Tagblatt Online, 26. Juni 2012 08:15:00
«Eine Notwendigkeit»
Hansjörg Wirz (Bild: Keystone / Gustafsson)
Erstmals werden Leichtathletik-EM in einem Olympiajahrdurchgeführt. Für Hansjörg Wirz, den Präsidenten des Kontinentalverbandes, ein Muss, weil es den Europäern mehr und mehr an Startmöglichkeiten mangelt.
Interview: Remo Geisser, Helsinki
Herr Wirz, Leichtathletik-Europameisterschaften während der Euro im Fussball und kurz vor den Olympischen Spielen – kann das funktionieren?
Das ist von der falschen Seite her gedacht. Am Anfang müsste man sagen: Diese EM sind eine Notwendigkeit.
Also denken wir von der anderen Seite: Warum ist das eine Notwendigkeit?
Schauen wir uns an, welche Plattformen es gibt, die etablierten und aufstrebenden Athleten die Möglichkeit bieten, aufeinanderzutreffen und sich zu entwickeln. Innerhalb von vier Jahren messen sich die Leichtathleten dreimal auf Weltniveau und nur einmal innerhalb Europas. An Europameisterschaften haben wir 1350 Athleten im Einsatz, auf Weltniveau sind hingegen nur 700 bis 800 Europäer dabei. Wo sind die anderen? In den grossen Meetings finden sie auch keinen Startplatz.
Aber die meisten grossen Meetings finden doch immer noch in Europa statt.
Wir haben über zwei Jahre geschaut, wie viele Europäer in den vierzig internationalen Veranstaltungen auf unserem Kontinent starten. Es sind pro Saison 2500, aber nur 290 davon starten mehr als dreimal. Vergleichen wir das mit den EM, gibt es also über 1000 Sportler, die praktisch nie international starten. Sie bewegen sich auf nationalem Niveau. Wie sollen sie da international bestehen? In der heutigen Zeit kann man einer Generation nicht nur alle vier Jahre eine Chance geben.
Das erklärt den Wechsel auf den Zweijahresrhythmus. Aber nicht den Zeitpunkt der EM. Kann die Leichtathletik neben der Fussball-Euro bestehen?
Wenn wir den dichten Kalender anschauen, gibt es nur diese Möglichkeit. In ungeraden Jahren finden WM statt, die für die Zuschauer sehr nahe bei den EM stehen. Es bleibt nur das Olympiajahr, da gibt es wegen der Trials in den USA, Jamaica und Kenya im Juni ohnehin keine grossen Meetings. Gegen Ende der Fussball-Euro finden nur noch wenige Spiele satt. Diese Zeit wollen wir nutzen. Das Fernsehen macht auch mit, es übertragen mehr Sender als 2010.
Für die Öffentlichkeit sind die Stars wichtiger als die Masse. Der Chefcoach der Briten sagte schon vor zwei Jahren, er werde nur den Nachwuchs nach Helsinki schicken. Konzentrieren sich die Besten ganz auf Olympia?
Was die Briten machen, ist noch nicht ganz klar. Ältere Coachs denken immer noch in der alten Form, sie haben nicht realisiert, dass die Gesellschaft heute anders lebt. Man will viele unterschiedliche Erlebnisse in kurzer Zeit. In Helsinki sind mehr Athleten gemeldet, als es in Barcelona waren, obwohl wir etwa 200 Sportler verlieren, weil wir an diesen kleinen EM nur die Wettkämpfe im Stadion durchführen, also keine Marathons und kein Gehen. Auch von den Namen her sind wir zufrieden, aber es werden einzelne Grosse fehlen.
Ein grosser Name ist Merlene Ottey, die mit 52 Jahren noch für die slowenische Staffel selektioniert wurde. Was bringt so eine Athletin dem Anlass?
Ihre Anwesenheit sagt vor allem etwas aus über das Niveau im slowenischen Sprint. An der Breite fehlt es allerdings überall, nicht nur in Slowenien.
In der Diamond League gibt es viele Startplätze für europäische Werfer und Springer. Die Läufer aber kommen fast nicht in diesen Meetings unter.
Wir haben uns sehr dafür eingesetzt, dass in dieser Serie alle Disziplinen ausgetragen werden. Wenn man nur das Gute herauspickt, haben die anderen keine Wettkämpfe mehr. Das war vor vier Jahren im Hochsprung der Männer der Fall. Die Athleten trainieren doch nicht ein Jahr, wenn sie keine Einsätze haben. Natürlich gibt es Wellenbewegungen in den einzelnen Ländern, deshalb zwingen wir sie, an den Team-EM alle Disziplinen zu besetzen. Wir haben das in der Schweiz ja auch erlebt. Hätten wir das Kugelstossen aufgegeben, wo es lange keine Athleten gab, wären die Erfolge von Werner Günthör nicht möglich gewesen.
Für das grosse Publikum reduziert sich die Leichtathletik immer mehr auf die Laufdisziplinen und sogar auf eine Person: auf Usain Bolt. Er ist aber kein Europäer. Was macht man da?
Ich möchte diese Aussage ein bisschen korrigieren. Sie stimmt dort, wo man im eigenen Land keine Topathleten hat. Sobald es diese gibt, rücken sie und ihre Disziplinen in den Fokus. Auch Weltklasse Zürich hatte die besten Fernseheinschaltquoten mit Schweizern. Das spricht ebenfalls für die zusätzlichen Europameisterschaften: Es werden neue Helden geschaffen.
Bolt spricht das Publikum auch durch sein Auftreten an. Muss die Leichtathletik vermehrt zur Show werden?
Der Sport muss glaubwürdig bleiben, Show ist für mich gesteuert. Das Verhalten des Athleten gegenüber der Gesellschaft ist etwas anderes. Wenn das gelingt, wie bei Bolt, bringt es sicher viel. Aber wenn man heute einen Start im Sprint anschaut, macht jeder sein Theater, und das beginnt die Leute schon zu nerven. Denn es ist bei vielen von Bolt kopiert und deshalb nicht glaubwürdig.
Sie haben versucht, die Wettkämpfe mit Show-Elementen wie Interviews auf dem Platz und Musik anzureichern.
Früher füllten wir die Stadien mit Experten, die sich in der Sportart sehr gut auskannten. Heute haben wir dieses Event-Publikum, man kann nicht mehr in die Tiefe gehen. Diese Leute müssen wir auf der emotionalen Ebene ansprechen. Da müssen wir noch mehr tun: Der Zuschauer muss sich als Teil des Geschehens erleben.
Der Wettkampfablauf ist in den technischen Disziplinen langfädig und kompliziert. Kann man das vereinfachen?
Für mich ist klar, dass es nicht mehr zeitgemäss ist, x-mal zu versuchen, bis man ein Resultat hat. Es ist immer der Coach, der sich gegen Neuerungen sperrt, weil er durch sie die Orientierung verliert. Er müsste die Trainingsformen verändern, damit sich der Athlet umgewöhnt, er müsste die mentale Komponente stärker gewichten: Der Athlet kann nicht mehr versuchen, bis es geht. Es würde jedem Sprung und jedem Wurf eine Bedeutung gegeben.
Hansjörg Wirz
reg. Der Schaffhauser Hansjörg Wirz (69) versucht als Präsident des Europäischen Leichtathletik-Verbandes seit Jahren, seine Sportart zu erneuern. So erfand er auf langen Distanzen Ausscheidungsläufe, bei denen jeweils pro Runde der Letzte im Feld ausschied. Das setzte sich nicht durch. Wirz war früher Direktor von Weltklasse Zürich und Schweizer Chef de Mission an Olympia.
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