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Tagblatt Online, 21. Juni 2012 08:48:00

«King James» bereit für seine Krönung

Die Miami Heat benötigen noch einen Sieg zum NBA-Titelgewinn

Miamis LeBron James (l.) drückt Russell Westbrook einfach zur Seite. Zoom

Miamis LeBron James (l.) drückt Russell Westbrook einfach zur Seite. (Bild: Reuters)

LeBron James ist drauf und dran, die seit Jahren in ihn gesteckten Erwartungen endlich zu erfüllen. Nach seiner Glanzleistung und dem 104:98 gegen die Oklahoma City Thunder fehlt den Miami Heat noch ein Sieg zum Titel.

Rod Ackermann

So hat man ihn gern . Wenn er sich auch durch einen 17-Punkte-Rückstand nicht entmutigen lässt. Wenn er Starallüren vergisst und Teamgeist an den Tag legt. Wenn er in den Schlussminuten einen Anfall von Beinkrämpfen abschüttelt und grimassierend aufs Parkett zurückkehrt, um den vorentscheidenden Drei-Punkte-Distanzwurf magistral zu versenken. Wenn er beweist, dass sein Spitzname – «King James» – eben doch mehr ist als bloss eine Erfindung des allmächtigen Marketings.

Neun Jahre nach seinem Einstieg in die National Basketball Association befindet sich LeBron James am Fuss des Throns, auf den man den direkt aus der High School ins Lager der Professionals geholten Teenager voreilig gesetzt hatte. Zum Gewinn seines ersten und, wie die Fan-Gemeinde glaubt, überfälligen Meistertitels fehlt ihm noch ein Heimsieg.

Gelingt es den Miami Heat in der Nacht auf Freitag im fünften Spiel der Finalserie, die Oklahoma City Thunder ein viertes Mal zu bezwingen, tritt das einstige Wunderkind endgültig in die Fussstapfen von Michael Jordan, Kobe Bryant und Shaquille O'Neal. Erweisen sich die Loblieder, die bereits auf den 16-Jährigen angestimmt worden waren, zu guter Letzt als gerechtfertigt. Und dürfen sich die Liga-Verantwortlichen im Kampf um Anteile am Kuchen des US-Sportmarkts die Hände reiben.

Kritik und Replik

Grosse Spieler glänzen, wenn es wirklich darauf ankommt. Diesbezüglich liess James bisher zu wünschen übrig. So auch vor Jahresfrist, als er in der Finalserie gegen die Dallas Mavericks im vierten Match buchstäblich von der Szene verschwand, ein klägliches Opfer des Leistungsdrucks. 2:4 verloren die Miami Heat damals, die Kritik am Star des teuren Ensembles schlug hohe Wellen. Noch höhere als im Sommer zuvor, als James seinen Klubwechsel vom heimischen Cleveland nach Florida im Rahmen einer riesengross aufgezogenen Fernsehshow – «The Decision» – verkündet hatte. Die Schnapsidee selbstverliebter Werbestrategen kostete ihn einen Grossteil der Publikumsgunst.

Doch er fand die richtige Replik, eroberte in der laufenden Saison abermals die Auszeichnung des wertvollsten Spielers (MVP) und fand zusammen mit Dwyane Wade und Chris Bosh, seinen Kumpeln aus dem NBA-Draft 2003, abermals den Weg in den Final. Jetzt liegt der ersehnte Wandel der grossen Hoffnung zur Königswürde in Griffnähe. Immer vorausgesetzt, Oklahoma donnere in extremis nicht noch einmal zurück und erzwinge eine Rückkehr in den Mittelwesten. Wo die Thunder, unterstützt durch die fanatischste aller NBA-Gefolgschaften, das erste Finalspiel gewonnen hatten.

Die Thunder mit ihren zwei französischsprachigen Startern – neben dem Romand Thabo Sefolosha auch mit dem aus Kongo-Brazzaville gebürtigen, in Spanien naturalisierten Serge Ibaka – hielten sich bisher fast immer auf Augenhöhe mit den Favoriten. Derart ausgeglichen verlief die Best-of-Seven-Serie, dass jeweils nur eine Handvoll Spielzüge den Ausschlag gaben, wobei das Glück des Tüchtigen aufseiten von Miami stand.

Allerdings muss sich der Oklahoma-Coach Scott Brooks vorwerfen lassen, in taktischer Hinsicht durch seinen Gegenspieler Erik Spoelstra wiederholt ausgetrickst worden zu sein. Ein kleiner Trost, dass in der Nacht auf Mittwoch nicht der von Krämpfen handicapierte James, sondern dank seinen 43 Punkten der Thunder-Guard Russell Westbrook erfolgreichster Skorer war.

Ein TV-Quotenrekord

Wie immer, wenn die Basis den Durchbruch eines Publikumslieblings wittert, zeigen auch beim NBA-Final 2012 die Fernseh-Einschaltquoten nach oben. Mit einem Durchschnitt von knapp 10 Prozent beziehungsweise je 16 Millionen Zuschauern erzielten die bisherigen vier Matches die höchste Sehbeteiligung seit der Finalserie 2004 (Los Angeles Lakers - Detroit Pistons).

Dabei kommen die Teams nicht einmal aus führenden US-Ballungsgebieten und gehört «King James» weder von seinem Aussehen noch von seiner Persona her zu der Sorte, aus der Lichtgestalten beschaffen sind. Jedenfalls wurde er noch vor vier Monaten in der von der Zeitschrift «Forbes» publizierten Liste der bestgehassten Sportler an sechster Stelle aufgeführt (der Football-Star Michael Vick belegte Platz 1 vor dem Golfer Tiger Woods). Das dürfte sich nun ändern. Endlich.





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