Dass der Präsident eines Landes mitten im Pendlerverkehr allein im Zug reist, mag Sicherheitsexperten erstaunen. Doch seit Merz mit der Dienstlimousine mehrmals vor dem Gubristtunnel steckenblieb, vertraut er auf die SBB. Manchmal kommen Leute auf ihn zu, klopfen ihm auf die Schulter oder sagen ihm erbost ihre Meinung. Einmal ermahnte ihn ein Deutscher sogar, im Ruhewagen zu schweigen, als Merz es gewagt hatte, eine Bekannte zu begrüssen. Das löste Gelächter aus. Aber für gewöhnlich lassen ihn die Passagiere in Ruhe.
Dann studiert Merz konzentriert Akten. Wenn er als Bundespräsident seinen Verpflichtungen nachkommt und nebenbei ein Departement mit 9000 Angestellten führt, bleibt dafür sonst kaum Zeit.
Wer Merz gegenübersitzt, kann seinem Esprit leicht verfallen. Das wird an diesem Tag vielen so gehen. Schon das Gespräch auf dem Weg frühmorgens nach Bern ist mit unterhaltsamen Anekdoten gespickt. Lange ist es her, seit der Bundespräsident für eine Firma der Schmidheiny-Dynastie die Welt bereiste.
Das öffnet ihm bis heute Türen. Als ihn vor einem Monat der saudische König mit Prunk und Ehren empfing, war der Bonus noch da. König Abdullah wusste sofort, dass Schmidheinys Unternehmen in seinem Land Wasserleitungen verlegte und dass sie noch immer funktionieren.
Wenn man mit Merz in diesen Wochen spricht, kann es aber nicht nur um Wüstenkönige gehen. Schnell schwenkt das Gespräch auf den Kampf gegen Steueroasen oder das UBS-Debakel. Wer nun glauben würde, diese Kontroversen hätten sein Weltbild grundlegend verändert, täuscht sich.
«Die Schweiz hat einen besseren Ruf, als viele glauben. Für Gründlichkeit, Pünktlichkeit, Qualität werden wir geschätzt.» Mit kritikloser Akzeptanz von Schweizer Traditionen habe das nichts zu tun, sagt Merz. Sondern vielmehr mit der Achtung vor den Institutionen und vor dem reibungslosen Funktionieren des Staates. Eine Achtung, die mit jeder Auslandreise steige.
Achtung erfährt nicht nur die Schweiz, sondern auch Merz – zumindest von Passanten in der Berner Altstadt. Doch sie müssen sich mit ihrem «Grüezi, Herr Bundespräsident» be- eilen. Denn kaum haben sie ihren Kopf gewendet, ist Merz schon vorbei. Im Eilschritt strebt er in Begleitung seiner Weibelin seinem Altstadthotel zu, um seine Tasche zu deponieren. Dort wohnt er unter der Woche.
Das Hotel ist unscheinbar, gehört nicht zur ersten Adresse der Hauptstadt, aber es liegt nahe bei der Aare. Dort beginnt Merz seinen Tag in der Regel frühmorgens mit einem Lauf. Nach sechs Stunden Schlaf. «Das Regieren hält mich jung», sagt Merz später im Büro, als er die Zeitungen durchgeht, Sitzungen organisiert und sich für ein Radiointerview vorbereitet. «Ich fühle mich besser als vor der Operation. Die verstopften Zugänge zum Herz sind wieder frei.»
Im Bücherregal ruhen Nietzsche und Goethes «Faust» neben ein paar Standard- werken zur Finanzwirtschaft. Zwei grossformatige abstrakte Gemälde, gemalt von seiner Frau, zieren die Wände seines Büros. Macht ihn die Kunst so gelassen? Mitarbeiter berichten, sie würden Merz kaum je genervt sehen. «Man geht gerne an Sitzungen mit ihm, weil man danach immer heiterer ist als vorher», sagt beispielsweise Merz' persönlicher Mitarbeiter Andrea Caroni. Als die Kritik nach dem 13.
März und der Aufweichung des Bankgeheimnisses niederprasselte, wunderte sich Caroni manchmal, wie der Chef das alles wegsteckte. Merz sei seiner Aufgabe nicht gewachsen, er stehe den Banken zu nahe, zaudere und sei zu harmoniebedürftig. Aus dieser «Harmoniesucht» heraus habe er im Steuerstreit mit der EU zu lange gezögert. Und er habe die amerikanische Gefahr für den Bankenplatz unterschätzt, schrieben die Kritiker.
Merz sieht das natürlich anders: In seinem Verständnis von Politik haben schnelle Veränderungen oder überstürzte Aktionen wenig Raum, es sei denn, es geht um die Rettung der UBS.
Eine Summe von klugen Details bringe das System zum Funktionieren, erklärt der Magistrat. Schritt für Schritt, als evolutionäre Entwicklung.
Revolutionen haben wenn schon in der Kunst ihren Platz. Das wird deutlich, als er an diesem Morgen DRS 3 ein Interview gewährt. Frisch, Dürrenmatt, jamaikanischer Reggae und Opern: Merz spricht über seine literarischen und musikalischen Vorlieben und nimmt damit den Moderator schnell für sich ein. Dass sich ein Finanzminister auch für Kultur interessiert, sei kein Widerspruch, sagt Merz. Und dann zitiert er auch noch C. G. Jung: «Werde, der du bist!»
Was Merz ist, ist zumindest für die nächsten sechs Monate noch klar: Señor Presidente, wie es die peruanische Botschafterin in ihrem weichen Spanisch eine Stunde später beim Empfang im «Bellevue» formuliert. Sie lässt ihren ganzen Charme spielen. «Bei der nächsten Reise müssen Sie nach Peru kommen!», sagt sie und hebt das Glas. Der Botschafter aus der Dominikanischen Republik doppelt mit einem breiten Lachen im Gesicht nach: «Und reisen Sie zu uns in die Karibik, Presidente. Sie ist wunderbar!»
Merz verspricht nichts und dennoch wird das Mittagessen im Berner Nobelhotel zum Heimspiel. Der Bundesrat aus Herisau erinnert sich an seine Arbeitsaufenthalte in Südamerika in den 70er-Jahren, brilliert mit Detailkenntnissen über abgelegene Landschaften in Chile und parliert bei Orangensaft und Champagner derart eloquent in Spanisch, als sei er gerade von einem Sprachaufenthalt zurück. Das beeindruckt: Als Señor Presidente seine Rede hält, notieren die zehn Botschafter eifrig mit.
Wer glaubt, der südamerikanische Rhythmus pflanze sich nun durch den ganzen Tag fort, wird schnell eines Besseren belehrt. Die Agenda lässt kaum Freiräume. Zurück im Büro verschafft sich Merz einen Überblick. Später hat er eine Unterredung mit dem Chef der Finanzverwaltung. Um viertel vor vier dann steigt er mit seinem persönlichen Mitarbeiter schwungvoll in die schwarze Limousine. Sie schwebt Richtung Westschweiz.
Um die Romandie bemüht sich Merz im Präsidialjahr besonders: Denn Umfragen zeigen, dass der Finanzminister jenseits des Röstigrabens weniger gut ankommt als in der Deutschschweiz. Das hat mit dem unterschiedlichen Staatsverständnis zu tun: Die Westschweizer verstehen nicht, wie einer so erpicht sein kann, um jeden Preis Defizite zu vermeiden. «Als Finanzminister ist man oft der Böse. Ich kann keine Brücken oder Tunnels einweihen, sondern muss auf die Ausgaben achten», sagt Merz.
Das Karikaturenfestival in Morges ist ihm eine Herzensangelegenheit. Nach dem Kollaps im Oktober und der schnellen Genesung schenkten ihm seine Mitarbeiter eine Zeichnung des Westschweizer Karikaturisten Bürki. Sie zeigt den 66jährigen Bundesrat, wie er vom Operationstisch aufs Spitalbett und von dort auf seinen Bürostuhl springt. Und in Morges begegnet er Bürki nun zum erstenmal. Und wieder parliert Merz da und dort, hält eine lockere Rede. Sein Esprit kommt an. Auch bei der jungen Romande Isabelle Hadji, die jedes Jahr ans Festival kommt.
Stolz zeigt sie ein Bild mit dem Autogramm von Merz. Dass der Ostschweizer auch noch für ein Foto posierte, rechnet sie ihm hoch an. Auch der Bundespräsident ist zufrieden. Auf der Fahrt zurück nach Bern bereitet er eine Rede vor, die er am nächsten Tag an einer UNO-Konferenz in Genf halten wird. Dort trifft er auf Sarkozy und Brasiliens Präsidenten Lula. «Wenn die Oberhäupter kommen, dann soll auch der Bundespräsident hingehen», sagt Merz. Dann schaltet er den Fernseher ein.
Die «Tagesschau» läuft, als der Dienstmercedes im Waadtland in einen Tunnel taucht. Jetzt kommt es zur einzigen Panne an einem ansonsten reibungslosen Arbeitstag: Das Fernsehbild flackert und schmiert immer wieder weg.
Jürg Ackermann
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