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Tagblatt Online, 20. Juni 2012 20:52:17

«1000 Uefa-Partien, 1 Fehlentscheid»

Pierluigi Collina verteidigt die EM-Torrichter

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«Jetzt sehen wir mehr», sagt der frühere Spitzenschiedsrichter Pierluigi Collina am Ende des Uefa-Spots. (Bild: Imago)

Der Vorfall im Spiel Ukraine - England vom Dienstag treibt die Debatte um die Torlinien-Technologie an. Die Uefa bedauert den «menschlichen Fehler» und schickt den betroffenen Referee zu dessen «Schutz» heim.

Peter B. Birrer, Warschau

Manchmal gibt es lästige Zufälle. Vielleicht sind es auch nur Botschaften des Schicksals. Ausgerechnet am Euro-Tag, nachdem den Ukrainern im Spiel gegen England (0:1) ein klares Tor verweigert worden ist, muss der Schiedsrichterchef Pierluigi Collina auf dem Podium vor den Medien Stellung beziehen. Dank Fernsehbildern, die jeden Winkel erfassen, sahen Millionen, dass der Engländer Terry den Ball hinter der Torlinie wegschlug. Doch die Spielleitung sah das anders, also auch der Assistent, der neu als Hilfe hinter der verlängerten Torlinie positioniert ist.

«Fehlentscheid ist zu bedauern»

Zum ersten Mal sind an einer Endrunde fünf Referees im Einsatz. «Jetzt sehen wir mehr», sagt der frühere Spitzenschiedsrichter Collina am Ende des Uefa-Spots, der die Neuerung und die Erhöhung von sechs auf zehn Augen bewirbt. 23 Gruppenspiele lang lief alles gut, bis am Dienstag, bis zu der für die Ukraine fatalen Szene mit Terry. «Der Fehlentscheid ist zu bedauern», sagt Collina, «aber der Mensch macht immer wieder Fehler, wir alle tun das – auch die Spieler auf dem Rasen».

Nach dem an der WM 2010 berühmt gewordenen «Lampard-Tor», dem die Anerkennung versagt wurde, obschon der Ball deutlich hinter der Torlinie war, erhält nun auch die Euro 2012 Diskussionsstoff. Doch die beiden Fälle differieren: Während der Schuss Lampards am Boden aufschlug und kein Torrichter zugegen war, traf Terry den Ball in der Luft. Immerhin gleichen sich Benachteiligung und Bevorteilung aus: 2010 gegen, 2012 für die Engländer.

Collina kann nur starkreden

Der neue Fall giesst Öl ins Feuer der Debatte über die Torlinien-Technologie. Im Moment lässt der Weltverband Fifa Tests durchführen. Ob und wann etwas geändert wird (Chip im Ball), entscheidet der als konservativ geltende internationale Regel-Board IFAB. Collina kann keine Technologie einführen. Er kann nur starkreden und auf Beispiele hinweisen, die unterzugehen drohen.

Nach 1000 Uefa-Partien mit fünf Referees liege nun der erste Torlinien-Fehlentscheid vor, sagt Collina. Nicht vergessen dürfe man die EM-Szenen, in denen zweifelsfrei erkannt worden sei, dass der Portugiese Pepe das Tor verfehlt, der Italiener Cassano es aber getroffen hatte. Zudem leisteten die Torrichter auch bei Strafraumszenen nicht zu unterschätzende Hilfe, die von aussen leider nicht wahrnehmbar seien.

Manchmal nimmt Collina auch die Hände zu Hilfe, weil er veranschaulichen will, wie schwer an der Seitenlinie ohne Fernsehbilder Offsides zu sehen seien, «wenn sich 10 bis 20 Spieler in beträchtlicher Entfernung durcheinanderbewegen». Collina schiebt zur Verteidigung seiner Gilde Zahlen nach: Von 300 Offside-Entscheidungen innerhalb eines Meters seien an der Euro 95,7 Prozent richtig gefällt worden, das sei eine hervorragende Quote, «die jedem Fussballer gut anstehen würde».

Weil die Uefa laut Collina den Ungarn Kassai (Ukraine - England) «schützen» will, gehört er wie der Deutsche Stark, der Holländer Kuipers und der Spanier Velasco Carballo zu den Referees, die das Turnier verlassen müssen.




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