Tagblatt Online, 10. Juli 2012 10:13:10
Stille Genugtuung
Roger Federer hat mit dem siebenten Wimbledon-Sieg all jene Lügen gestraft, die ihn abgeschrieben hatten
Mirka Federer freut sich mit Charlene Riva (l.) und Myla Rose über die famose Leistung Roger Federers. (Bild: Reuters)
Nach dem Titelgewinn in Wimbledon ist Roger Federer auch der Favorit auf die olympische Goldmedaille. Der Erfolg nehme Druck von ihm, sagt er.
Von Daniel Germann, Wimbledon
Würde bringt auch Bürde. Nur 16 Stunden nach dem siebenten Wimbledon-Sieg sass Roger Federer am Montag bereits wieder vor der Presse. Viel Neues zu erzählen hatte er nicht; wie sollte er auch. Zwischen dem verwandelten Matchball lagen das Champions Dinner und eine kurze Nacht. Die Zeit reichte gerade noch, um sich kurz mit seinen Zwillingstöchtern zu unterhalten, die am Sonntag erstmals live gesehen hatten, wie ihr Daddy einen Grand-Slam-Pokal erhielt. Die beiden hatten begeistert geklatscht. Allzu nachhaltig war das Erlebnis aber nicht. Auf Federers Frage am nächsten Morgen, ob sie sich noch an den Vorabend erinnern könnten, sagte die eine spontan: «Nein.» Und die andere: «Doch.» Und beide wendeten sich sofort wieder ihren Spielsachen zu.
Mit drei Jahren haben Siege und Pokale noch keine grosse Bedeutung. Die beiden werden aber mit Sicherheit später einmal erfassen, von welch grossem Ereignis sie Zeuginnen geworden sind: dem 17. Grand-Slam-Titel, dem siebenten in Wimbledon, dazu der Egalisierung von Pete Sampras' Rekord an der Weltranglistenspitze. Und das alles nach zweieinhalb Jahren ohne grossen Titel, während deren in der Öffentlichkeit die Zweifel gewachsen waren, ob Federer überhaupt noch jemals ein Major-Turnier gewinnen werde.
Phantastisches Tennis
Federer tat es, und er tat es in beeindruckender Manier. Er liess im Halbfinal Novak Djokovic und im Final Andy Murray, zwei der drei grössten Konkurrenten, keine Chance. Er spielte phasenweise phantastisch und hätte nun alles Recht der Welt gehabt, mit all jenen abzurechnen, die ihn nicht zum ersten Mal abgeschrieben hatten. Er tat es nicht. Im Gegenteil: Er feierte den Triumph stiller als auch schon. Möglicherweise aus Respekt vor Murray, den die Niederlage in Tränen ausbrechen liess. Vielleicht aber auch, weil Federer selber schon so viel gewonnen hat.
Jedenfalls sagte er am Montagmorgen: «Mit dem Älterwerden wird es leichter, mit Sieg und Niederlage umzugehen. Das, was man bereits erreicht hat, kann einem niemand mehr nehmen.» Federer wollte den Sieg trotz der Geschichte der letzten zweieinhalb Jahre auch nicht als grössten seiner Karriere bezeichnen. «Ich hatte andere grosse Spiele: Die Siege 2009 am French Open und 2007 hier in Wimbledon, als ich die Chance zum fünften Sieg hatte und den Rekord von Björn Borg egalisierte; den Erfolg 2005 in New York, als ich gegen Andre Agassi antrat. Diese Spiele haben mich alle auf den Match gegen Murray vorbereitet. Deshalb ist es für mich schwer zu sagen: Das ist mein grösster Sieg. Aber es ist fraglos einer, der für immer eine spezielle Bedeutung für mich haben wird.»
Perfekte Vorbereitung
Allzu viel Zeit, ihn zu feiern, bleibt Federer nicht. Er verreist mit der Familie eine Woche in die Ferien, dann beginnt die Vorbereitung auf das Olympiaturnier in Wimbledon. Für Federer steht dort bereits wieder die Führung im Ranking auf dem Spiel (siehe Kasten).
Das Ranking aber wird für ihn an den Olympischen Spielen nicht im Vordergrund stehen: Olympiagold im Einzel ist neben dem Davis-Cup-Sieg die einzige Lücke im Palmarès. «Gleich nachdem ich in Peking mit Stanislas Wawrinka das Doppel gewonnen hatte, dachte ich, es wird unglaublich werden, ausgerechnet in Wimbledon um Olympiagold zu spielen.» Federer ist nun der erste Favorit. Er sagt, die Ausgangslage von Rafael Nadal, Novak Djokovic und Andy Murray sei nicht schlechter. «Sicher aber ist: Der Sieg hat Druck von mir genommen. Wenn man Wimbledon überhaupt als Vorbereitung auf das Olympiaturnier bezeichnen darf, dann war sie perfekt.»
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