Bis zum phänomenalen Aufstieg der SVP war die Rollenverteilung im Schweizer Bürgertum klar: Die FDP gab in Wirtschaft, Staat und Militär den Ton an, die CVP spielte ausser in ihren Stammlanden klar die zweite Geige. Die kleine Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei BGB, die Vorgängerin der heutigen SVP, war ein braver und ungefährlicher bürgerlicher Juniorpartner. Der gemeinsame Feind hockte links und wurde im Parlament fast immer in die Minderheit versetzt.
Erst als der Zürcher Pfarrerssohn Christoph Blocher in den 70er-Jahren die politische Bühne betrat, änderte sich dies – wenn auch vorerst nur ganz langsam. «Vor der Abstimmung zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) 1992 war Christoph Blocher ein vielversprechender, ab und zu unbequemer Bürgerlicher unter vielen – der bei Kaiseraugst bewiesen hatte, dass er Mehrheiten organisieren konnte», schreibt Markus Somm in seiner Blocher-Biographie, die heute in die Bücherläden kommt. «Nach dem EWR war er in den Augen der Bürgerlichen im Freisinn und bei der CVP der gefährlichste Schweizer Politiker seit Hans Waldmann, dem Zürcher Bürgermeister, den man wegen tyrannischer Anmassungen im 15. Jahrhundert geköpft hatte.»
Keine Frage, der «Weltwoche»-Journalist Markus Somm ist ein Blocher-Bewunderer. Seine Versuche, kritische Distanz zum mächtigsten und bekanntesten Schweizer Politiker der vergangenen Jahrzehnte zu markieren, gelingen nur halbwegs. Ihm deswegen aber den Strick zu drehen und die 516 Seiten dicke Biographie als reine Blocher-Lobhudelei zu bezeichnen, wäre dennoch unfair.
Vieles, was Somm detail- und anekdotenreich beschreibt, liegt auf der Hand. So ist unbestritten, dass der erfolgreiche Kampf gegen den Beitritt der Schweiz zum EWR aus Blocher das gemacht hat, was er bis heute in den Augen der konservativen Schweiz ist: ein Held, ja ein Heiliger. Somm wird nicht so pathetisch. Für ihn ist Blocher der «Anführer einer konservativen Revolution», die nach den gesellschaftspolitischen Umwälzungen von 1968 eingesetzt hat und immer noch andauert. Er ist der «Retter der alten Schweiz», die unbeirrt an Werten wie Neutralität, Unabhängigkeit und Föderalismus festhält, ein Kritiker des Zeitgeistes.
Unbestritten ist auch, dass Blocher die SVP programmatisch von der Mitte nach rechts geführt und aus ihr bis zu den Wahlen von 2007 die mit Abstand stärkste Partei des Landes gemacht hat. Einst bei 11 Prozent, weiss die SVP heute fast 30 Prozent der Wählerschaft hinter sich. Sie verleibte sich zuerst die Auto-Partei, dann die konservativen Katholiken und schliesslich viele Freisinnige ein. Das Pendant zu Blochers Aufstieg ist der Niedergang des freisinnig-bürgerlichen Establishments, das die Schweiz einst nach Belieben regiert hat. Das sei ein Grund, weshalb zahlreiche Bürgerliche Blocher vor gut einem Jahr wieder aus dem Bundesrat abgewählt haben, schreibt Somm.
Diesen Aufstieg, diese «Revolution» alleine mit Rechtspopulismus, Demagogie oder Herrschaft eines Milliardärs zu erklären, greife zu kurz, meint Markus Somm. Blocher sei kein Volksverführer, sondern nur ein volkstümlicher Politiker. «Die direkte Demokratie ist eine Voraussetzung für Blochers Triumph», schreibt Somm. Ohne Referenden und Initiativen hätte Blocher keine Bühne für seine Botschaften gefunden.
Was Somm nicht aufdeckt – und das schadet letztlich der Qualität des Buches – ist Blochers cleveres Doppelspiel, das zum Leitmotiv moderner SVP-Politik geworden ist. Mit Tiraden gegen Europa, Ausländer und generell alles Fremde sollen verlorengeglaubte Heimatgefühle gekitzelt werden, um damit jene Wirtschafts- und Sozialpolitik zu kaschieren, die in erster Linie den oberen Zehntausend nützt. Der kleine Mann, den Blocher so gerne zu vertreten vorgibt, leidet am Ende unter einer Politik, die Somm als «volksnah» idealisiert. Die konservative Revolution geht weiter, schreibt Somm. Seit der Abwahl Blochers aus dem Bundesrat könnte man auch zu anderen Schlüssen kommen.
Stefan Schmid
| 1 Kommentare | Beitrag kommentieren |
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von freederic 12.02.2009 10:25 Uhr |
Alter armer BlocherWie tief man sinken kann, wenn die Hirnzellen nur noch einseitig funktioniere, ist im Bild Blocher ausserordentlich gut zu erkennen. Ohne sein Vermögen und der Unterstützung duch seine Familie und seiner Trabanten wäre dieser Mann längst hinter hohen Mauern in der Klpsmühle verschwunden. Schade dass ein wirkliches Genie, das war er ohne Zweifel, so tief sinken muss um zu erkennen dass er längst hätte abdanken sollen. Wenn Selbstüberschätzung dem logischen menschlichen Verstand Platz gemacht hat, wie bei Hr. Blocher ist nicht mehr Häme am Platz sonder nur noch tiefes Bedauern. |
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