Tagblatt Online, 27. Mai 2012 08:00:00
Nadal, der Eiffelturm auf Sand
Am French Open in Paris peilt der Linkshänder den siebenten Titel an
Rafael Nadal regiert das Welttennis auf Sand und peilt in Paris den siebten Sieg an. (Bild: Reuters)
Mit sechs Siegen ist die schwedische Tennislegende Björn Borg zusammen mit Rafael Nadal der König des French Open. Nun droht ihm der Verlust der Krone. Auf den ersten Triumph in Roland-Garros wartet hingegen Novak Djokovic.
Jürg Vogel
Das zweite von vier Grand-Slam-Turnieren der Saison in Paris auf Sand zählt athletisch zu den schwierigsten Aufgaben für die Tennis-Weltelite. Auf der roten Erde über drei Gewinnsätze schenkt die Regie in der Draw in der Regel keine leichten Siege. Die physische Abnützung über Best of Five im Verbund mit hoher Leistungsdichte fordert die Professionals heraus. Umso erstaunlicher ist der Umstand, dass in der Person des Spaniers Rafael Nadal im Stadion von Roland-Garros ein relativ junger Berufsmann (26 Jahre) offenbar das Monopol auf den Titel innehat.
Federer einziger Bezwinger
Der Mallorquiner nimmt in diesem Jahr mit der Setzung 2, kaum zu glauben, Anlauf auf den siebenten Titel. An der Porte d'Auteuil hält Björn Borg den Rekord (sechs Titel) vor dem Franzosen Henri Cochet (vier Titel in den zwanziger und dreissiger Jahren). Nadals fast unfassbar guter Matchrekord an den Internationaux de France steht bei 45 Siegen und einer einzigen Niederlage, die ihm im Jahr 2009 im Final Roger Federer zufügte.
Der Basler zählt in diesem Jahr wie gewohnt zu den Mitfavoriten, ähnlich wie der Serbe Novak Djokovic. Unabhängig vom Turnierverlauf wird dieser die Weltnummer 1 bleiben (vgl. Grafik zur Ranking-Situation auf dieser Seite). Dem Patron vom Balkan fehlt noch ein einziger Grand-Slam-Titel im Palmarès – derjenige von Paris. Zudem jagt Djokovic den inoffiziellen Kalender-Grand-Slam (vier Majors-Siege in Serie, allerdings nicht im gleichen Jahr).
Nadal ist fraglos der beste Sandspieler seit Jahrzehnten. Er entwickelt auf dieser Unterlage am meisten Selbstvertrauen, seine Gegner beginnen faktisch die Games mit Love-Fifteen, weil sie wissen, ennet dem Netz steht der Herr über die Ball-Wühler auf Sand. «Er ist die Referenzperson auf Sand für uns alle», gab Djokovic nach der klaren Finalniederlage von Rom gegen Nadal freimütig zu. Der Spanier ist so konstant, so stilsicher und so effizient auf rotem Untergrund, dass er faktisch mit seinem Leistungsniveau entscheidet, wie gut oder wie schlecht die Gegner gegen ihn den Rhythmus finden.
Nadal steht auch für eine Entwicklung, die im Männertennis unablässig fortschreitet. Die Besten der Besten entfalten ihr Können heute auf allen Unterlagen, aber jeder Star hegt eine persönliche Präferenz. Bei Nadal ist es der Sand, ein feiner Techniker wie Federer schätzt ultraschnelle, aseptische Verhältnisse (kein Wind) in der Halle.
Unter dem Strich funktioniert die Tennis-Software der menschlichen Ballmaschinen auf allen Courts. Ihr Repertoire ist taktisch wie technisch so hoch entwickelt, dass sie aus einer Vielzahl von Optionen auswählen können. Logischerweise gewann Nadal auf dem Weg zu seinen bisher zehn Major-Titeln auf allen Unterlagen. Genau wie Federer, der als Allrounder und Techniker noch eine Stufe höher steht.
Agassi in einer anderen Zeit
Als der Amerikaner Andre Agassi im Jahr 1999 das French Open erstmals gewann, war er der erste Mann in der Open-Ära, der sich auf der höchsten Turnierstufe auf Sand, Hartplatz und Rasen durchgesetzt hatte. Vor einem Jahrzehnt waren die Unterschiede etwa zwischen Paris und Wimbledon noch deutlicher, in London waren die Verhältnisse (und die verwendeten Bälle) schneller. Der frühere Grand-Slam-Meister Rod Laver hatte jeweils auf Rasen dominiert. Nur Paris fand immer auf Sand statt, die andern drei Majors boten Lawn-Tennis.
Die heutigen Könner justieren ihr Spiel von Turnier zu Turnier, sie stellen sich wie eine Maschine auf die Anforderungen ein. Und dann muss nur noch der Kopf mitspielen. Und die Kasse sollte auch stimmen. In Roland-Garros winken dem Gewinner 1,25 Millionen Euro. Gegenüber dem Vorjahr wurde der Zahltag um insgesamt 8,7 Prozent erhöht.
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