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Tagblatt Online, 13. Juni 2012 09:33:00

«All das ist neu und gross und aufregend»

Für und sein unterklassiges Team Spidertech ist die Tour de Suisse ein ganz spezielles Ereignis

Letztes Jahr hätte Raymond Künzli nicht im Traum daran gedacht, je an der Tour de Suisse starten zu dürfen. Zoom

Letztes Jahr hätte Raymond Künzli nicht im Traum daran gedacht, je an der Tour de Suisse starten zu dürfen. (Bild: Keystone / Klaunzer)

Jeweils zwei Wild Cards vergibt die Organisation der Landesrundfahrt an Teams ohne World-Tour-Status. Daraus entstehen liebenswerte Geschichten. Zum Beispiel jene Raymond Künzlis, Bernjurassier, 28-jährig.

Christof Gertsch, Trimbach

Was tun der Schwingklub, der Turnverein, der Schwimmklub, wenn sie mit ihren Junioren an Wettkämpfe reisen? T-Shirts drucken. Darauf stehen die Jahreszahl, der Name des Anlasses, vielleicht ein Motto. «Let's go!», etwas in der Art. Meistens befindet sich noch das Logo der Druckerei auf der Rückseite, damit die Sportler für ihr T-Shirt nur 20 statt 25 Franken bezahlen müssen.

So macht man's an der Basis, dort also, wo der Sport noch Charme hat.

«World Tour Time!»

Und so macht man's bei Spidertech, einem kanadischen Radteam, dessen Charme schier grenzenlos ist. Einfach weil allein der Versuch, in Kanada ein professionelles Radteam auf die Beine zu stellen, Menschen mit Idealismus und Mut erfordert. Seit 2008 existiert die Equipe, lange verdingte sie sich bei unterklassigen Rennen. Heuer aber erhielt sie Einladungen gleich zu zwei World-Tour-Veranstaltungen: der Tour of California und der Tour de Suisse. Der Stolz, der Staff und Fahrer umgibt, ist am Dienstag im Hotel in Bern mit Händen zu greifen. Denn jedes Teammitglied trägt zusätzlich zu Renndress und Arbeitskleidung ein T-Shirt. Jahreszahl: «2012». Name des Anlasses: «Tour de Suisse». Motto: «World Tour Time!»

Hinter Spidertech steckt Steve Bauer, so gut wie der einzige bekannte Strassen-Radprofi, den Kanada bis zum Girosieg Ryder Hesjedals vor einem Monat hatte. 1988 wurde Bauer Zweiter an der Tour de Suisse. 2012 erinnerten sich die Schweizer Organisatoren an ihn und gaben Spidertech eine von zwei Wild Cards, die auch nicht der World Tour angehörende Teams zum Start berechtigen. Solche Mannschaften zerreissen selten grosse Stricke, aber sie tun den Rennen gut, weil sie in Fluchtgruppen gehen. Und weil die Geschichten ihrer Fahrer so liebenswert sind.

Zum Beispiel jene Raymond Künzlis, Bernjurassier, 28-jährig. Letztes Jahr hätte Künzli nicht im Traum daran gedacht, je an der Tour de Suisse starten zu dürfen. Er war Amateurfahrer, kein schlechter, und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. In Veloläden, als Kurier, in Büros. Dann stellte Paul Köchli, einst erfolgreicher Teamchef und seit Künzlis Kindheit sein Nachbar, den Kontakt zu Bauer her – und wahr wurde der Traum von der Profikarriere. Obwohl Künzli ihn gar nie richtig geträumt hatte. Obwohl er viel zu alt fürs Debüt bei den Profis ist. Und obwohl niemand hatte ahnen können, dass er in Kalifornien fast bis zuletzt mit den Schnellsten mithalten und am Sonntag, in der Etappe hinauf nach Verbier, zweitbester Schweizer sein würde.

Lang und leicht

Künzli, lang und leicht und wie gemacht fürs Klettern, hat nie nur den Radsport gehabt. Er schloss die Handelsschule ab, liess sich an der klassischen Gitarre ausbilden, sein Leben war in Ordnung. Er fuhr Velo wegen der Natur, nicht wegen des Wettkampfs. «Ich hatte auch Freude, als ich einfach Amateur war», sagt er. Dazu betrachtet er eindringlich seine Hände, die er vor sich auf dem Tisch gefaltet hat. Er kann selbst von grössten Selbstverständlichkeiten mit viel Ernsthaftigkeit berichten, er ist nachdenklich, zurückhaltend, überhaupt kein Aufschneider.

Zum Beispiel sagt er: «Es ist doch logisch, dass ich mir Mühe gebe bei den Profis. Ich will doch zeigen, dass ich bestehen kann.» Oder: «Die Tour of California, die Tour de Suisse – all das ist neu und gross und aufregend für uns.» Am Dienstag führte die 4. Etappe nahe am Wohnort seiner Eltern vorbei. Aus Sport machen die sich eigentlich nicht so viel, sie haben den Sohn auch nie zu etwas gedrängt. Aber das Rennen schauten sie sich dann doch an. Der Filius an der Tour de Suisse – das gibt's schliesslich nicht alle Tage. Raymond Künzli sagt: «Es muss nicht sein, aber ich wäre auch 2013 gerne dabei.»




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