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Tagblatt Online, 01. Mai 2012 16:26:00

Rechsteiner: Linke muss sich neu orientieren

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Paul Rechsteiner am traditionellen 1.-Mai-Umzug in Zürich. (Bild: Keystone)

Der Tag der Arbeit hat die Menschen in Zürich massenweise auf die Strasse gelockt. Rund 12'000 Personen nahmen am Umzug durch die Innenstadt und an der Kundgebung teil - 2000 mehr als im Vorjahr. Der St.Galler SP-Ständerat Paul Rechsteiner rief zu einer Neuorientierung der Linken auf.

Nach 15 Jahren Neoliberalismus und Fehlentwicklungen sei es an der Zeit, das Ruder herumzureissen, sagte Ständerat Paul Rechsteiner an der Schlusskundgebung auf dem Bürkliplatz. Es brauche eine Lohnpolitik der Vernunft, klare Massnahmen gegen Lohndumping, anständige Mindestlöhne sowie mehr Wertschätzung der Arbeit und Respekt vor den arbeitenden Menschen. «Wer voll arbeitet, muss von seinem Lohn leben können», forderte der Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes.

Rechsteiner plädierte zudem für bessere Renten, die ein anständiges Leben ermöglichen. Das entspreche auch dem Verfassungsauftrag. Um all die Ziele zu erreichen, müsse sich die Linke neu orientieren und bereit sein, auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen und Mehrheiten anzustreben.

Den Kampf müsse die Linke nicht nur in den Städten, sondern auch in den Agglomerationen führen. «Es gibt kein Naturgesetz, dass die Agglo SVP ist», sagte Rechsteiner. Gute Löhne und gute Renten seien der Schlüssel für neue politische Mehrheiten.

Internationale Solidarität
Viel Applaus erntete auch der ägyptische Gewerkschafter Kamal Abbas, der zum ersten Mal seit der Revolution sein Land verlassen hat. Abbas betonte den Wert freier Gewerkschaften und internationaler Solidarität. Bei der Revolution im vergangenen Jahr hätten die Arbeiter eine herausragende Rolle gespielt. Der Kampf werde weitergehen bis die Ziele erreicht sein. «Wir fordern Gerechtigkeit, ein Recht auf Arbeit, gerechte Löhne und ein menschenwürdiges Leben», sagte Abbas.

Eidkonsumenten statt Eidgenossen
Mit viel Sprachwitz nahm der Berner Schriftsteller Pedro Lenz die heutige Konsumgesellschaft aufs Korn. Er sprach die Teilnehmenden der Kundgebung mit «Genossinnen und Genossen» an, obwohl der Begriff aus der Mode gekommen sei. Aus Genossen seien Konsumenten geworden und aus der Eidgenossenschaft eine Eidkonsumentenschaft. «Konsum ist die Religion unserer Zeit», sagte Lenz. Und wie bei jeder Religion sei es auch beim Konsum der Brauch, dass man nicht zu viel hinterfrage, nicht zu viel anzweifle, nicht zu viel widerspreche.

Lenz bedauerte, dass es kein Bewusstsein mehr für das Kollektiv gibt, in dem alle Platz haben. Es sei nicht zu verstehen, dass es nicht endlich selbstverständlich sei, dass man Werte und Rendite so verteile, dass es für alle genug gebe zum Leben. Der 1. Mai sei geeignet, darüber nachzudenken, was die Alternative sein könnte zum Konsumwahn, zur Schönheitswahl und zum Starkult. Lenz forderte Gemeinschaftlichkeit und Solidarität über alle Grenzen und warnte vor Fremdenhass und nationalem Egoismus.

Friedlicher Zug durch die Innenstadt
Begonnen hatte die offizielle Mai-Feier mit dem traditionellen Umzug durch die Innenstadt. Auf Transparenten forderten die Teilnehmenden neben mehr sozialer Gerechtigkeit auch «Mehr Demokratie für alle - statt Geld und Macht für wenige» sowie die Bekämpfung von Lohndumping.

Das offizielle Motto der Gewerkschaften war auch in Zürich «Mehr Schutz, mehr Lohn, mehr Rente». Das 1.-Mai-Komitee hatte sich «Für unsere Rechte, eine gerade Linke» auf die Fahnen geschrieben. Unter den Teilnehmenden gab es viele Familien mit Kindern sowie Gruppen aus verschiedenen Ländern.

Laut Kantons- und Stadtpolizei Zürich hatten sich rund 300 Personen dem Zug angeschlossen, die der linksautonomen Szene zuzuordnen sind. Zu nennenswerten Zwischenfällen sei es jedoch nicht gekommen. Die Polizei hatte schon im Vorfeld angekündigt, dass sie Ausschreitungen am 1. Mai im Keime ersticken werde.

Zum ersten Mal bildete Personal aus verschiedenen Branchen die Spitze des Umzugs. Vertreterinnen und Vertreter von Bau, Verkauf, Gesundheitswesen und Verkehrsbetrieben der Stadt Zürich (VBZ) brachten an der Schlusskundgebung ihre Anliegen für bessere Arbeitsbedingungen vor.

Eine besondere Form des Protestes wählten die Sängerinnen und Sänger des Zürcher Opernhauses. Sie sangen den Gefangenenchor aus Verdis Nabucco. Mit einem selbst komponierten Rap verschafften sich die «Roten Falken», eine linke Kinder- und Jugendgruppe, auf dem Bürkliplatz Gehör. (sda)





Leser-Kommentare:
1 Beitrag

Kommentar lesen

adolfk31 (01. Mai 2012, 17:11)
Denn ohne ...

Die an eine Privatfirma verscherbelten „Raub Gebühren Einreiberei“ für die weitere Produktion ungeniessbarer Radio- und Fernsehprogramme gäbe es gar keime "linkverlasteten Parteien" mehr .... Unangenehme Lauscher im Ausland werden daher ganz einfach „ausgefiltert“ !!!!

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