Tagblatt Online, 26. April 2012 00:00:00
Sieger und Angeklagte
Chelsea stoppt mit unerbittlicher Konsequenz und Glück die Traumfabrik FC Barcelona
Peter B. Birrer, Barcelona Als der Chelsea-Trainer Roberto Di Matteo am Dienstag kurz vor Mitternacht zur Medienkonferenz erscheint, spült er zuerst ein Fläschchen Mineralwasser hinunter. Er sagt «unglaublich», spricht viel über die Spieler, über den «historischen Erfolg» für Chelsea und wenig über sich.
Er könnte schwärmen, über den gefühlvollen Heber des Brasilianers Ramires zum 1:2 und darüber, dass Chelsea unter ihm, dem Interimstrainer, dem «italienischen Schaffhauser», in nunmehr 15 Spielen nur einmal verloren hat.
Aber das interessiert kaum jemand, weil nach dem Drama, dem Abend der 1000 Emotionen, die vorübergehende Stilllegung der Traumfabrik Barcelona bewegt. Die Champions League bietet selbst im finalen Stadium mittlerweile einseitige Spiele, wie sie vor der strahlenden Barça-Ära in der unerbittlichen Konsequenz kaum zu sehen waren. Das Aussergewöhnliche ist, dass die Barça-Gegner, so gross und selbstbewusst sie auch sind, nicht nur im Camp Nou, sondern auch im eigenen Haus den Riegel hochziehen. Bis zur Selbstverleugnung.
25:75, 4:47
Was Chelsea in zwei Vergleichen überstanden hat, reicht im Normalfall für fünf Niederlagen: vier Pfostenschüsse, einen Penalty, gefühlte 25 zu 75 Prozent Ballbesitz, 4 zu 47 Abschlussversuche, Abwehrverhalten nonstop, über eine Halbzeit lang in Unterzahl und ohne die Innenverteidigung Terry (Platzverweis) und Cahill (Verletzung), 0:2 in Rückstand. Doch der Fussball hat noch und noch Purzelbäume geschlagen und nicht das bessere, aber das effizientere und glückhaftere Team in den Final geführt. Mit Logik hat das nichts zu tun.
Der Platzverweis Terrys (37.) lieferte den Londonern die Legitimation für ihre extreme Taktik, an der etwas Absurdes, Verkriechendes und Zerstörerisches klebt. Alle zum Strafraum zurück, Konter – so die Vorgabe. Ausdruck dessen waren die Karten gegen Terry, Ivanovic, Ramires und Meireles, die wegen Sperren alle den Final verpassen.
2010 hatte gleichenorts Inter Mailand mit dem Trainer José Mourinho die Mauer hochgezogen, die grösser und dicker nicht hätte sein können. Auch damals wurde ein Spieler des Barça-Gegners (Thiago Motta) des Feldes verwiesen, was danach für jeden Inter-Befreiungsschlag und jedes Inter-Zeitspiel als Begründung herhalten musste. Barcelona gewann 2010 im Halbfinal «nur» 1:0 gegen Inter – zu wenig nach dem 1:3 im Hinspiel. Doch 2010 war Inter in Spiel 1 besser und viel mutiger als nun Chelsea. So ist Di Matteo im Camp Nou gleichermassen Sieger wie Angeklagter. Ist Fussball unfair? «Wir verloren in zwei Spielen gegen das beste Team der Welt nicht, das darf man nicht ausser acht lassen», antwortet er, «aber ich weiss: Wir haben nicht die gleichen Spieler wie Barcelona und einen anderen Stil, wir müssen uns anpassen.»
«Ein böser Streich»
Die gelobten und entzauberten Katalanen versuchen derweil im Meer der Tränen Haltung zu bewahren. Am letzten Samstag ist mit dem 1:2 im Classicó gegen Real Madrid schon die Meisterschaft entschwunden. «Der Fussball hat Barça einen bösen Streich gespielt», befindet Cesc Fabregas. «Ich habe viele Emotionen in mir, ich fühle eine tiefe Traurigkeit», fügt der Trainer Josep Guardiola weit nach Mitternacht hinzu. Im Gesicht des Klubpräsidenten Sandro Rosell lässt sich nichts ablesen, als er staatsmännisch in eine Kamera sagt: «Wir haben in den letzten Jahren oft gezeigt, wie man gewinnt. Jetzt müssen wir zeigen, wie man verliert.»
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