Auch wenn der Zürcher Hans Rüegg (64) seit 40 Jahren in Liechtenstein zu Hause ist, ein profunder Kenner der Schweizer Wappenkunde ist er geblieben. «Die Heraldik fasziniert mich seit Jahrzehnten», sagt der gelernte Buchbinder, der später viele Jahre bei einer Liechtensteiner Bank arbeitete.
In Zeiten, wo sich in vielen Kantonen Gemeinden zusammenschliessen, sind Heraldiker gefragte Leute. Denn immer, wenn zwei oder mehrere Gemeinwesen fusionieren wollen, beschäftigt die Bürger nicht die Frage, wer neuer Präsident oder wie hoch der Steuerfuss sein wird. Vielmehr sorgen Name und Wappen der neuen Gemeinde für hitzige Debatten. Im Kanton Freiburg sind Gemeindefusionen schon an der Wappenfrage gescheitert.
Im Glarnerland, wo bis 2011 aus 25 Gemeinden drei entstehen, ist die Sache nicht anders. Dort ist seit Wochen eine Diskussion über Wappen und Namen im Gang, die gespickt ist mit Emotionen und vielen Unwägbarkeiten. An der ersten ausserordentlichen Gemeindeversammlung der Gemeinden Netstal, Riedern, Glarus und Ennenda wird am 12. Dezember auch über Namen und Wappen abgestimmt. Aus der Bevölkerung sind viele Namensvorschläge eingegangen: Glarinenda? Glarineten? Strician? Oder doch lieber das vertraute und bekannte Glarus? – Die Projektgruppe will dem Volk diesen Namen beliebt machen. «Immerhin tragen 14 Kantonshauptorte den gleichen Namen wie der Kanton.» Beim neuen Wappen werden dem Volk aus 30 Vorschlägen vier Varianten präsentiert, darunter das bisherige Wappen von Glarus, der schwarze Steinbock. Für Rüegg ein «überzeugendes und schlichtes Wappen», das heraldisch besticht. «Kein anderes Wappen könnte diese starke Aussagekraft übertreffen. Glarus wäre schweizweit der erste Kantonshauptort, der sein Wappen wechseln würde.»
«Alle Gemeinden wollen nach einer Fusion beim neuen Wappen möglichst viel von ihrem alten hinüberretten. Da ist die Gefahr gross, dass aus zwei, drei oder vier guten Gemeindewappen ein hässlicher Comicstrip entsteht, der heraldischen Regeln widerspricht», sagt Rüegg. Häufig gewählt würden «redende Wappen», die den Namen des Dorfes illustrieren, andere setzten landschaftliche Merkmale oder den Anfangsbuchstaben der Gemeinde ins Wappen.
Max Rohr ist Gemeindepräsident von Bronschhofen. Läuft alles nach Plan, wird die 4500-Einwohner-Gemeinde ab 2013 mit dem viermal grösseren Nachbarn Wil zusammengehen und zur drittgrössten St. Galler Gemeinde aufsteigen. «Die neue Stadt dürfte Wil heissen», bleibt Rohr Realist, «aber im neuen Gemeindewappen soll Bronschhofen auch vertreten sein.» Und so dürfte die goldene Amon-Schnecke aus Bronschhofen den Weg zum schwarzen Wiler Bären finden.
«Wappen und Namen haben bei der Schaffung einer neuen Gemeinde in der Bevölkerung eine grosse Bedeutung», sagt der Gemeindepräsident. Er spricht von Emotionen und Verbundenheit und warnt davor, «weichen Faktoren» kein Gewicht beizumessen. «Das beschäftigt den Bürger mehr als die Buchhaltung», hält Max Rohr fest.
Dabei haben Wappen in vielen Schweizer Gemeinden keine Tradition. Erst als im letzten Jahrhundert mit der geistigen Landesverteidigung die Gemeinden aufgefordert wurden, ihr Emblem an die Landi 1939 zu schicken, kamen viele Kommunen zum eigenen Wappen. «Schnell wurde dieses zum geistigen Eigentum und äusseren Symbol einer Gemeinde», sagt Rüegg. Für den Fachmann ist klar: Wenn sich Gemeinden zusammenschliessen, sei es am einfachsten und sinnvollsten, dem Frischling den Namen und das Wappen der bisher grössten und bekanntesten Gemeinde zu geben. Rüegg: «Leider ist dem nicht immer so. Am schlimmsten kommt es immer dann raus, wenn nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner gesucht wird.»
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