Tagblatt Online, 19. Mai 2012 18:14:00
Das Märchen vom Endspiel im eigenen Stadion
Vor dem Champions-League-Final beschwört der FC Bayern die Kraft des Ereignisses
Zeit der Angewöhnung an das Münchner Stadion für die Chelsea-Spieler beim Training am Freitag. (Bild: Keystone/ap)
Der FC Bayern kann am Samstag vor eigenem Publikum die Champions League gewinnen. Die Stadt ist elektrisiert, doch über Fussball wird kaum geredet. Es geht aber vor allem um eines: um Uli Hoeness, seine Geschichte und seinen Erfolg mit dem FC Bayern.
Stefan Osterhaus, München
Ein Mann der Fakten ist Uli Hoeness, der Präsident des FC Bayern, immer gewesen. Die Begeisterung in seiner Stimme ist nicht zu überhören, wenn er von zu erwartenden 350 Millionen Euro Umsatz und einem Gewinn in zweistelliger Millionenhöhe spricht. Auch abseits des Geschäftsberichts weiss Hoeness um die Aussagekraft von Zahlen: Nicht einmal «drei Prozent» seiner vielen Freunde habe er helfen können. Nicht einmal drei Prozent!
Dabei wollten sie auf den ersten Blick gar nichts Besonderes, bloss ein Ticket, mehr nicht. Aber eines für den Samstag, für den Final der Bayern gegen Chelsea. Und diesen Wunsch teilen Hoeness' Freunde mit unendlich vielen anderen Fussballfreunden.
«Das Grösste»
So hat der Match gegen das rüstige Altherren-Ensemble Chelseas eine Dimension erreicht, die selbst den Einfluss des angeblich allmächtigen Präsidenten beschränkt. Abseits jeder Zurückhaltung sagt Hoeness über das Endspiel in der eigenen Stadt: «Das ist das Grösste.» Die Spannung in München ist förmlich mit den Händen zu greifen, selbst öffentliche Plätze für das gemeinschaftliche TV-Schauen im Freien sind seit Tagen ausverkauft.
Auf Youtube kursieren Videos, in denen der Münchner Spieler Bastian Schweinsteiger fordert, die Stadt müsse «rot-weiss» werden, die Klubfarben annehmen. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie gross der Kater wäre, der auf einen solchen Rausch folgte, verlören die Bayern das Endspiel.
Auch Hoeness will nicht darüber reden, lieber fügt er Mosaikstein um Mosaikstein zu einem eindrücklichen Gesamtbild zusammen: Das Stadion, in dem der Final stattfindet, gehört nicht der Stadt München. Es gehört dem Klub. Noch so ein Detail, das die Einmaligkeit innerhalb des Bayern-Universums unterstreicht.
Nur die Nummer 2, nicht der Meister
Für die Münchner geht es nach der welken Saison auch und vor allem um den Ruf: Nicht wenige erinnern daran, dass hier die Nummer 2 im deutschen Fussball antritt, nicht der Meister. 2:5 verloren die Bayern vor einer Woche im Cup-Final gegen den Champion Dortmund, ein Match, der allenthalben als Menetekel begriffen wurde – auch von Uli Hoeness: «Wir im Verein fanden das Spiel ja auch für die gesamtpolitische Situation im deutschen Fussball wichtig», sagte er der «Süddeutschen Zeitung». Das klingt nach Strategie, nach Think-Tank, nach Hinterzimmerpolitik: Als berichte ein Staatssekretär seinem Minister von einer bedrohlichen «geopolitischen Situation».
Das Denken in grossen Dimensionen: Es liegt Uli Hoeness. Noch vor Jahren wollte er sich nicht auf ein Wettbieten um Spitzenfussballer mit dem Chelsea-Mäzen Roman Abramowitsch einlassen – heute gilt der FC Bayern für die meist defizitäre Fussballelite Europas als Leitbild, das Solidität und Erfolg vereint. Und kein anderer verkörpert diesen Klub mehr als Hoeness.
Die Symbolik des Wochenendes hat nicht nur ihn durchdrungen. Wochenlange PR hat ihren Zweck erfüllt. Mag das Faszinationspotenzial dieser Partie in Mailand, Barcelona oder Manchester überschaubar sein: Die Anteilnahme ist nicht nur «dahoam», sondern in der ganzen Fussballrepublik ausserordentlich. Auch darin liegt die Qualität dieses Klubs. Er kann das ganze Land glauben machen, dass die eigenen Belange von weltbewegender Bedeutung sind.
Es geht um Hoeness
Dabei gäbe es vor diesem Final auch über viel anderes zu diskutieren: die Titeltauglichkeit der Bayern-Generation um Schweinsteiger und Philipp Lahm, die schon 2010, beim 0:2 gegen Inter, einen Champions-League-Final verloren hat. Oder der Ausfall des famosen Innenverteidigers Holger Badstuber wegen einer Sperre. In München wird viel geredet. Aber wenig über Fussball.
Auch geht es im Falle einer Niederlage weder um die Zukunft des Klubs noch um die strategische Ausrichtung gegenüber der nationalen Konkurrenz, wie es manche Kritiker an den Verein herantragen wollen. Die Bayern sind bestens präpariert. Doch letztlich geht es vor allem um eines: um Uli Hoeness. Um seine Geschichte mit den Bayern, um seinen Erfolg, an dem alle gerne teilhaben dürfen. Sämtliche Angestellten bekämen ein zusätzliches Monatsgehalt. Und Hoeness könnte womöglich Standort und Grösse des eigenen Denkmals selber bestimmen.
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