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Tagblatt Online, 09. Juni 2012 08:30:00

Das zweite Leben

Nationalcoach, Verbandspräsident, Tour-de-Suisse-Chef – die beschwerliche Karriere nach einer Radsport-Karriere

Beat Zberg, einst Radprofi, jetzt Tour-de-Suisse-Direktor: «Es kann eine Weile dauern, bis du neue Ziele findest.» Zoom

Beat Zberg, einst Radprofi, jetzt Tour-de-Suisse-Direktor: «Es kann eine Weile dauern, bis du neue Ziele findest.» (Bild: D. Balibouse / Reuters)

Was tun, wenn sich das Dasein als Sportler dem Ende entgegenneigt? Wenn auf einmal der Kick des Wettkampfs ausbleibt? Eindrücke früherer und eines derzeitigen Tour-de-Suisse-Fahrers.

Christof Gertsch

Der Wettkampf, der Erfolg, die Aufmerksamkeit – während Jahren, immerfort. Energie, Adrenalin, Freude – als nähme es kein Ende. Und dann: nichts. Leere. Auf einen Schlag. Kein Jubel, kein Antrieb. Orientierungslosigkeit.

Vielleicht das Schwierigste im Leben eines Sportlers ist der Abschied. Zehn, fünfzehn, zwanzig Jahre kann eine Karriere als Radprofi dauern. Einige wenige Athleten verdienen in der Zeit Millionen. Die meisten anderen, die durchschnittlichen bis guten Helfer, machen jährlich 100 000 bis 300 000 Franken. Nicht schlecht. Zu wenig aber, um sich fortan zurückzulehnen. Nicht zu reden vom Kick, der ausbleibt. Was also tun?

Die Tour de Suisse im Überblick. Zoom

Die Tour de Suisse im Überblick.
(Bild: NZZ-Infografik/cke)

«Du bist eine Null»

Sven Montgomery, 36-jährig, Profi bis 2006, sagt: «Ich hätte mich schon während der Karriere ums Leben danach kümmern sollen.» Als er aufhörte, war er ratlos. Fand Unterschlupf im Management eines Frauen-Radteams. Und merkte, dass er Abstand brauchte. Auf einem Polizeiinspektorat einer Gemeinde trat er eine Stelle als Sachbearbeiter an, war halb Dorfpolizist, halb «KV-Hengst», wie er sagt – und erfuhr, was es heisst, mit über 30 ein neues Leben anzufangen. «Ich war so lange weg vom normalen Arbeitsmarkt, weg vom Fenster, dass es ewig gedauert hätte, mich hochzuarbeiten.» Ab August ist er, der TV-Co-Kommentator, wieder ganz zurück im Radsport – als Nachwuchs-Ausbildungschef im Verband Swiss Cycling.

Überhaupt: das Sichhocharbeiten! Armin Meier, 42-jährig, Profi bis 2001, sagt: «Wenn du die Karriere beendest und ins Berufsleben willst, musst du wissen: Niemand hat auf dich gewartet. Du bist eine Null.» Er kennt das Metier von beiden Seiten. Er schaffte den Sprung zur Marketingagentur IMG, wurde Verantwortlicher für die noch bis 2014 von IMG organisierte Tour de Suisse, baute für Ringier die Marketingagentur InfrontRingier auf, sicherte sich die Rechte der Tour de Suisse – und ist ab 2015 wieder Chef der Landesrundfahrt. Er hat es weit gebracht, wohl weiter als jeder andere Schweizer Radprofi, weshalb er freimütig sagen kann: «Das hat mir keiner zugetraut.» Er ist Manager Fabian Cancellaras, und wenn er sich in der Szene umschaut, wenn er sieht, wie sich andere Radfahrer ins zweite Leben stürzen, kommt er zum Schluss: «Viel zu vielen fehlt die Demut. Sie meinen, ihnen liege die Welt zu Füssen, weil sie ein paarmal im TV gekommen sind.»

Hubert Schwab, 30-jährig, Profi bis 2010, gehört nicht dazu. Er ist das Anti-Beispiel. Die meisten Radprofis haben im besten Fall eine Berufslehre abgeschlossen, er aber studierte. Als er sich ins Abenteuer Profisport stürzte, stellte er sicher, dass er jederzeit wieder an der Uni anknüpfen kann. Fünf Jahre fuhr er Rad, am Ende in einem Team mit Zahlungsschwierigkeiten. Neue Angebote lagen vor, doch er entschied sich für den Abschied. Heute ist er zurück an der Uni. Und jobbt als U-23-Nationalcoach. Er sagt: «Fahrer, die schon während der Karriere wissen, was sie danach machen wollen, habe ich kaum angetroffen.»

Das Zeitfahren in Lugano. Zoom

Das Zeitfahren in Lugano.
(Bild: NZZ-Infografik/cke)

Weil nicht erfolgreich ist, wer zu sehr an nachher denkt? David Loosli, 32-jährig, Profi bis 2011, sagt: «Gut möglich.» Am Anfang, als alles neu und aufregend war und Hoffnung auf Erfolge bestand, da beschäftigte auch er sich nur mit der Gegenwart. Doch es schlich sich Routine ein. Er sah, dass es zum Durchbruch nicht reichen, dass er nie mehr als ein guter Helfer sein würde. Als er einen Winter lang auf einen Vertrag wartete, der ihm lange schon versprochen war, als er also erkannte, wie schnell alles zu Ende sein kann, da entschied er sich, sich im Fernstudium schon während der Karriere zum Kaufmann ausbilden zu lassen. Heute ist auch er bei IMG und in der Tour-de-Suisse-Organisation tätig.

Geholt hatte ihn Rolf Huser, 41-jährig, Profi bis 2002 und noch bis 2014 einer der Direktoren der Tour de Suisse. Er sagt: «Radfahrer werden ungenügend auf die Karriere nach der Karriere vorbereitet. Weder die Verbände noch die Profiteams nehmen diese Aufgabe wahr.» Auch deshalb gibt er Athleten wie Loosli eine Chance. «Aber nach einem oder zwei Jahren ist der Bonus des früheren Sportlers aufgebraucht. Es setzt sich nur durch, wer auch mit den Gesetzen der neuen Welt klarkommt.»

Wie anders die neue Welt ist, erfährt Martin Elmiger, 33-jährig, am eigenen Leib. Seit 2000 ist er Profi. Doch als sich ihm und seiner Freundin die Chance bot, eine Firma zu kaufen, griff er zu. Der Betrieb hat 14 Angestellte, produziert Leuchtwerbung – und gibt mehr zu tun als erwartet. Elmiger sagt: «Es hängt viel an meiner Freundin.» Trotzdem ist er froh um das zweite Standbein, er könnte die Karriere jederzeit beenden. Und weiss schon jetzt: «Es wird nicht leicht sein, mich an den Rhythmus des normalen Berufslebens zu gewöhnen.»

Die zweite Etappe der TdS führt auf den Simplonpass. Zoom

Die zweite Etappe der TdS führt auf den Simplonpass.
(Bild: NZZ-Infografik/cke)

Vom Hochgefühl des Siegs

Ebenjenem Rhythmus wollte sich Richard Chassot, 42-jährig, Profi bis 1999, stellen, als er zurücktrat. In einer Versicherung arbeitete er sich hoch, «mit dem Ehrgeiz des Sportlers», wie er sagt. Er war froh, Abstand von der Szene zu bekommen – und befindet sich heute doch wieder mittendrin. Seit 2007 verantwortet er die Tour de Romandie, seit 2012 ist er Präsident von Swiss Cycling. «Es ist schön, in einem Metier tätig zu sein, das man bestens kennt.»

Und wo jeder jeden und jeder die Regeln der ganz und gar speziellen Welt des Radsports kennt. Eine Welt mit schönen und unschönen Seiten, wie Urs Zimmermann, 52-jährig, mit Unterbrüchen Profi bis 1992, lernen musste. Er liebte das Hochgefühl des Siegs, aber er kam kaum klar mit den Momenten, in denen es schlechter lief. Nach dem Rücktritt war er am Boden, sechs, sogar sieben Jahre lang. Heute, da er sich gefangen hat, weiss er: «Ich hatte Depressionen.» Ihm half, dass er ein Buch schrieb. Er sagt: «Die Literatur und die Philosophie gaben mir Halt.» Er arbeitet als Informatiker, den Radsport verfolgt er höchstens aus der Ferne. «Es wäre schön, wenn man schon als junger Profi wüsste, in was man sich hineinbegibt, welche Dimensionen das Leben als Sportler annehmen kann. Aber die Erfahrung muss jeder selber machen.»

Montgomery, Meier, Schwab, Loosli, Huser, Chassot – die Erfahrungen sind so besonders, die Gesetze des Sports so speziell, dass die Liste an früheren Fahrern, die auch das zweite Leben im Radsport-Zirkus verbringen, und erst noch in entscheidenden Positionen, so lang ist wie vielleicht noch nie. Einer aber zieht sich am Ende der Tour de Suisse zurück: Beat Zberg, 41-jährig, Profi bis 2007 und seither als einer der Tour-Direktoren für die Streckenplanung zuständig, sagt: «Wenn du wie ich mit 36 aufhörst, hast du deinen Lebenstraum eigentlich verwirklicht. Dann kann es eine Weile dauern, bis du neue Ziele findest.» Zberg hat ein neues Ziel gefunden: Seit März arbeitet er im Amt für Strassen- und Schiffsverkehr des Kantons Uri.





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