Tagblatt Online, 29. April 2012 21:02:17
Er wagt und siegt
Die spannenden Ideen von FC-Basel-Meistertrainer Heiko Vogel
Alles beginnt mit dem Geburtstag, so auch die Feststellung, dass Heiko Vogel ein Coup gelungen ist. Er kam am 21. November 1975 zur Welt, weshalb er mit erst 36 Jahren der jüngste Meistertrainer in der Schweiz seit fast zwei Jahrzehnten ist.
Benjamin Steffen
Ein paar wenige Wochen jünger war zuletzt Rolf Fringer, der 1993 Aarau zum Titel führte. Es fällt leicht zu behaupten, Fringer habe den frecheren Husarenstreich vollbracht, weil er eine graue Maus bunt machte wie eine Farbstiftschachtel. Vogel indes übernahm den FC Basel, den Elefanten der Liga, ein graues Tier zwar auch, aber gross, reich, stark; mit Alex Frei, Marco Streller, Benjamin Huggel, mit Granit Xhaka, Xherdan Shaqiri, Yann Sommer. Ein Trainer mit einem solchen Team, mit einer Tormaschine und viel Talent muss Meister werden.
Falsch. Gäbe es eine Zentralbibliothek mit Fussballbüchern – sie wäre vollgestopft mit Geschichten über gestolperte Traumteams. Wer weiss, ob nicht auch in Basel ein Kapitel geschrieben worden wäre, hätte sich Thorsten Fink im Oktober nicht nach Hamburg verabschiedet. Als Vogel Chef wurde, lag Basel 5 Punkte hinter dem Leader Luzern; der Elefant suchte die Balance zwischen Super League und Champions League. Danach erreichte der FCB die Achtelfinals der Königsklasse, verlor in der Meisterschaft nie und machte den Rückstand zu einem riesigen Vorsprung. 18 Punkte beträgt das Polster, bei einem Spiel weniger.
Das Pech der Gegner ist, dass Vogel im FCB das Potenzial wohl bis zum letzten Tropfen ausschöpfte. Darin besteht eine Kunst des Trainerhandwerks. Dazu gehört die Arbeit auf dem Platz, aber auch das Handling starker Persönlichkeiten, allen voran Alex Freis. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass die Koexistenz von alten Platzhirschen und jungen Perlen friedlich blieb. Der Nationalcoach Ottmar Hitzfeld schaffte es 2010 nicht mehr, die Gräben zwischen Cliquen zuzuschütten, worauf Frei zurücktrat. Doch im FCB ist er auf bestem Weg, erneut Torschützenkönig zu werden.
Ist Vogel also ein guter Trainer? Vorerst gilt primär: Er ist ein spannender Trainer. Er versucht sich an Neuem; er ist eine Spielernatur, was er auch als Coach nicht verbergen will. Davon zeugt seine Idee, den Mittelfeldspieler Xhaka das Spiel aus der Verteidigung heraus eröffnen zu lassen. Es sind Retuschen, die sich Aussenstehenden nicht auf den ersten Blick erschliessen – und die Risiken bergen.
Vogel findet, die Zeiten seien vorbei, in denen jeder Spieler auf einer bestimmten Position steht. Diese Überzeugung führte schon dazu, dass der Stürmer Streller für einige Augenblicke als linker Aussenverteidiger einspringen musste. Es gibt Mannschaften, die mit solchen Einfällen überfordert wären. Vogels Glück ist, dass sich im Kader ungewöhnlich viele Spieler befinden, die nicht nur in den Beinen, sondern auch im Kopf vif sind.
Es wird sich zeigen, ob Vogel erfolgreich bleibt, wenn nach Huggel (Rücktritt) und Shaqiri (Bayern München) weitere Leistungsträger wegziehen. Man könnte sagen, Vogel stehe vor der Reifeprüfung – allein: Steht er nicht von jeher unter Bestätigungsdruck? Zu Beginn harrte man der Dinge, sich fragend, was er denn könne, der Assistent in kurzen Hosen. Als er lange Hosen trug und Spiel um Spiel gewann, lautete die Frage, wie er wohl seine erste Krise meistere. Und prompt kam das 0:7 gegen die Bayern, ein perfektes Zuspiel für eine Krise – doch der FCB fing sich auf.
Nach dem Waterloo in München bezeichnete ein namhafter Bundesligatrainer die Taktik der Basler als «katastrophal». Demgegenüber steht die Aussage eines Wegbegleiters, Vogel sei sehr klug; und er sei es einst gewesen, der seinen Kommilitonen Fink im Trainerlehrgang über die Hürden der Theorie geschleppt habe. Inzwischen ist er ein Coach geworden, der etwas wagt und das Scheitern in Kauf nimmt. Sein natürlicher Ansporn, Fussball fast als fleischgewordenes Gesellschaftsspiel zu verstehen, unterscheidet Vogel von Branchenkollegen.
Andere beten den Spielern vor, sie müssten Gras fressen und dominant auftreten. Vogel indes sagt, Fussball sei «ein Spiel von Raum und Zeit». Daraus resultiert keine Garantie für weitere Titel. Aber Hoffnung auf spannende Ideen. Für ihn. Und für alle, die nicht stets dasselbe hören mögen.
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