Tagblatt Online, 11. Mai 2012 13:24:00
Copyright auf Resultate
Wie die Wissenschaft manipulative Wetten bekämpfen würde
Wettanbieter können frei über Sportresultate verfügen. Das macht Manipulationen wie im italienischen Fussball möglich. Forscher schlagen deshalb vor, dass Verbände die Resultate als eigenes Gut schützen.
Michele Coviello, Magglingen
Alles sah nach einer netten Geste aus. Nach der Serie-B-Partie Novara - Ascoli hinterlegt Vittorio Micolucci, ein Spieler der Gäste, beim Portier des Hotels eine Tasche. Sie enthalte Trikots als Geschenk für den Novara-Profi Cristian Bertani, der diese gleich abholen werde. Doch darin liegen keine Shirts, sondern 40 000 Euro – in Handtücher gewickelt. Geld, das gar nicht Bertani galt. Der Fussballer war nur ein Mittelsmann des Wettpaten Almir Gegic. Dieser hatte auf eine 0:3-Niederlage der Gäste gesetzt. Ascoli verlor «nur» 0:1. Also musste der Verteidiger Micolucci sein illegales Salär rückerstatten.
Was wie in einem Kriminalroman daherkommt, ist Realität. Die «Gazzetta dello Sport» machte in ihrer Ausgabe vom Donnerstag diese Geschichte publik. Sie resultiert aus der Ermittlung zum Wettskandal im italienischen Fussball, der seit vergangenen Sommer neu ausgebrochen ist. 52 Profis und 22 Klubs sind involviert. Keine zwei Jahre sind vergangen, seit sich in mehreren europäischen Ligen rund 200 Resultate als manipuliert herausstellten.
Wer aufgrund dieser Nachrichten die Glaubwürdigkeit des Fussballs infrage stellt, kann nicht gescholten werden. Ganz abgesehen von der ethischen Komponente haben diese Eklats auch andere Folgen: Als im Sommer 2006 Bestechungen in der Serie A an die Öffentlichkeit gerieten, verlor die Liga 20 Prozent der Zuschauer. Und fehlen diese, so wenden sich auch die Sponsoren ab. Sportwetten und ihr Missbrauch haben deshalb viel Platz an einer Tagung des Arbeitskreises Sportökonomie eingenommen. Unter dem Titel «Im Schatten der Sportwirtschaft» diskutierten vergangene Woche Forscher und Verbände in Magglingen auch über Probleme der Sportwetten und wie Manipulationen bekämpft werden können.
Die Fifa stellte durch den Direktor ihres Rechtsdienstes, Marco Villiger, das Early Warning System vor, das seit 2005 in Zusammenarbeit mit Wettanbietern funktioniert und bei ungewöhnlich hohen Einsätzen aktiviert wird. Das hat den Nachteil, dass erst dann reagiert wird, wenn ein Mechanismus bereits in Gang ist. Deshalb werden auch Ideen hervorgebracht, die die Prävention verstärken. Die interessanteste kommt aus dem Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Zürich.
Professor Helmut Dietl schwebt vor, dass die Resultate als ein Gut des Sports angesehen werden könnten. Analog zu den Fernsehverträgen könnte der Sport so seine Rechte an den Ergebnissen gegenüber den Wettbüros mit einem Copyright geltend machen. Nur wer Lizenzen löst, dürfte somit Wetten verkaufen. Dadurch unterstünden die Anbieter strengeren Kontrollen, und die Verbände könnten die Inhalte der Wetten bestimmen. Denn es ist für einen bestochenen Spieler einfacher, eine gelbe Karte zu provozieren oder einen Eckball zu verursachen, als das Schlussresultat zu beeinflussen. Doch selbst das würde illegale Bewegungen nicht ausschliessen. «Keine Lösung verspricht das Paradies», räumt Dietl ein.
Könnten Micolucci und Bertani die Zeit zurückdrehen, würden sie sich bestimmt gegen die Hölle entscheiden – der Erste ist bereits gesperrt, der Zweite wird es wohl bald sein.
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