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Tagblatt Online, 30. Juni 2012 23:21:00

Das letzte Duell

Spanien und Italien spielen um den Titel

Andrea Pirlo - der Spiritus Rector des italienischen Spiels. Zoom

Andrea Pirlo - der Spiritus Rector des italienischen Spiels. (Bild: Reuters)

Am Sonntag spielen Spanien und Italien in Kiew um den Europameistertitel. Worin unterscheiden sich die beiden Teams? Stephan Ramming und Stefan Osterhaus haben sich mit den beiden Mannschaften beschäftigt und die Vor- und Nachteile in die Waagschale gelegt.

Tor: Beide Goalies internationale Spitze

Den Spanier Iker Casillas und seinen italienischen Konkurrenten Gigi Buffon einen mehrere Dinge. Die Karriere des spanischen Goalies deutete sich ebenso früh an wie die des Italieners – schon im zarten Goalie-Alter von 20 Jahren zählte Casillas zur internationalen Spitze. Doch während der heute 31-jährige Casillas sein ganzes Fussballerleben bei Real Madrid verbrachte, überwies Juventus für die Verpflichtung Buffons ehedem 54 Millionen Euro nach Parma. Viermal wurde Buffon zum «Welttorhüter des Jahres» gewählt. Seit 2001 spielt er bei Juventus trotz zuletzt gesundheitlichen Problemen auf höchstem Niveau, 2006 gewann er den WM-Titel. Er hielt der alten Dame die Treue, als sie die Saison 2006/07 wegen des Moggi-Skandals in der Verbannung (Serie B) verbringen musste.

Auch Casillas erhielt viermal den Titel des weltbesten Goalies, auch Casillas gewann den WM-Titel (2010). Und auch Casillas ist kein kompletter Goalie im modernen Sinn – keiner, der das Spiel eröffnet; keiner, der mit weiten Abwürfen auch einmal für einen Assist gut ist. Aber Casillas beherrscht das Kerngeschäft mit grosser Souveränität; seine Reflexe erinnern an den ehemaligen Weltbesten Oliver Kahn. Auch Buffon, der im Zusammenhang mit dem Wettskandal in Italien kurz vor dem Turnier in die Kritik geriet, hat Sachlichkeit zur Maxime erklärt. Der 34-Jährige ist in seiner Körpersprache aber präsenter als der viel ruhigere Casillas. Im Viertelfinal gegen England zeigte Buffon, dass er noch immer über hervorragende Fähigkeiten im Penaltyschiessen verfügt – auch das hat er mit Casillas gemeinsam, der im Shoot-out gegen Portugal reüssierte und Spanien im Turnier hielt.

Abwehr: Ramos' imposanter Steigerungslauf

In der Innenverteidigung hat der gelernte Aussenverteidiger Sergio Ramos an der Euro einen imposanten Steigerungslauf hingelegt. Gegen Portugal wirkte der Spanier ebenso souverän wie Gerard Piqué, der beim FC Barcelona in dieser Saison nicht immer unumstritten war. Gleichwohl hat kein anders Team einen Verteidiger mit ähnlichen Möglichkeiten, Piqués Qualitäten im Spielaufbau sind herausragend. Sergio Ramos hat seinen Penalty-Fehlschuss im Champions-League-Halbfinal gegen die Bayern verwunden. Der Profi von Real Madrid harmoniert in der Innenverteidigung mit Piqué. Vor zwei Jahren an der WM hatte Piqué noch mit dem derzeit verletzten Carlos Puyol ein unüberwindbares Bollwerk gebildet. Die Aussenverteidiger Jordi Alba und Alvaro Arbeloa zeigten an der Euro aber nicht nur gegen Portugal, dass sie in Verlegenheit geraten können.

Im Gegensatz zu den Spaniern verfügen die Italiener nicht über einen überragenden Strategen – Italiens Auswahl von heute ist nicht mehr die Squadra mit Spielern wie Fabio Cannavaro oder Alessandro Nesta. Giorgio Chiellini, Andrea Barzagli, Federico Balzaretti und Leonardo Bonucci repräsentieren international durchschnittliche Verteidiger; Chiellini fällt zuweilen mit technischen Mängeln auf. Der grosse Vorteil steckt aber in der taktischen Variabilität: Schon im ersten Gruppenspiel trat Italien mit einer Dreierkette gegen Spanien an – und lieferte einen offenen Match. Gegen Deutschland zeigte die italienische Abwehr zudem, dass sie mit Solidarität, Kampf und etwas Glück durchaus in der Lage ist, den Gegner an den Rand der Verzweiflung zu bringen.

Mittelfeld: Beide Coaches setzen auf Blockbildung

In diesem Bereich dürfte der Final entschieden werden. Spaniens magistrale Achse dominiert auch an der Euro mit schnellem, präzisem Passspiel das Zentrum. Xabi Alonso und Sergio Busquets sichern hinter Xavi und Andrés Iniesta ab. Das Duo vom FC Barcelona überzeugt mit grossem Spielverständnis, doch es gibt auch Augenblicke, in denen Xavis Formschwächen offenbar werden; die Auswechslung gegen Portugal könnte ein Zeichen dafür gewesen sein. Alonso und Busquets garantieren im Aufbau dafür, dass Spanien den Gegner mit hoher Passgenauigkeit beschäftigt und mit zunehmender Spieldauer ermüdet. Dieses Rezept geht seit Jahren auf. Und wenn die Kräfte schwinden, kommt die Zeit der Flügelstürmer, die wie Jesus Navas aus der Tiefe vorstossen.

Spaniens Coach Vicente del Bosque setzt wie Italiens Cesare Prandelli auf Blockbildung: Im Team der Spanier dominiert Barça, besonders im Mittelfeld mit Xavi, Iniesta und Busquets, manchmal auch mit Cesc Fàbregas als verkappter Spitze. Die italienische Mannschaft wird von Juventus geprägt, wobei sich nahezu alles auf Andrea Pirlo fokussiert. Er ist der Spiritus Rector des Spiels, kein Mann der kurzen Pässe – mit viel Übersicht versteht er das Spiel zu öffnen. Schon im ersten Gruppenmatch agierte Pirlo brillant, und Italien tut mit der Prätorianergarde De Rossi, Marchisio und Montolivo alles, um den Genius zu schützen. Pirlo agiert meist vor der Abwehr und wird von zwei Mittelfeldspielern abgeschirmt. Er wird beschützt wie ein Quarterback im American Football. Deshalb wird vieles davon abhängen, ob die Spanier Pirlos Kreise eingrenzen können – oder ob der 33-Jährige ein weiteres Euro-Glanzstück zeigt.

Angriff: Starkes Duo Balotelli - Cassano

Auch in Abwesenheit des verletzten Goalgetters David Villa besitzt der spanische Coach Vicente del Bosque eigentlich viele Möglichkeiten. Wann immer er Cesc Fabregas in den Angriff stellte, belebte der gelernte Mittelfeldspieler zwar das spanische Spiel, doch im Strafraum schien die Durchschlagskraft zu fehlen. Del Bosque schätzt die Qualitäten Fabregas'; eine Entscheidung zu fällen zwischen ihm und den gelernten Angreifern fällt dem Coach schwer. Alvaro Negredo, ein Mittelstürmer klassischen Zuschnitts, empfahl sich im Halbfinal gegen Portugal nicht; und Fernando Torres wurde das Vertrauen nach einer ordentlichen Leistung gegen Irland wieder entzogen. Vor dem Final wird die kniffligste Frage deshalb darin bestehen, wer im spanischen Sturm das Vertrauen erhält.

Die Debatte um die richtige Besetzung im Sturm bewegt nicht nur Spanien, sondern auch die gegnerische Verteidigung. Aus deutschen Kreisen war etwa zu hören, dass man Pedro als sehr gefährlich erachte. Vielleicht hebt sich del Bosque diese Variante für den Final auf. Doch nach den Erfahrungen aus dem ersten Match gegen Italien ist nicht ausgeschlossen, dass erneut Fabregas beginnt. Dessen einziges Manko ist die Chancenverwertung – und gerade in diesem Punkt ist Italien dem Konkurrenten voraus. Mario Balotelli nutzte im Halbfinal seine Möglichkeiten mit staunenswerter Konsequenz, und Antonio Cassano steht im Angriff für Unberechenbarkeit. Eine Co-Produktion der beiden Angreifer brachte Italien gegen Deutschland in Führung, und wenn Cassano auf den Flügel ausweicht, kann er auch die spanische Defensive in arge Bedrängnis bringen.




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