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Tagblatt Online, 31. Mai 2012 22:40:00

Bolt im Lande weit, weit weg

Usain Bolt zeigt in Rom über 100 m, warum er als Ausnahme-Figur der Leichtathletik gilt

Jamaicas Usain Bolt (l.) läuft auch in Rom in einer eigenen Liga. Zoom

Jamaicas Usain Bolt (l.) läuft auch in Rom in einer eigenen Liga. (Bild: Reuters)

Sechs Jahresweltbestleistungen gibt es im Römer Olympiastadion zu sehen, und eine überstrahlt alle anderen: Das Sprint-Phänomen Usain Bolt lässt im 100-m-Lauf die Konkurrenz stehen und setzt mit 9,76 Sekunden eine herausragende Marke.

Remo Geisser, Rom

Pünktlich zur Vorstellung der Spitzenathleten begannen sich die Ränge des Olympiastadions zu füllen. Und das Publikum hatte gleich Grund zur Freude. Im Trikot des italienischen Fussballnationalteams liess sich Usain Bolt auf einem Elektromobil um die Bahn karren. Das erinnerte auch den letzten Ausländer daran: Mögen die Bässe an der Golden Gala noch so pumpen und mag Bolt die Beine noch so wirbeln lassen – spätestens ab nächster Woche wird sich in Italien alles nur noch um die Squadra Azzurra drehen.

Die Minuten des Einheizers

Doch zunächst stand noch die grosse Show an, und sie wurde mit allen möglichen Mitteln bis an die Grenze des Zumutbaren angeheizt. Der DJ drehte die Regler der Musik auf, das Publikum winkte mit eigens dafür verteilten Fähnchen, und der Speaker schrie aus voller Kehle: Usain!! Bolt!!! Der Star selbst wirkte in diesem Rummel weniger exaltiert als auch schon. Er gab dem Publikum mit ein paar Gesten das, was es von ihm erwartete – aber nicht mehr. Dafür konzentrierte er sich offensichtlich auf seine Arbeit. Eine schnelle Zeit wolle er, hatte der Jamaicaner vor dem Start gesagt. Damit sollten auch all jene ruhiggestellt werden, die nach einer wenig überzeugenden Vorstellung zuletzt in Ostrava bereits eine Schwäche des weltbesten Sprinters gewittert hatten.

Da haben sie sich wohl getäuscht. Vor einem Jahr war Bolt in Rom auffallend unrhythmisch gelaufen und hatte den Sieg mit letzter Kraft erzwungen. Nun aber klappte alles besser. Auch wenn der erste Teil des Rennens noch nicht perfekt war, konnte der Weltrekordhalter ab gut 30 Metern seinen langen Schritt laufen und den Rest der Bahn hinunterstürmen. 9,76 Sekunden zeigte die Uhr im Ziel – nur bei seinen drei Weltrekorden war Bolt schneller. Total achtmal ist er die Königsstrecke bisher unter 9,80 Sekunden gelaufen. Damit hebt er sich wie mit so vielem anderem von seinen Gegnern ab. Wo diese im Vergleich zu ihm stehen, war im Olympiastadion von Rom deutlich zu sehen: weit, weit weg. Asafa Powell lag 15 Hundertstelsekunden zurück und Christophe Lemaitre sogar deren 28. Die beiden mussten einmal mehr anerkennen, dass ein Bolt in guter Verfassung in einer eigenen Welt läuft. Die Konkurrenten können darauf nur noch mit Humor reagieren, wie das Kim Collins an der Pressekonferenz vor dem Rennen tat. «Ich kann Bolt schlagen», sagte er, «Usain muss dazu einfach langsamer laufen.»

Mass nehmen am Weltrekord

Die 3000 m Steeple der Männer wurden zu einem frühen Highlight des Abends. Vor der Saison war in Kenya noch ein allgemeines Klagen darüber zu vernehmen gewesen, dass es in dieser Paradedisziplin keine guten Athleten mehr gebe. Und dann stürmte Paul Koech bereits im ersten Rennen des frühen Sommers deutlich unter die 8-Minuten-Grenze. Nicht dabei war bei dieser Hatz der Weltmeister Ezekiel Kemboi, der noch zu Hause an der Form schliff. In Rom trat er an und versprach eine sehr schnelle Zeit. Doch dann musste er aus immer grösser werdender Distanz zusehen, wie Koech leichten Fusses enteilte. Der bald 31-Jährige liess die Konkurrenz auf dem letzten Kilometer stehen und setzte mit 7:54,31 eine Marke, die in der Geschichte erst zweimal unterboten worden ist.

Koech gehört zur Gruppe um den 800-m-Weltrekordhalter Rudisha, die im Sommer ihre Basis in Tübingen hat. Zu Hause in Kenya ist er nicht nur als Läufer bekannt, sondern auch, weil die auf der Bahn erlaufenen Dollars für gute Zwecke ausgibt. In der Nähe seines Heimatdorfes liess er eine Schule bauen, und mit dem Programm Running for Education hilft er aufstrebenden Talenten, neben dem Training Bildung zu erwerben. All das hindert ihn nicht daran, sich auch im fortgeschrittenen Alter noch zu steigern. 2012 verbesserte Koech seine Bestzeit um zwei Sekunden. Und plötzlich ist der Weltrekord nur noch knapp 0,7 Sekunden entfernt.




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