Tagblatt Online, 13. Mai 2012 22:36:23
Steingruber springt zu EM-Bronze
Die Ostschweizer Kunstturnerin mit Sicherheitssprung in Brüssel auf dem Podest
Julia Steingruber (Bild: Keystone)
Giulia Steingruber hat sich an den Europameisterschaften der Kunstturnerinnen in Brüssel die Bronzemedaille im Sprung gesichert. Ein Jahr nach Ariella Kaeslin in Berlin stand nach einem Sprung-Final wieder eine Schweizerin auf dem 3. EM-Podestplatz.
Anja Knabenhans, Brüssel
«Endlich.» Es ist das Erste, was Giulia Steingruber nach dem Medaillengewinn in der Interviewzone sagt – und kein Wort würde besser zu ihr passen. Ihre Ungeduld war an den EM in Brüssel schon ein paar Mal thematisiert worden, vom Trainer Zoltan Jordanov und von ihr selber. In den Trainings ist Steingruber oftmals ungeduldig, in der Ausführung der Übungen und in den Ansprüchen an sich selber. Dann muss sie jeweils gebremst werden. Und auch wenn es um die Zielerfüllung geht, mag die 18-Jährige nicht so gern warten.
Schon vor einem Jahr hätte sie eine EM-Medaille gewinnen können, doch damals misslang ihr im Final der erste Sprung. «Ich sehe mir diese Videoaufzeichnung nicht gerne an, aber manchmal mache ich es», sagt Steingruber. Dann ärgert sie sich jeweils über die verpasste Gelegenheit. Jetzt braucht sie sich das Video nicht mehr anzuschauen. Seit gestern Sonntag hat sie die ersehnte Medaille, dank zwei guten Sprüngen. Das Glücksgefühl ist da, mit einem Jahr Verspätung – und noch nicht ganz so intensiv. Denn gleich nach dem Wettkampf schäumt Steingruber nicht gerade über vor Euphorie, sie wirkt ausgelaugt. Wenn das Adrenalin sinkt und der Druck wegfällt, bricht die Erschöpfung über die Sportler herein, das sieht man in Brüssel nicht nur bei Steingruber. Die Zweitplacierte Oksana Tschussowitina geht nach der Siegerehrung plötzlich schwerfällig, und die Siegerin Sandra Izbasa starrt in einer ruhigen Minute gedankenverloren und mit leerem Blick auf ihren Blumenstrauss.
Dass sich diese zwei Spitzenturnerinnen vor Steingruber klassierten, war zu erwarten. Izbasa gewann schon 2011 EM-Gold, «sie pflanzt ihre Sprünge souverän auf die Matte», sagt Steingruber bewundernd. Und die bald 37-jährige Tschussowitina kann in wichtigen Momenten stets auf ihre Routine zählen. Steingruber sah sich die Sprünge ihrer ärgsten Rivalinnen nicht an. Gleich nach der Präsentation vor dem Publikum joggte sie in die Trainingshalle zurück. «Weil ich als Letzte an die Reihe kam, wäre es in der Wettkampfhalle schwierig gewesen, die Muskeln warmzuhalten», sagt sie.
Zudem wollte Jordanov nicht, dass Steingruber mitrechnen konnte, wie viele Punkte es für eine Medaille brauchte. Beim Aufwärmtraining war beschlossen worden, dass sie als zweiten Sprung den Tsukahara mit einer Schraube macht, eineinhalb Schrauben hätten zu viel Risiko bedeutet. Wenn sie ihren Konkurrentinnen zugeschaut hätte, wäre Steingruber vielleicht wieder unsicher geworden. Das Problem mit der Nervosität wurde damit gelöst. Die positive Ungeduld allerdings könnte Steingrubers Markenzeichen bleiben.
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