kader. Das empfinden laut einer Umfrage der «Gazzetta dello Sport» 80 Prozent der Teilnehmer als ungerecht.
Buffon wird nicht Spielmanipulation angelastet, sondern unerlaubtes Wetten. Die Polizei stiess auf Zahlungen von Buffon an ein Wettbüro in seiner Heimatstadt Parma in Höhe von total 1,585 Millionen Euro. Diese Zahlungen aus dem Jahr 2010 korrespondieren laut «Gazzetta dello Sport» mit Wetteinsätzen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Verdächtige erst durch die eigene Wettpraxis anfällig für Manipulationsanfragen wurden und so zum rasanten Wachstum des Geschäfts beitrugen. Buffon wird sich erklären müssen.
Italiens Kicker stehen mit dem Rücken zur Wand. So wie 2006, als das Land vom Moggi-Skandal erschüttert wurde – und Buffon sich parallel wegen unerlaubter Wetten verantworten musste. Damals ging es nur um 10 000 Euro. Aber wenn die Geschichte sich wiederholt, dann offenbar unter Zunahme von Gewicht.
Bitte keine Affäre, nicht hier, nicht jetzt
Die Affäre ist nicht im Spiel, sie scheint nicht einmal in den Köpfen zu sein. Die russische Nationalhymne geht in Pfiffen unter, die italienische wird mit solcher Inbrunst gesungen, dass es die Dezibel schwer gehabt hätten, die von der Mainstream-Band Coldplay eine Woche zuvor gleichenorts hochgefahren wurden. Dann wird schweigend der Erdbebenopfer in Norditalien gedacht. Als der italienische Torhüter Buffon zum Arbeitsplatz läuft, richtet er sich applaudierend an die Tifosi, die «Gigi, Gigi» skandieren. Affäre? Nicht hier, nicht jetzt.
In der Pause wird Buffon durch De Sanctis ersetzt. Die Namen leuchten auf der Anzeigetafel. Warmer Applaus. Ob der Wechsel ein Ausläufer der Wett-Affäre ist, die Buffon in die Schlagzeilen bringt, bleibt offen. Die Tifosi warten vergeblich auf einen Torerfolg der Ihren, nur die Russen treffen in der zweiten Halbzeit das Tor – 0:3. Auf den blau dominierten Rängen macht sich reichlich Ernüchterung breit. Pfiffe. Am 10. Juni spielen die Azzurri an der Euro in Danzig gegen Spanien. Wer weiss, was bis dahin noch alles geschehen, gesagt und vermutet wird.
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