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Tagblatt Online, 16. Mai 2012 16:11:00

Klassenkampf im Sandring

Die Sumo-Topligen sind in Japan weiterhin populär – wer in den unteren Ligen hängenbleibt, verdient kaum genug zum Leben

Sumoringer mit typisch hochgebundenem Haar Zoom

Sumoringer mit typisch hochgebundenem Haar (Bild: Keystone / Robichon)

Sechsmal im Jahr treffen sich die Sumoringer zu zweiwöchigen Turnieren mit weit über 100 Kämpfen pro Tag. Eindrücke durch sämtliche Ligen von einem langen Turniertag in der Tokioter Ryogoku Kokugikan.

Patrick Zoll, Tokio

Die Halle schreit auf. Dann fliegen die Kissen. Kurz zuvor waren 319,8 Kilo Mensch – verteilt auf zwei Sumoringer – aus dem Ring gedonnert. Innert Sekundenbruchteilen entschied sich der Gyoji, der Kampfrichter, für den höher rangierten Hakuho als Sieger. Hakuho trägt den Rang des Yokozuna und steht damit im Zenit des Sumo-Universums. Doch einer der fünf Richter am Rand des Rings hebt die Hand: Einspruch!

Die fünf ehrwürdigen Herren in langen schwarzen Roben, die an Shinto-Priester erinnern, steigen in den Ring. In der Halle wird es still, während die Richter die Köpfe zusammenstecken und diskutieren, welcher Ringer tatsächlich zuerst den Boden ausserhalb des Rings berührt hat. Der Gyoji, ein älterer, dürrer Herr, steht daneben wie ein Schuljunge, der bei etwas Verbotenem erwischt wurde. Dann nimmt einer der Richter das Mikrofon zur Hand. Die Halle hält den Atem an. Der Sieger ist Toyohibiki, der tiefer Klassierte. Die Halle schreit auf, es fliegen die Kissen.

Es ist bereits nach sechs Uhr abends ganz am Ende des siebenten Tages des Frühjahrsturniers in Tokio. Morgens um halb neun begannen die ersten Kämpfe, schön der Reihe nach von unten nach oben durch die sechs Ligen. Weit über 100 Begegnungen gelangen so an einem Tag zur Austragung. Und das während 15 Tagen an jedem der sechs jährlichen Bashos, wie die Turniere genannt werden.

Der Durchgang durch die Ligen zeigt, wie hierarchisch die Sumowelt ist: Während in den unteren Ligen die Kämpfer fast wie am Fliessband abgefertigt werden, zelebrieren die Ringer in den Topligen Juryo und Makuuchi eine minutenlange Vorbereitung vor dem Kampf.

Bilderstrecke: Ein Tag beim Sumo-Basho

  • Bös anstarren gehört zum Geschäft . . .
  • . . . und dann geht es zur Sache.
  • Zwischen den Gängen wird der Ring immer wieder gewischt, so dass die beiden Startlinien gut zu sehen sind.

Sechsmal im Jahr treffen sich die Sumo-Ringer und Fans in Japan zu ihren Tournieren, den Bashos. Während zweier Wochen stehen die Top-Ringer täglich im Einsatz und kämpfen um Ruhm und Ehre, Auf- und Abstieg und in den obersten Ligen auch um Geld.

Kost und Logis vom Stall

Praktisch jeder Ringer fängt einmal ganz unten an, die Talentierten sausen wie im Aufzug durch die Ligen. Die weniger Glücklichen bleiben eine Karriere lang in der dritten oder vierten Liga hängen. Und sind damit zu einem Leben praktisch ohne Einkommen verdammt, denn ausser in Juryo und Makuuchi gibt es nur Kost und Logis vom Stall, wie die Teams genannt werden. Auch müssen die niedrigklassigen Ringer den oberen zudienen, für sie einkaufen, kochen und waschen.

Der Yobidashi kündigt einen neuen Kampf an. In einem eigenen Singsang stellt er die nächsten beiden Ringer vor. Die Yobidashi wie auch die Gyoji wechseln immer wieder. Ihr Gesangstalent ist unterschiedlich, einige füllen die riesige Halle mit einer operntauglichen Stimme, andere sind kaum zu hören. Der ganze Ablauf ist strikt geregelt: Der Yobidashi singt, die Kämpfer treten in den Ring, der Gyoji ruft die Ringer nochmals aus, kurzes Aufwärmen. Von einem der Seitenrichter holt sich der Gyoji ein zustimmendes Nicken und dann «Hakkeyoi!» – und los geht's. Je höher die Liga, desto mehr wird das Zeremoniell ausgebaut, in der Makuuchi dauert es mehrere Minuten.

Die Kämpfe selber sind hingegen meist innert Sekunden vorbei. Sobald beide Ringer mit beiden Fäusten den Ring berührt haben, hechten sie mit voller Wucht aufeinander zu. Wenn der Kopf des einen in die Brust des andern knallt, ist die Fettschicht ein willkommenes Polster für beide Kontrahenten. Verloren hat, wer als Erster den Ring von rund viereinhalb Meter Durchmesser verlässt oder den sandigen Boden mit irgendeinem Körperteil ausser seinen Fusssohlen berührt.

Der Schnellstart kann auch schiefgehen: Miyabiyama hechtet so flach auf Tokitenku zu, dass ihm dieser nur auf den Kopf drücken kann und Miyabiyama im Sand liegt. Drei Kämpfe später springt Tochinowaka zur Seite, als Takayasu herandonnert, dieser verliert prompt die Balance. Das Publikum schreit vor Überraschung kurz auf. Und schweigt dann. Auch wenn der Kampf gewertet wird, ein solch unehrenhafter Sieg wird mit Applausentzug bestraft.

Applaus nur für die Besten

Wirklich mit Applaus können sowieso nur die Ringer der obersten Ligen rechnen. Bis am Mittag ist die Ryogoku Kokugikan, wo in Tokio die Bashos stattfinden, praktisch leer. Am Morgen wirken die Ringer, zum Teil noch Teenager, richtiggehend verloren in der Halle mit ihren 13'000 Plätzen. Scheu ruft ab und zu jemand ein aufmunterndes «Ganbare!» von der Tribüne und den Namen eines Ringers. Hartgesottene Fans kommen mit Essen und Getränken und richten es sich gemütlich ein für den langen Wettkampftag.

Die Mehrzahl der Zuschauer kommt aber auch an einem Sonntag erst für Juryo und Makuuchi, die auch vom Fernsehen übertragen werden. Gegen vier Uhr werden im Dach Banner entrollt, die anzeigen, dass das Haus ausverkauft ist. Nun kommt richtig Stimmung auf. Verliert dann der Yokozuna den letzten Kampf, tobt die Halle. Und die Kissen fliegen.




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