St.Galler Tagblatt Online, 17. Mai 2012 07:28:00
Ausser Rand und Band
Die Bundesliga-Barrage zwischen Düsseldorf und Hertha BSC hat ein Nachspiel
Düsseldorfs Adam Bodzek muss von einer Security-Person zurückgehalten werden, weil er sich über einen Fan, der das Spielfeld betreten hat, aufregt. (Bild: Reuters)
Das Barrage-Rückspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC verläuft chaotisch. Feuerwerkskörper fliegen, noch vor Abpfiff stürmen die Fans den Rasen. Hertha BSC ist eigentlich abgestiegen, legt aber Protest ein. Der Deutsche Fussball-Bund will am Freitag entscheiden, ob der Match wiederholt werden muss.
Markus Wanderl
Die Bundesliga hat in der abgelaufenen Spielzeit nur so gestrotzt vor Selbstbewusstsein. Der FC Bayern steht am Samstag im Final der Champions League, und von Borussia Dortmund hat sogar die «New York Times» geschwärmt nach dem Cup-Sieg am letzten Samstag gegen den deutschen Rekordmeister. In der Bundesliga etabliere sich eine zweite, ernstzunehmende Kraft. Gut so.
Die Bundesliga hat sich zuletzt zudem tagein, tagaus selbst gehuldigt. Die Stadion sind mehrheitlich ausverkauft. Die Stimmung ist gut. Die Qualität des Dargebotenen erst recht. Auch in internationalen Duellen. Das ist nachweisbar. Dank dem verbesserten Uefa-Koeffizienten hat sich die Anzahl der Europacup-Startplätze erhöht. Der Fussball im Nachbarland verpasste sich das Siegel: «Made in Germany».
Sich mehrende Randale
Dafür, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, sind allerdings die letzten Wochen beredtes Beispiel. In den Vorkommnissen im zweiten Barrage-Spiel am Dienstagabend in Düsseldorf kulminierte auf skurrile Art und Weise die Entwicklung der letzten Wochen auf und abseits des deutschen Rasens: Der Hang zur Verletzung von Regeln nimmt zu. Dramatisch.
Bilderstrecke: Chaotisches Finale in Düsseldorf
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Die Bundesliga-Barrage zwischen Düsseldorf und Hertha BSC wird von üblen Krawallen überschattet. Feuerwerkskörper fliegen, noch vor Abpfiff stürmen Fussballfans beider Lager den Rasen und schiessen mit Feuerwerkskörpern. Das machte eine erste Spielunterbrechung durch den Referee Wolfgang Stark nötig. Vor dem Schlusspfiff stürment die Düsseldorfer Fans in Massen den Platz, so dass das Spiel nochmals unterbrochen werden musste. (Bilder: )
Mochte ein Teil der Kölner Fans den besiegelten Abstieg ihres FC's kürzlich schon nur mit Randalen kompensieren, so stürmten die Karlsruher Supporter an diesem Montag nach dem Barrage-Rückspiel im Wildparkstadion den Platz. Klubmitarbeiter wurden eingekesselt, es gab wüste Prügeleien. Die Bilanz: fast 80 Verletzte. Nur 200 Polizisten sollten die Sicherheit garantieren, eine fatale Fehleinschätzung. Das Sportliche, ergo der Aufstieg von Jahn Regensburg und der Abstieg der Karlsruher, geriet zur Nebensache.
Ebenso gespenstisch ging es zu, als am Dienstagabend in Düsseldorf Fussballfans beider Lager den Rasen mit Feuerwerkskörpern beschossen. Das machte eine erste Spielunterbrechung durch den Referee Wolfgang Stark nötig. Aber als noch vor dem Schlusspfiff die Düsseldorfer Fans in Massen den Platz stürmten, war es endgültig um das Markenzeichen geschehen, an dem die Bundesliga lange gebastelt hat, wonach der Stadionbesuch mit der ganzen Familie nirgendwo anders sicherer sei. Angeblich haben einige Fans einen Pfiff des Referees als Schlusspfiff interpretiert und deshalb vorzeitig zum Sturm auf das Spielfeld angesetzt.
Zwei Minuten waren in der auf sieben Minuten angelegten Nachspielzeit noch zu absolvieren – über Auf- oder Abstieg also noch nicht entschieden –, als der Düsseldorfer Fan inmitten von Hunderten Fans im Rasen zu buddeln begann. Von einem anderen Fan aufgeregt für seinen Clou beglückwünscht, machte er sich schliesslich mit dem Elfmeterpunkt von dannen. Der couragierte Ordner wurde einfach weggeschubst.
Flucht in die Katakomben
Die Spieler inklusive des Referees Stark waren da schon in die Katakomben geflüchtet. Und alle Welt rätselte, ob die nach der roten Karte (58.) gegen den U-21-Internationalen Änis Ben-Hatira dezimierten Berliner überhaupt zurückkehren oder es darauf anlegen würden, sich zunächst mittels eines stillen Protests eine Entscheidung am Grünen Tisch zu verschaffen. Zu ihren Gunsten.
Denn sie hatten das Barrage-Hinspiel zu Hause 1:2 verloren, und nun stand es im Rückspiel 2:2. Obwohl sie sich abermals dank dem früheren Zürcher Rafael als das technisch bessere und in der Spielanlage versiertere Team erwiesen hatten, war der Abstieg so gut wie besiegelt. Nach nur einem Jahr in der Bundesliga, der die Düsseldorfer 15 Jahren geharrt haben.
Jemand muss die Berliner aufgeklärt haben, dass allein der Referee einen Spielabbruch verfügen kann und die eigene Initiative alles nur noch schlimmer machen würde. Jedenfalls kehrten sie zurück, als die Fans infolge der Bitten und Drohungen des Stadionsprechers nach 20 Minuten den Platz zu verlassen gewillt gewesen waren. Die Berliner spielten den Match zu Ende, freilich ohne in den verbleibenden Sekunden noch die Wende herbeiführen zu können.
Unrühmliches Karriereende Rehhagels
Was für ein Karriereende für den 73-jährigen Coach von Hertha BSC, Otto Rehhagel. Bereits letzte Woche hatte er angekündigt, direkt nach absolvierter Relegation in die Ferien fahren zu wollen. An der nächtlichen Pressekonferenz sagte er: «Die Begleitumstände dieses Spiels sind eine Katastrophe. So etwas habe ich noch nie erlebt.» Am Mittwochabend hiess es dann, dass Hertha BSC Protest eingelegt habe und deshalb zunächst ganz normal weitertrainieren werde. In der Hoffnung, dass es zu einem Wiederholungsmatch kommt, über das der Deutsche Fussball-Bund (DFB) am Freitag entscheiden will.
Der DFB hatte zuvor bereits den Match betreffend ein Ermittlungsverfahren in Gang gesetzt und gemeinsam mit der Deutschen Fussball Liga (DFL) in einer Pressemitteilung erklärt: «DFB und Ligaverband sind sich darüber einig, dass solche unverantwortlichen und die Gesundheit der vielen friedlichen Fans gefährdenden Szenen in einem Fussballstadion nicht tolerierbar sind und konsequent geahndet werden müssen.»
Härtere Strafen gefordert
Dazu passt, dass die Gewerkschaft der Polizei (GdP) den DFB zu härteren Strafen auffordert. «Offensichtlich bringen Appelle an Vernunft und Verstand nichts», sagte der GdP-Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut. «Der DFB ist jetzt vor dem angekündigten Anti-Gewalt-Gipfel von Fussball und Justiz in der Pflicht zu prüfen, ob die Fans über Punktestrafen diszipliniert werden können.»
Anwälte räumen dem von den Berlinern eingelegten Protest gute Chancen ein, etwa Michael Lehner. Der Heidelberger Anwalt, bekannt aus Doping-Verfahren, sagte: «Wenn Hertha BSC Protest gegen das Spiel einlegt, hat der Klub Aussicht auf Erfolg.» Die Berliner seien durch die Spielunterbrechung einer grossen Chance beraubt worden, die gesamte Mannschaft sei in ihrem Spielfluss gestört worden.
Hertha-Anwalt Christoph Schickhardt hatte im ZDF-«Morgenmagazin» behauptet: «Der Referee hat die Mannschaft nicht wegen des Fussballs auf den Platz zurückgeführt, sondern nur auf Bitten der Polizei, um eine Eskalation – man hat von einem Blutbad gesprochen – zu verhindern.»
Gemäss Meldungen aus Berlin postierte sich am Dienstag ein grösseres Aufgebot an Polizeibeamten sowohl am Trainingsgelände als auch vor der Hertha-Geschäftsstelle, um eine mögliche Eskalation zu vermeiden. Die etwa 750 Fans aus dem demolierten Sonderzug zogen offenbar teilweise unkontrolliert durch Spandau, hiess es. Und Düsseldorf? Feiert zwar, aber gedämpft. Die für Samstag geplante offizielle Aufstiegsfeier wurde erst einmal abgesagt.
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