Tagblatt Online, 10. Mai 2012 21:40:00
Fröhliche Verlierer
Schweizer Eishockey-Fans beleben nicht nur das Stadtbild Helsinkis
Schweizer Anhänger stellen nach den Gastgebern die zweitstärkste Fangruppe. (Bild: Reuters)
An der Eishockey-WM wurde bisher vornehmlich über jene Anhänger gesprochen, die nicht gekommen sind. Vor allem in Stockholm wird das Desaster immer grösser. Zur dankbarsten Klientel gehören die Schweizer, die wie immer die zweitstärkste Fangruppe nach den Gastgebern stellen.
Daniel Germann
Verbunden mit der Aufforderung, doch ihren ganzen Bekanntenkreis zu einer Eishockey-Party einzuladen, haben die Organisatoren mittlerweile begonnen, den freiwilligen Helfern Gratiskarten à discrétion zu verteilen, um die gähnende Leere in der Globe-Arena etwas zu füllen.
Es soll aber tatsächlich auch noch Zuschauer geben, die für ihre Karten bezahlen. Zur dankbarsten Klientel gehören die Schweizer, die wie immer die zweitstärkste Fangruppe nach den Gastgebern stellen. Sie beleben das Stadtbild Helsinkis mit ihren roten Leibchen und Sprechgesängen, deren Originalität nicht über alle Zweifel erhaben ist («Allez, allez, eine Strasse mit vielen Bäumen, ja, das ist eine Allee»).
Heerscharen von Soziologen haben sich die Zähne an der Frage ausgebissen, was einen einigermassen kultivierten Menschen dazu treibt, sich ohne Androhung körperlicher Gewalt ein Eishockey-Dress in Übergrösse über den Kopf zu ziehen, sich Farbe ins Gesicht zu schmieren und dann in Rudeln durch unbekannte Städte zu ziehen.
Das Ritual erinnert im Entferntesten an Nachtübungen der Schweizer Armee auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges – mit dem Unterschied, dass da durchaus Gewaltandrohungen oder Repressalien milderer Form im Spiel waren.
Die Schweizer aber lassen sich den Spass weder durch pseudopsychologische Betrachtungen noch durch Niederlagen vermiesen. Am Mittwoch nach dem 2:3 gegen die Kanadier konstatierte einer im Zug zurück in die Innenstadt: «Schon komisch, die Finnen. Die begreifen nicht, dass wir auch feiern können, wenn wir nicht gewonnen haben.»
Muss wohl daran liegen, dass sie die Niederlage weniger gut kennen.
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